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JONAS BURGWINKEL Source Direct ******

01. With Concern (Held), 02. Pinocchio (Wayne Shorter), 03.Eclectric (Burgwinkel), 04. Caligula, 05. Des (Held), 06. Don´t explain (Holiday, Herzog), 07. 15:28 (Held), 08. Italian Movie (van Dijk), 09. Velvetis (Burgwinkel), 10. Cocoon (Björk)

Julian Argüelles - ts, Niels Klein - ts, Claus Stötter - tp, Tobias Hoffmann - g, Pablo Held - p, ep, Robert Landfermann - b, Jonas Burgwinkel - dr
      

rec 20.-23.06.09
Indigo/Traumton 4559; LC 05597

„Jonas Burgwinkel“, jubelt Die Zeit, „ist der deutsche Jazzmusiker der Stunde“. Verschlankt man diese Aussage auf „deutscher Jazz-Schagzeuger der Stunde“, so gibt es dagegen nichts einzuwenden. Kein zweiter deutscher Drummer dürfte gegenwärtig, auch über das Rheinland hinaus, so häufig zum Einsatz kommen wie dieser Absolvent der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, der jünger ausschaut als die 30 Jahre, die sich aus seinem Pass errechnen.
Der „natürliche“ Ort für die Entfaltung eines solches Talentes, sollte man meinen, ist sein erstes Album in eigener Regie, nach etlichen in der Rolle des sideman, z.B. im Pablo Held Trio.
Erstaunlicherweise liefert „Source Direct“ für den Schlagzeug-Stilisten Burgwinkel aber wenig Belege. Das mag daran liegen, dass die Aufnahme zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung fast zweieinhalb Jahre alt ist, ein Zeitraum, in dem der kundige Hörer die Qualitäten Burgwinkels mehrfach ausgeprägter andernorts hat erleben können, ganz sicher im Pablo Held Trio und ebenso auch in einem weiteren, völlig anders gearteten Trio mit Hayden Chisholm (as) und Simon Nabatov (p), das hoffentlich bald veröffentlicht wird.
Dass Burgwinkel „swingt wie Hölle“, wie die Zeit hier herausgehört haben will, trifft hingegen fast gar nicht zu. Es sei denn, man würde die rhythmische Konzeption, die man damit gemeinhin verbindet, auch einem Brian Blade zubilligen. Keiner, der über zwei aufnahmefähige Ohren verfügt, würde Brian Blade absprechen, dass er swingt, aber sicher nicht „wie Hölle“. Die Gradlinigkeit des swing, die damit angetippt wird, ist bei Brian Blade nur als quasi nie hörbare Ideallinie vorhanden; gemessen an diesem Attribut, ist seine Art swing viel zu komplex, viel zu gebrochen und in tausend Mikro-Rhythmen aufgesplittert.
Jonas Burgwinkel hat, ohne dass man ihm nun licks nachweisen könnte, manches von Brian Blade in seinem Spiel - aber auch Dinge, die jener nicht hat, beispielsweise geräuschhafte Momente, die Burgwinkel dadurch erzielt, dass er allerlei Kleinzeugs über snare und toms rutschen lässt. Und auch so manche aus drum´n´bass abgeleitete Form taucht bei Blade auch nicht auf.
cover-burgwinkelDas Album beginnt mit einer Komposition von Pablo Held („With Corncern“), die zurückführt zu Herbie Hancock in den späten 60er Jahren, kurz bevor er als „Mwandishi“ Funk und Synthesizern sich zuwandte. Das Stück ist wie die drei folgenden in Quartett-Besetzung eingespielt: mit dem Pablo Held Trio als Kern, das best-austarierte Ensemble, dem Burgwinkel angehört. Wer ein Ohr hat für die Architektur(en) dieses Ensembles, dem mögen die jeweiligen Saxophon-Gäste ein wenig fremd erscheinen.
Wobei, zugegeben, Niels Klein sehr überzeugend Wayne Shorter paraphrasiert in dem ersten Höhepunkt dieser Produktion, „Pinocchio“. Burgwinkel und Held haben ganz viel Tempo aus diesem Klassiker herausgenommen, ihn auf ein binäres, im weitesten Sinne Latin-Fundament, gestellt, worauf die Rhythmusgruppe Landfermann/Burgwinkel absolut glänzen kann. Und - Pablo Held vor Hancock-ismen nur so sprüht, ohne - und auch das ist seine Kunst - Klischess zu zitieren. Das Kerntrio ist hier dermaßen bei sich, dass man nicht weiß, ob Niels Klein nicht mithalten will oder nicht mithalten soll, weil ihm hier vielleicht die Rolle eines Stoikers zugedacht ist.
„Pinocchio“ (aus dem Jahre 1967) steht hier nicht zufällig. Etliche Ideen dieses Albums scheinen aus dem zweiten Miles Davis Quintet (1965-68) fortgeschrieben, selbst da, wo später die Besetzung über Quintett-Stärke hinauswächst, beispielsweise das Sextett von „Italian Movie“.
Dieser anschwellende Marsch im 3/4-Takt dürfte für Jonas Burgwinkel das sein, was 1967 für Tony Williams „Nefertiti“ war, ein drum concerto bei permamenter Wiederholung des Themas. Nach Billie Holiday´s „Don´t Explain“, angelegt als Trauermarsch, übrigens der zweite Marsch dieser Produktion. Hier besticht Burgwinkel mit einer Figur auf der snare, die man nirgendwo sonst findet.
Sein eigenes „Velvetis“ führt völlig aus dem oben beschriebenen Kontext heraus; das Thema ist sehr Frisell-ig angelegt, der superb ausgeführte broken swing wandelt sich später unter dem Tenorsolo von Niels Klein in einen muskulösen open funk, dem man gerne auchviel länger zugehört hätte, denn hier agiert die derzeit beste deutsche Rhythmusgruppe (von Pablo Held in diesem Stück, im Gegensatz zu den Angaben im booklet, keine Spur).
Das Albums schließt mit den verschwimmenden Stimmen aller Akteure (auch hier schummelt das booklet) in einer Verbeugung vor Björk, und nur die schon entsprechend Vorbeschallten mögen darin einen besonderen Wert erkennen.
Von selbigem aber erweist sich durch alle zehn takes dieser Produktion das Kerntrio Held-Landfermann-Burgwinkel. Es zeigt mehr Passion und Gespür für Dramatik als alle Gäste. Das geht klar auf das Konto seiner langjährigen Zusammenarbeit, und dort hat der große Schlagzeuger Jonas Burgwinkel seine besten Momente.

erstellt: 24.10.11
©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten