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NORBERT STEIN Pata on the Cadillac *******

01. All is no Thing (Norbert Stein), 02. On the Cadillac, 03. Cat Walk, 04. In a man´s Mind, 05. Drifting, 06. Nondual Action, 07. The Gap, 08. Dinka Mood,  09. See you, Mara, 10. Roter Mund, verrücktes Fest

Norbert Stein - ts, Michael Heupel - fl, Nicolao Vallensi - euph, Ryan Carniaux - tp, Georg Wissel - as, Albrecht Maurer - v, Joscha Oetz - b, Christoph Haberer -
dr                                    

rec. 06/2012
Pata Music PATA 21 CD, LC 05107

Norbert Stein, in diesem Jahr wird er 60, hat, was viele, die eine Generation jünger sind und an „seinen“ Orten auftreten (Stadtgarten und Loft, Köln) nicht haben: Stil, Charakter, Identität.
Dass er allen seinen Aktivitäten die Doppelsilbe Pata voranstellt, hat daran den geringsten Anteil. Er könnte sie auch weglassen - die Musik klänge immer noch nach Norbert Stein.
Bei diesem Projekt freiich (was immer es bedeuten mag, booklet und Webseite geben keine Auskunft) hat er die Gewichte ein wenig verschoben. Die Pata-typische Hymnen-Melodik taucht erst mit dem dritten Stück auf, sie erscheint im weiteren Verlauf, nach einem Flöten-Solo über medium swing (ja, es swingt hier häufiger als sonst) noch einmal in anderer Form, nämlich in einer Art Sprech-Rhythmus.
pata_21_pata_on_the_cadillacDas ist ein häufig angewandtes Stilmittel: ein Thema so zu phrasieren, als würde ein Wortlaut wiedergegeben. Kantilenen, singbare Melodien, tauchen noch häufiger auf, das Album beginnt damit. Track 2, das Titelstück, setzt diese Technik fort. Und wendet sie in Richtung Kinderlied - man meint förmlich, „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“ mitsummen zu können.
Ein anderer Kunstgriff, ein Thema zu variieren, ist dessen Sequenzierung (Wiederholung) mit schrittweiser Dissosanz-Verschärfung, dem im Rhythmischen die Auflösung des Metrums entspricht.
Typisch dafür „See you, Mara“, das vom Euphonium geradezu in einem Stomp-Swing eingeleitet und hinterher rhythmisch-melodisch vollständig aufgerieben wird, bevor es sich zur Schlußrunde wieder aufrichtet.
Das Euphonium, der „kleine Bruder“ der Tuba, Nicolao Vallensi bedient es streckenweise mit zwei Schalltrichtern, dominiert auch „Nondual Action“, das einzige dezidiert binäre Stück des Albums, ein Funk.
Es hilft dem Nachvollzug des Albums, wenn man das Oktett in Bühnenaufstellung (Halbrund) erleben konnte: die Aufteilungen des Ensembles werden leichter nachvollziehbar.
Apropos Oktett, bis auf den alltime Pata man Michael Heupel und die Gelegenheits-Patas Haberer und Maurer hat Norbert Stein eine Team zusammengestellt, das zu seinen besten zählen dürfte.
Und man staunt, dass er dabei nicht mal über die Grenzen der Domstadt hinausgreifen musste, bis auf Michael Heupel (Bonn) und Christoph Haberer (Dortmund) leben alle in Köln: der aus New York zugewanderte - bemerkenswerte - Trompeter Ryan Carniaux, der Italiener Vallensi, Georg Wissel, der eine sehr eigene Klappentechnik vorführt, und nicht zuletzt Joscha Oetz, der ein paar Jahre in Peru gelebt hat und jetzt wieder in seiner Heimatstadt. Eine solche Intonationssicherheit, eine solche rhythmische Kraft am Kontrabass wirft die Frage auf: hat der bei Dieter Manderscheid studiert? Sein Wikipedia-Eintrag sagt: yes, Sir!

erstellt: 23.01.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten