Drucken

NILS WOGRAM & NDR BIG BAND Portrait of a Band *********

01. Hogwarts (Wogram), 02. Portrait of a Band, 03. You´re my everything (Warren), 04. Recycle or die (Wogram), 05. Thinking of air

Nils Wogram - tb, Dieter Glawischnig - cond, Simon Nabatov - p, Matt Penman - b, Tom Rainey - dr, Stephan Diez - g, Marcio Doctor - perc, Thorsten Benkenstein, Ingolf Burkhardt, Reiner Winterschladen, Claus Stötter - tp; Dan Gottshall, Nils Landgren, Stefan Lottermann, Ingo Lahme - tb; Fiete Felsch, Peter Bolte, Christof Lauer, Lutz Büchner, Frank Delle - reeds

rec 14.-18.08.06
enja 9178; LC-Nr 10386

HR BIG BAND feat JACK BRUCE *****

01. Never tell your Mother she´s out of tune (Bruce, Brown), 02. Rope Ladder to the Moon, 03. Spoonfull (Dixon), 04. Smiles and grins (Bruce, Brown), 05. Bornd under a bad Sign (Booker T. Jones, Bell), 06. Theme from an Imaginary Western (Bruce, Brown), 07. Milonga (Bruce, Hanrahan), 08. The Consul at Sunset (Jack Bruce), 09. We´re going wrong, 10. Deserted Cities of the Heart (Bruce, Brown), 11. Sunshine of your Love (Bruce, Clapton)

Jack Bruce - bg, g, p, voc; Jörg Achim Keller - cond, arr; Peter Reiter- keyb, Thomas Heidepriem - bg, Danny Gottlieb - dr, Martin Scales - g, Frank Gomati - perc, Corin Bruce - cowbell, Tobias Weidinger, Martin Auer, Thomas Vogel, Axel Schlosser - tp; Günter Bollmann, Peter Feil, Christian Jaksjø, Wolf Schenk- tb; Heinz-Dieter Sauerborn, Oliver Leicht, Steffen Weber, Andi Maile, Rainer Heute - reeds

rec 26.10.06
hr-musik.de hrmj 038-07; LC-Nr 11252

Es bietet sich an, die beiden Produktionen gemeinsam zu besprechen, weil sie sich leicht durch einen biographischen Faktor verknüpfen lassen: Jörg Achim Keller, hier noch Leiter der hr Big Band, ist inzwischen an diese Stelle in Hamburg gerückt, Dieter Glawischnig pensioniert.
Wenn mit der Wahl des Verbs eine Wertung anklingt, dann nicht per Zufall, denn obgleich der Wandel der hr Big Band - konzeptionell und handwerklich - unverkennbar ist, hat doch die Konkurrenz aus dem Norden - über alle Parameter gemittelt - die
Nase vorn (andernfalls hätte Keller das Pult nicht wechseln müssen).
Mag sein, dass die Frankfurter ebenso den Anforderungen gewachsen wären, von denen die Hamburger Kollegen lustvoll Gebrauch machen durften. Wenn letzterer Produktion also klar der Vorzug gegeben wird, dann weil sie sich durch eine ganz andere Spielmasse auszeichnet: sie stammt von
Nils Wogram, nicht nur einem der stärksten Instrumentalisten, sondern auch Komponisten des Europäischen Jazz.
Das Repertoire wurde - mit Ausnahme eines Standards - direkt für diesen Klangkörper geschrieben, wohingegen die hr Big Band Repertoire
aufbrezelt, das anderswo schon in beeindruckenden Einspielungen vorliegt. Konkret, gegen die beiden Cream-Fassungen von "Spoonfull" können noch so schöne Akkordwände von Jörg Achim Keller wenig ausrichten; er hat wirlich ein Mögliches getan, diese Rocksongs - die ja bestimmt nicht zu den schlechtesten ihrer Gattung zählen - auf Breitwandformat zu transponieren. Aber mehr ist nicht drin, mehr gibt die Form nicht her und auch ... der Star der Show nicht.
Als der
schwächste Mann der Ganzen Veranstaltung entpuppt sich Jack Bruce. Die Strahlkraft seiner einst betörenden Stimme ist versiegt, er kämpft mit der Intonation, und dies auch auf der Baßgitarre, mit ihrem muskulösen Pumpen einst sein Markenzeichen. Seit langem schon bevorzugt er eine bundlose, und damit mutet er sich - höre seine Solo in "Sunshine of your Love" - einfach zu viel zu.
Das alles spricht nicht gegen die Substanz von Jack Bruce´ Songs ("Theme from an Imaginary Western“ z.B. hat sich in einem Arrangement von
Dietmar Bonnen auch für Chor bewährt), vermutlich kämen sie in kammermusikalischen Fassungen sogar zum Leuchten, aber der massige Apparat einer Big Band findet zu wenig Futter darin - ihnen sei eine Zukunft ohne den Komponisten in der zeitgleichen Rolle als Interpret gegönnt.
Bei "Portrait of a Band" hingegen kann der Apparat aus dem Vollen seiner handwerklichen und klangfarblichen Möglichkeiten schöpfen - bis hin zu so genre-fremden Verrichtungen wie Kantinen-Gemurmel, das "Recycle or die" einleitet.
"Portrait of a Band“ ist als Titel also schon zutreffend, müßte recht eigentlich aber "Self-Portrait with a Band“ heißen. Der Komponist
Nils Wogram gewährt sich als Posaunisten viel Raum, z.B. im a capella intro zum Titelstück. (Hier übrigens ist er, der mit Albert Mangelsdorff bis dato wenig am Horn hatte, jenem sehr nahe: expressiv wie nie zuvor stellt die von jenem popularisierte Technik der multiphonics heraus, die durch gleichzeitiges Singen & Spielen erzeugten Differenztöne, die uns die Posaune als akkordisches Instrumente vorgaukeln.)
Das Titelstück wirkt
ellingtonesk, eine Vorliebe, die Wogram gelegentlich durchscheinen lässt. Später übernimmt Ingolf Burkhardt die Soloführung vor komplexen Bläser tutti, die sich zunehmend aufreiben - und per hartem Schnitt von einer Solo-Klarinette (Lutz Büchner) beantwortet werden. Hier, wie bei den meisten Kompositionen, ergibt sich der Eindruck der Suiten-Form: Wogram arbeitet sehr geschickt mit strukturellen und klangfarblichen Kontrasten - und hat das eine oder andere riff im Köcher.
Als großer Gewinn zeigt sich die Verpflichtung seines Langzeitpartners
Simon Nabatov für den Pianisten-Posten. Schon im Eröffnungsstück bedient er das Fender Rhodes Elektropiano in bester 70´s-Manier. Einen großen Moment hat er im schon erwähnten "Play or Die", wo er sein Solo tremolierend wie ein Klavierstimmer beginnt. Auch hier wählt Wogram wieder eine Abfolge verschiedener rhythmischer Aggregate: Wogram improvisert über einem slow swing, es folgt ein Marsch, dann schlingert die Posaunen-Gruppe in glissandi durch den Tonraum, während die Rhythmusgruppe das Tempo auf fast swing beschleunigt.
Yes, folks, jede einzelne Komposition ist komplexeren Zuschnitts als das ganze Jack Bruce-Kapitel am Main.
Zum Schluß setzt Nils Wogram noch eins drauf:
Tom Rainey (der uns gerade auch dank dieser Produktion immer mehr ans Ohr wächst) gibt einen hypnotischen Rhythmus vor, für den unsereins lange Zeit nichts weiter als "tribal" einfallen will, eine Art "Gene Krupa meets..." - ja wen eigentlich?
Nachfrage beim Komponisten - es handelt sich um einen "
serbischen Brass Band Beat". Die Bläser brechen wie aufgescheuchte Hühner ihren (Kanon)-Käfig auf.
Im Mittelteil, der Rhythmus läuft weiter, Soli von Matt Penman (Wogram´s gutem Kumpel aus Root 70), von Wogram selbst und erneut Nabatov. Mit der linken Pranke legt der zunächst einmal die Teilstücke des völlig abgedrehten Themas vor, das später in massigen tutti erklingen soll. Aber bevor es so weit ist, schweift er zusammen mit Wogram kurz ab - in eine
Samba (in serbischem Tempo).
"Thinking of air", der Titel des Stück - so Nils Wogram, "bezieht sich auf einen Tuba-Professor aus Hannover, über den es heisst, er können seinen Studenten beibringen, nur noch an Luft zu denken. Das ist auch nötig bei diesem Stück und seinen langen Lines."
Recht hat er, der Komponist. Und der Rezensent nimmt die Fernbedienung zur Hand und drückt erneut die Taste "5" - von dieser aufgewühlten Stimmung kann er gar nicht genug kriegen.

erstellt: 23.12.07

©Michael Rüsenberg, 2007, Alle Rechte vorbehalten