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ARI HOENIG Inversations *******

01. Anthropology (Charlie Parker, Gillespie), 02. Dark News (Hoenig), 03. Rapscallion Cattle, 04. WB Blues, 05. Farewell, Falling in Love with Love (Rodgers, Hart), 06. Without within (Hoenig, Schwarz-Bart), 07. New found Innocence (Hoenig), 08. This little Light of Mine (trad)

Ari Hoenig - dr, voc; Jean-Michel Pilc - p, Johannes Weidenmüller - b, Will Vinson - as (3), Jacques Schwarz-Bart - ts (6)

rec 02.+03.04.2004
Soulfood/Dreyfus FDM 46050366942

Viele zerreißen sich heute das Maul über "The Art of the Trio", gemeint das Piano Trio, und ganz obenan sehen wir dann die üblichen Verdächtigen: den Herrn Esbjörn und seine Svenssons, Brad Mehldau, jüngst auch den kleinen Berliner, dessen Antlitz Tokoyo Hotel-like von einem Haarstrang teilverdeckt wird.
Kein Mensch redet bei dieser Olympiade vom franko-amerikanischen Trio um
Jean-Michel Pilc - dabei spielt es alle anderen an die Wand!
Das Trio existiert in seiner ursprünglichen Form nicht mehr, weil
Francois Moutin mit seinem Bruder eine gleichfalls explosive Combo aufgemacht hat.
Ari Hoenig, der Amerikaner in diesem Verein, war also gut beraten, just dieses Format für sein Debüt zu wählen und den Bass-Posten mit dem vorzüglichen Johannes Weidenmüller zu besetzen. Hoenig ist ein exzellenter Instrumentalist, ein Gruppenarbeiter, einer, dem nicht gerade kompositorisches Talent zugefallen ist und der obendrein kaum mit einer eigenen Stilistik aufwarten kann.
(Obwohl, wie sich hier zeigt, seine Domäne die
toms sind, das Thema des "WB Blues" spielt er darauf).
"Inversations" ist - wie die Alben des Jean-Michel Pilc Trio - geprägt von einem höchst variablen Umgang mit
time und einem Improvisationsvermögen, ja einer Improvisationssucht, die sich nicht um Formen schert. Die Standard-Lüge der gemeinen Jazzkritik, wonach dieser & jener mit "zwingender Logik" vorgehe, liefe beim Solisten Pilc vollkommen ins Leere. Der Mann kann auf dem Absatz kehrtmachen und ein völlig neues Fenster aufmachen. Nur in der ästhetischen Theorie wird ihm daraus ein Strick gedreht - in der Hörpraxis bedeutet dies Überraschung, Abwechslung, und noch einmal Überraschung, weil der Mann sich mal wieder was Neues einfallen läßt und seine Mitmusiker sofort folgen und jeden Einfall aufgreifen.
So hat er den schönen Standard "Falling in Love with Love" schon sehr elegant durchgekliniert, man wartet auf das Schlußthema, es kommt auch - aber Pilc fällt noch was ein, Hoenig sekundiert in
double time, in der Zielgeraden der Ballade geht die Post ab wie sonstwas!
Oder nehmen wir den rasanten opener, das alte
Bebop-Schlachtroß "Ornithlogy". Hoenig gibt den Rhythmus des Themas auf den toms vor, Pilc folgt mit einem Fragment, schließlich mit der kompletten Melodie, unisono mit Hoenig. Und dann geht ein hard swing los mit lauter kleinen Stolpersteinen, die aus dem Originalmaterial abgeleitet werden. Geradezu betörend dabei der Hang Pilcs zu Wiederholungen, die er mitunter zu kleinen hypnotischen riffs ausarten läßt.
Wie im klassischen Pilc Trio ist auch hier das einzige "Gesetz", dem sich alles unterwirft, das des gebrochenen
swing. Paradebeispiel dafür ist "Rapscallion Cattle"; das ist fast schon kein "Stück" mehr, sondern eine Versuchsanordnung, die phantasiebegabte Musiker wie diese hier ad libitum weiterführen könn(t)en; insofern ist hier nach 7:51 der Schluß eine pure Konvention, es könnte auch stundenlang, wenigstens bis an den Rand des Speicherplatzes einer CD so weitergehen - einem Mann wie Jean-Michel Pilc fiele schon genügend dazu ein.

erstellt: 29.03.07

©Michael Rüsenberg, 2007, alle Rechte vorbehalten