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HUGH HOPPER Hopper Tunity Box *********

01. Hopper Tunity Box (Hopper), 02. Miniluv, 03. Gnat Prong, 04. The lonely Sea & The Sky, 05. Crumble, 06. Lonely Woman (O. Coleman), 07. Mobile Mobile (Hopper), 08. Spanish Knee, 09. Oyster Perpetual

Hugh Hopper
- bg, g, rec, ss, perc; Elton Dean - as, saxello; Mark Charig - corn, th; Frank Roberts - ep, Dave Stewart - keyb, Mike Travis, Nigel Morris - dr, Richard Brunton - g, Gary Windo - bcl, ts

rec 05.-07.1976
Cuneiform Rune 240; LC-Nr 12436

Da kommt Freude auf: für Heini W. aus D. sowie Jürgen K. aus K., die seit Jahr & Tag fragen, ob denn "Hopper Tunity Box" von Hugh Hopper endlich auf CD vorliege, fällt nun Weihnachten und Pfingsten auf einen Tag.
Hugh Hopper hat das legendäre Werk wieder-veröffentlicht - und bereinigt um einen Fehler, der Käufern (und Hörern?) von "mehreren tausend Vinyl LPs" nicht aufgefallen sei, nämlich dass das Saxello-Solo von
Elton Dean (1945-2006) in "The Lonely Sea & The Sky" einen Sprung macht, ein Fehler beim Mastern der Erstedition als LP in nineteen seventy six.
30 Jahre später erscheint das Werk noch einmal, eine Sammlung von Ideen des vormaligen
Soft Machine-Bassisten, nach dessen Ausscheiden aus der Band 1973. Jawohl, die Musik trägt deutlich den Prägestempel der siebziger, aber das schadet einer heutigen Rezeption nicht im geringsten. Die Musik hatte damals schon Gewicht und konnte neben dem Leit-Ensemble der Canterbury Scene sich behaupten, wobei ihr zustatten kam, dass letzteres damals den Kernbestand dieser Ästhetik zusehends verflüssigte.
Was Hopper bei Soft Machine nicht unterbringen konnte, sind Band-Manipulationen vielfältiger Art: das Beschleunigen und Verlangsamen der Abspielgeschwindigkeit, das Wiederholen von patterns in Bandschleifen,
loops - damals harte Arbeit, heute ein Mausklick.
Dankenswerterweise hat Hopper in den liner notes auch den damaligen Produktionsprozess skizziert. Die Aufnahmen fanden demnach im mobilen Studio von
Yes statt, das zeitweilig in einem großen Filmstudio, später in der Nähe eines Schweinestalles in Hertfordshire aufgebaut war.
Es war ein Produktionsprozess mit allen Anzeichen eines Solo-Albums, die Arbeit eines versponnenen Bastlers: mit Ausnahme von "Crumble" nahm Hopper zunächst eine Baß-Spur auf (später aufgeblasen auf bis zu fünf bass-tracks und multi-tracking auch der anderen Instrumente, insbesondere Blockflöten), dann kamen Schlagzeug und andere Instrumente peu a peu hinzu. Schließlich wurden die Spuren mit allem, was seinerzeit an "analogen und improvisierten Effekten" zu Gebote stand, bearbeitet.
"Hopper Tunity Box" ist ein klassisches Werk der Canterbury Scene, durchdachter noch, variationsreicher als das vielzitierte "1984" vom selben Autor, und sicher jazz-bezogener. Als Indiz dafür mag nicht nur
Ornette Coleman´s "Lonely Woman" herhalten, das derart fragmentarisch interpretiert wird, dass es auch im heutigem Licht der ãDekonstruktion“ als modern erscheint.
Eine weitere Verbindung zu "1984" ist "Miniluv"; es erwächst übergangslos aus dem Titelstück: ein mächtiges
riff, gegen das Gary Windo´s Tenorsaxophon anschreit und schließlich alleine übrigbleibt.
Dann erneuter Auftritt von
Dave "Waterloo" Stewart (weil er gerne darauf verwies, eben nicht aus Canterbury zu stammen) in "Gnat Prong". Das Stück hat eine Art "Disco"-Rhythmus, darüber ein sehr jazziges Thema, das die verschiedenen Solo-Chorusse markiert, mehrere je von Hopper (auf verzerrtem Baß in doppeltem (Band)-Tempo) und Stewart auf der gleichfalls verzerrten Orgel. Das Stück mischt sich in einer langen Kreuzblende mit dem B-Teil in deutlich verlangsamten Tempo. Dieser Teil hat es in sich, er ist nichts weiter als ein lang-gestrecktes riff in bester Canterbury-Manier - vielleicht eines der schönsten aus dieser an riffs nicht gerade armen Tradition; noch dazu in einer modifizierten Ganzton-Skala, was den Eindruck des "Unfaßlichen" steigert.
"The Loney Sea and the Sky" wird von Hopper treffend als "simples neo-
Coltrane-Stück" charakterisiert - bloß dass es dank seines B-Teiles und rückwärts laufender Sounds wiederum sehr britisch ausfällt. "Crumble" zappelt rhythmisch erneut disco-nah und wird kurz vor Schluß glücklicherweise von einem Saxophon-riff (natürlich multi-track) aufgefangen.
"Lonely Woman“ bietet dazu einen erfrischenden Kontrast, und in "Mobile Mobile" dürften heutige Ohren eine Frühform des
TripHop erkennen. Alles schlingert verwunschen einher und wird im zweiten Teil von einem höheren Tempo "geweckt".
Diesem Muster, mit zwei Tempi gewissermaßen auf zwei Ebenen zu arbeiten, folgt ebenfalls "Spanish Knee" - freilich mit einem viel überzeugenderen Resultat. "Spanish Knee" gehört zu den Höhepunkten der ganzen Produktion, vor allem weil
Elton Dean mit einem der besten Soli seiner gesamten Karriere die beiden Ebenen überspannt.
Zum Ausklang dann "Oyster Perpetual" eine kleine Baß-Spielerei über viele tracks, mit leichten
minimal patterns, die Hugh Hopper diesmal zugunsten von jazz-nahen Formen reduziert hat.
Dies wäre, auf eine Formel gebracht, die Erklärung des großen künstlerischen Ertrages dieser Produktion. An ein solches Niveau hat er erst viele Jahre später, mit "Delta Flora" (1999), wieder anknüpfen können - ohne sich zu wiederholen.

erstellt: 7.3.07

©Michael Rüsenberg, 2007, Nachdruck verboten