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MEDESKI, SCOFIELD, MARTIN & WOOD Out louder *****

CD1
01. Little Walter rides again (Scofield), 02. Miles behind... (Medeski, Scofield, Martin, Wood), 03. In Case the World changes its mind, 04. Tequila and Chocolate, 05. Tootie Ma is a big fine Thing (trad), 06. Cachaca (Chris Wood), 07. Hanuman (Medeski, Scofield, Martin, Wood), 08. Telegraph, 09. What now... 10. Julia (John Lennon), 11. Down the tube (Medeski, Scofield, Martin, Wood), 12. Legalize it (Peter Tosh)
CD2
01. Go Go - Live (Scofield), 02. Cachaca - Live (Chris Wood), 03. The Tube - Live (Medeski, Scofield, Martin, Wood), 04. Amazing Grace - Live (trad), 05. Deadzy - Live (Scofield), 06. What now - Live (Medeski, Scofield, Martin, Wood)

John Medeski - keyb, John Scofield - g, Billy Martin - dr, perc; Chris Wood - b, bg

rec. 02/2006
Universal/Indirecto Records 06025 1720 439; LC-Nr 00699

Wer dieses Doppelalbum einigermaßen unvoreingenommen beurteilen will, muß sich erst einmal freischwimmen: von überall her prasseln Lubhudeleien in Sturzbächen herein, von den Beteiligten selbst, von der Plattenfirma, die in ihren Urteilen aus sämtlichen historischen Verankerungen gelöst erscheint, von den lieben Kollegen...
Alle geben sich hochtrunken von den Chancen einer Zusammenarbeit zwischen einem der führenden Jazzgitarristen der letzten Jahrzehnte, einem Musiker mit wohlvertrautem Hang zu Groove-Strukuren und - ja
MM&W, wofür stehen denn nun eigentlich? Für die einen sind sie die Groove-Truppe schlechthin (haben die nicht Sco mit Dennis Chambers und Gary Grainger gehört?), für unsereins waren ihre Leistungen immer mit einem großen hype-Faktor umnebelt.
MM&W und Sco trafen 1997 erstmals aufeinander, für die Produktion des Albums "A Go Go", und in klarer Ordnung: hier der Solist, dort die Begleitcombo.
Daß sie von dieser Hierarchie nun absehen und im Brooklyner Studio von MM&W erstmal kollektiv improvisierten, um dann das Material weiter zu bearbeiten, wird in der Propaganda zu dieser Produktion als eine Art Befreiungsschlag herausgestellt.
Nur klingt
CD 1, die Studiofassung, überhaupt nicht danach. Wir hören eine Sammlung halb-gegorener Gedanken, allerlei Bemühungen um Sound & Form: HipHop-Beats, Shuffles, eine New Orleans-, eine drum´n´bass-Figur, ein Motown-Groove, sogar zweimal Bossa Nova ("Tequila and Chocolate" sowie witzigerweise Peter Tosh´s ursprünglicher Reggae-Hit "Legalize it"). Dies alles vorgetragen in der Geste der typischen MM&W-Prätention, mit "dreckigen" Sounds und schrägen Klängen, die viel versprechen und wenig einlösen. Man wartet und wartet und wartet - immerhin ist hier mit John Scofield ein Groove-Meister beteiligt - bis endlich was losgeht, irgendwas. Nach einer guten halben Stunde, bei "What now", immerhin schon track 9, deutet ein Shuffle rhythmische Qualitäten an, ein organischer Fluß, wie sie früher in der Umgebung von John Scofield alltäglich waren.
Schon nach den ersten Minuten von
CD 2 stellt sich ein anderer Eindruck ein - die alte Ordnung ist weitgehend wieder hergestellt.
Das Suchen und Nicht-Finden hat ein Ende, es gibt eindeutige formale Strukturen, einen deutlich führenden Solisten und eine Rhythmusgruppe, die - wenn schon nicht mit avancierten patterns - doch kompetent und einigermaßen dynamisch begleitet. Der Keyboarder
John Medeski wächst nicht in die Rolle eines ebenbürtigen zweiten Solisten, aber immerhin läßt er sich, wenn Scofield schon so klar marschiert, hier und da wenigstens klangfarblich zu attraktiven Formeln hinreißen. Das geschieht vor allem in der Live-Version von "Cachaca"; das Stück fließt auf einem attraktiven, jazzigen drum´n´bass-Groove, Scofield legt mächtig los und Medeski bildet einen farbigen Kontrast aus Akkorden vom Mellotron, einem richtigen sixites-Instrument. Auch die e-piano-staccati sind nicht von Pappe, mit denen er in "The Tube" überleitet. Und das bluesige 4-Ton-Ostinato im gedehnten Shuffle von "Deadzy" kommt plakativer als vor 10 Jahren auf "A Go Go". (Aufschlußreich im Vergleich dazu, wie Mark Anthony Turnage in der Orchesterversion dieses Stückes auf "Scorched", 2002, den Baßlauf und das Thema auffächert.)
Aber selbst wenn hier der Betrieb läuft, läuft er längst nicht so eindrucksvoll und vor allem: nicht so
norm-gebend wie zu Zeiten von "Still Warm" und "Blue Matter", Mitte der 80er, von "Who´s who?" (1979) und "Pick Hits" (1987) ganz zu schweigen.
Was wir an John Scofield all die letzten Jahre über schätzen & loben, sind viel eher die jazz-bezogenen Aufnahmen, die Rückkehr in einen Jazzrock im engeren Sinne, mehrfach erfolgt, will ihm nicht gelingen.

erstellt: 19.05.07

©Michael Rüsenberg, 2007, alle Rechte vorbehalten