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HUMCRUSH with SIDSEL ENDRESEN Ha! *******

01. ha! 1 (Storløkken, Strønen, Endresen), 02. ha! 2, 03. ha! 3, 04. ha! 4, 05. ha! 5, 06. ha! 6, 07. ha! 7, 08. ha! 8,  09. ha! 9

Ståle Storløkken - keyb, Thomas Strønen - dr, electr, Sidsel Endresen - voc

rec 8/2010
Cargo/Rune Gramofon RTD 2114

Dies ist ein Live-Mitschnitt vom Willisau Jazzfestival. Aber keiner im Publikum dürfte im Sommer 2010 die Musik so gehört haben, wie sie sich auf dieser CD präsentiert. Das macht nix. Eine der bedeutendsten Jazzaufnahmen, Miles Davis´ „Bitches Brew“ (1969), haben nicht mal die Mitwirkenden in der Form gehört, in der sie später in die Jazzgeschichte einging.
Während „Bitches Brew“ sich komplett der Post-Production verdankt, ist „Ha!“ gewiß weit weniger nachbearbeitet. Die Strukturen mögen sogar weitgehend unangetastet geblieben sein, der Mitschnitt wirkt absolut plausibel im Vergleich zu anderen Formationen, mit denen die norwegische Vokalistin Sidsel Endresen ihre Improvisationsmusik vorgetragen hat, beispielsweise mit Christian Wallumrød oder Jan Bang.
Verändert sind hier lediglich die Räume, manchmal - insbesondere in track 5 - liegt z.B. auf einzelnen snare-Schlägen eine Riesen-Hallfahne, die sie in Willisau unmöglich gehabt haben kann. Die Architektur einer freien Improvisation kann durch solche Kunstgriffe entschieden verdeutlicht werden.
Und eben darum handelt es sich: um ein freies Improvisieren mit Vokalistin und zwei Musikern, die zwar in hohem Maße manuell Instrumente bedienen, aber sehr genau wissen, wie sie in Realzeit an der Schnittstelle zur Elektroakustischen Musik Spektakel erzeugen können, rasch und variantenreich.

cover-humcrush-endresenDer erste track lässt nicht erahnen, zu welcher Qualität das Konzert sich später aufschwingen wird. Wir hören ein wenig Klein-Percussion, getupfte Keyboard-Klänge und das für Sidsel Endresen typische, quasi vor-sprachliche Formulieren - sinnfreie Silben wie im scat, aber zugleich Welten entfernt von dessen Formen der Phrasierung.
„ha! 2“ ist rein instrumental, hier verdichtet sich die Percussion zu rasanten tremoli, das keyboard legt an Schärfe zu, patterns wie in drum´n´bass tauchen auf. „ha! 3“ dauert fast neun Minuten - kurz vor Ablauf der Hälfte, nach ruhigen keyboard-Flächen mit allerlei Störklängen und Geflimmer auf der snare drum steigt Endresen erst ein. Auch dies ein Merkmal ihrer großen Kunst: warten zu können, nicht immer etwas äußern wollen. Sie dehnt die Silben, bildet Bögen, singt geradezu.
„ha! 4“ ist der Hammer! Man kann es nicht anders sagen. Der track beginnt wie komponiert: mit einer hohen keyboard-Fackel, die in Schlangenbewegungen durch den Raum gleitet, dabei an Fahrt gewinnt und den Drummer wie die Sängerin mitreißt, mitreißt, mitreißt!
Nach 3:15 schaltet Strønen um auf ein staccato, und wir lernen wenig später - es war der Auftakt zu einem knallenden Strampf-Marsch, dem schräge keyboard-Jauler immer wieder in die Parade fahren. Der track schließt mit Brabbel-Sounds von Endresen.
Wenn hier nicht später strukturell eingegriffen wurde, ist „ha! 4“ eine kleine Sternstunde der Verdichtung von nicht-geplanter Interaktion. Der track wiegt die gesamte CD. Bewunderungswürdig ist in der weiteren Folge nur noch das eine oder andere Detail, es ergeben sich nicht mehr solche Glanzmomente. In „ha! 9“ kommen die drei noch einmal nah heran.
Ein solches Niveau muss man erst mal erreichen. Eine solche Wechselwirkung aus Punkten und Flächen, noch dazu unter der Voraussetzung, dass ein elektro-akustischer Klang sich viel schneller verbraucht als ein Klavier-Ton.


erstellt: 24.10.11
©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten