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ANDREAS SCHAERER meets ARTE QUARTETT & WOLFGANG ZWIAUER
Perpetual Delirium *********

CD
01. Großer Bruder vom Q1 (Schaerer), 02. Artediem, 03. La Recontre, 04. Quartett I, 05. Perpetual Delirium, 06. Zirzensisches Mittelstück, 07. Ugg, 08. Sampfampfe, 09. Vinsquo

DVD
01. Beyond Perpetual Dreams - a film by Klemens Schiess, 02. Perpetual Delirium - Live Premiere

Andreas Schaerer - voc, Beat Hofstetter - ss, sopranino, ts, Sascha Armbruster - ss, as, mezzosopran, Andrea Formenti - ts, bars, Beat Kappeler - bars, tubax, Wolfgang Zwiauer - bg

rec. 10.-12.03.2014
BMC Records BMC CD 214

Die Kölner Saxophon Mafia ist tot (nein, nicht ganz tot: sie ruht seit drei Jahren), aber zwei der ehrenwerten Herren schrauben wenigstens an der Entwicklung des Genres weiter, die neue Drehung heißt:
All Saxophone Ensemble plus...
Ja, ja, der Gedanke ist überhaupt nicht neu, die Saxophon Mafia selbst hat sich frühzeitig mit allen möglichen verbunden, vom kölschen Karnevalshelden bis zum afrikanischen Perkussions-Ensemble.
Aber, wenn Roger Hanschel und Steffen Schorn sich jetzt mit dem besten alter ego dieses Ensembletyps aus dem klassischen Lager verbinden (mit dem Raschér Saxophone Quartett) und damit z.B. Hermeto Pascoal und Hanschel selbst interpretieren, ist doch eine neue Ebene erreicht.
Und sie stehen nicht allein. In England spürt das Delta Saxophone Quartet mit dem Pianisten Gwilym Simcock dem Nachhall von King Crimson nach, und zumindest discografisch überprüfbar ragt der Gipfel der neuen Entwicklung aus der Schweiz.
In „Perpetual Delirium“ entzünden sich zwei eidgenössische Eigenschaften (Präzisionshandwerk & Groove) mit einer überbordenden Fantasie zu einem seltenen Feuerwerk.
Präzisionshandwerk (was die beiden anderen in diesem Sextett auch auszeichnet) betreibt das Arte Quartett seit 1995, sozusagen „at the fringe of jazz“, nicht mittendrin, aber mit Leuten von drinnen & draußen wie Terry Riley, Fred Frith oder Pierre Favre.
Wolfgang Zwiauer gehört zu den Groovearbeitern, mit denen der Schweizer Jazzrock seit Jahrzehnten gut bestück ist, von Donkey Kong´s Multiscream bis Nick Bärtsch´s Ronin; Zwiauer hat jahrelang bei Christy Doran´s New Bag gepumpt und 2008 bei Nils Wogram´s einzigem Jazzrock-Projekt.
Auf die Idee muss mal erst mal kommen: das staccato, zum „Eckigen“ neigende Saxophon-Ensemble, mit dem legato, dem „Runden“ eines so timing-sicheren Baßgitarristen zu verbinden. Mit anderen Worten: dieses Sextett groovt.
Schaerer & Arte & Zwiauer gelingt damit das Kunststück, diesen Ensembletyp aus dem Kammermusiksaal herauszuführen - ein Elektrobass, und tönt er auch noch so leise, lässt sich assoziativ nun mal nicht in eine Kammer sperren.
cover schaerer arteIm Gegensatz zu einem Duo mit Lucas Niggli verzichtet Schaerer hier auf jegliche Elektro-Akustik, man erlebt ihn sozusagen „pur“ mit allem, was sein Organ hergibt.
Und das ist zwischen Schnalzen und Falsett ein unglaubliches Panorama an pitched mouth noise (niemals Text), das den einstigen Kampfbegriff von Frank Zappa vollkommen umdreht.
Völlig aus dem Häuschen brächte den alten Zyniker track 7, „Ugg“, das mit gemächlich alpenländischer Polyphonie eingeblasen wird. Ab 1:10 gibt Schaerer den Naivling im Urwald mit allerlei Tierlauten, gegen Minute 2 hat man den Eindruck: es gesellt sich jemand dazu. Oder, Schaerer nutzt multitracking im Studio.
Wer aber das Ensemble live erlebt hat oder auf der beiliegenden DVD die Live-Premiere (ab 44:00) unter die Lupe nimmt - da ist nichts und niemand, das diesen Vokalisten unterstützt. Die Zweistimmigkeit resultiert aus ein- und derselben Person: Andreas Schaerer.
Mit Schnalzlauten aus dem Mund produziert er einen Afro-Beat (Human Beat Boxing), mit der auströmenden Luft aus der Nase legt er eine simple Melodie darüber.
Zweistimmig vokal, Wahnsinn!
Ja, das hat was Zirzensisches. Und wer wüsste das besser als Schaerer selbst, der mit dem track davor, „Zirzensisches Mittelstück“ das Stichwort bereits geliefert hat, durch ein virtuoses Gebrabbel und Gestammel, das alle Phil Mintons alt aussehen lässt und sich oben auf die scharfen staccati der Bläser setzt.
Das darf bei aller Vokal-Gipfelei nicht unter den Tisch fallen: der Mann verfügt nicht nur über ein exorbitantes Mundwerk, er kann auch (welcher seiner Sangesbrüder und -schwestern zöge da mit?) komponieren.
Und zwar so, dass er in den fünfeinhalb Minuten von „Sampfampfe“ einfach mal die Klappe hält und die Art-Leute plus den Bassisten allein in den Balkan ausschwärmen lässt. Nein, nicht ganz allein, ein bisschen tuschelt er tiefe Perkussion von unten, als hielte er eine indische Ghatam in Händen.
Wer will das toppen? 2015 oder wann auch immer!


erstellt: 22.04.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten