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e.s.t. Live in Hamburg ****

CD 1: 01. Tuesday Wonderland (Svensson, Berglund, Öström), 02. The Rube Thing, 03. Where we used to live, 04. Eighthundred Streets by feet, 05. Definition of a Dog
CD 2: 01. The goldhearted Miner, 02. Dolores in a Shoestand, 03. Sipping on the solid Ground, 04. Goldwrap, 05. Behind the Yashmak

Esbjörn Svensson - p, Dan Berglund - b, Magnus Öström - dr

rec 22.11.2006

ACT 6002-2; LC-Nr 07644

Die ZEIT hört hier eine "Sternstunde". Dankenswerterweise strebt sie mit ihrem Urteil nicht ins All, sondern begründet es mit einer sehr irdischen Referenz: "...eines der besten Konzerte von e.s.t."
Ach so.
Die ZEIT echot damit die Bewertung von
Siggi Loch, der in den Jahrzehnten seiner Produzententätigkeit weitaus mehr Jazz gehört hat als wohl 99 % der e.s.t.-Hörer (in einem Pressetext zählt er die "Piano-Legenden" auf, von Count Basie bis Keith Jarrett) und der über den 22.11.2006 in Hamburg resümiert: "An diesem Abend hat e.s.t. Geschichte geschrieben."
Welche Abteilung der Geschichte hier gemeint sein könnte, bedarf nur noch einer rhetorischen Frage, denn durch die Namens-Referenzen hat Loch zweifellos die Geschichte des Jazz, namentlich die der bedeutenden Jazz-Pianisten, im Blick.
Nun darf ein Produzent quasi naturgemäß seine Künstler rühmen, bis der Notzarzt eingreifen muß - ein jeder kennt schließlich die Wertbasis seines Urteils und kann sich danach richten.
Gerade im Falle e.s.t. setzt der Produzent zudem nur noch der Akkumulation der Rezensenten-Urteile (s)ein spezielles Sahnehäubchen auf.
Gleichwohl muß diese weitverbreitete Lobhudelei - in unseren Ohren eine
deformation professionelle - überraschen, ja befremden. Um den Erfolg eines Ensembles zu würdigen ("über 100 Konzerte in 24 Ländern vor über 200.000 Zuhörern"), reicht es ja vollkommen aus, bei quantitiven Kritierien zu verbleiben, vielleicht noch die schöne Kongruenz der Künstler mit ihren Kunden zu feiern, aber niemand zwingt dazu, die wirklichen Größen einer Gattung zum Vergleich heranzuziehen. Denn im Falle e.s.t. können die Verglichenen - als Gruppe sowie als Einzelne - nur den Kürzeren ziehen.
Wer dieses Doppelalbum aufmerksam durchhört, kann die dargebotenen Leistungen mögen (insbesondere die eine oder andere Idee des Schlagzeugers
Magnus Öström, der sich in manchen Intros auf raffinierte patterns versteht, z.B. in "Eighthundred Streets by feet" oder "Dolores in a Shoestand"), er kann sich gerne auch sehr gut unterhalten fühlen - aber er kann ernsthaft doch nirgends Anhaltspunkte finden, die zu der Aussage berechtigten, dieses Ensemble habe der Jazzgeschichte inhaltlich irgendetwas zu sagen.
Die Leistung von e.s.t. kommt unter
Auslassung fast aller Parameter zustande, die man zu den Errungenschaften des heutigen Jazz zählen darf. Nehmen wir das Top-Thema "Interaktion". Wer, wie das ja wohl üblich ist, zeitgleich auch andere Aufnahmen hört (in der JNE beispielsweise "Migration" von Antonio Sanchez, "Perception" von Gwilym Simcock, vom Keith Jarrett Trio ganz zu schweigen), der muß geradezu fassunglos die blanke Konvention zur Kenntnis nehmen, mit der bei e.s.t. eine Rhythmusgruppe einen Pianisten begleitet, ihm einen Teppich unterschiebt. Und - immer noch bleibt das Trio den Beweis schuldig, dass es eine elementare Form der Gattung beherrscht - den simplen swing.
Die Themen haben mitunter süffisanten Charakter, das ist richtig, sie sind nicht selten kantilenen-haft, man kann sich daran festhalten, aber sie werden wie ein Pasta-Teig linear ausgewalzt, es fehlen jegliche Kontrastierungen. Wenn solche auftauchen, sind sie klangfarblicher und nicht struktureller Art. Esprit, Anschlagskultur - Fehlanzeige.
Wer so wenig vom Jazz hat, warum sollte er dazugezählt werden? Warum nicht e.s.t. als eine instrumentale
Pop-Combo mit Improvisationsanteilen bezeichnen?
Von
Keith Emerson waren wir seinerzeit auch schwer beeindruckt - und keiner kam auf die Idee, ihn dem Jazz zuzuordnen.

erstellt: 06.12.07

©Michael Rüsenberg, 2007 Alle Rechte vorbehalten