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THOMAS QUASTHOFF The Jazz Album - Watch what happens ***

01. There´s a boat that´s leavin´ soon for New York (Gershwin), 02. Watch what happens (Blake, Price), 03. Secret Love (Fain, Webster), 04. You and I (Stevie Wonder), 05. Ac-cent-Tchu-Ate the Positive (Arlen, Mercer), 06. I´ve grown accustomed to her Face (Loewe, Lerner), 07. Can´t we be friends? (Cunningham, Lang), 08. Smile (Chaplin), 09. They all laughed (Gershwin), 10. My funny Valentine (Rodgers, Hart), 11. What are you doing the rest of your life? (Legrand), 12. In my solitude (Ellington, Lange, Mills), 13. Eins und eins, das macht zwei (Niessen)

Thomas Quasthoff - voc, Alan Broadbent - p, arr; Chuck Loeb - g, Karl Schloz - g, Dieter Ilg - b, Peter Erskine - dr, Till Brönner - tp, prod; Axel Schlosser, Ruud Breuls - tp, Fiete Felsch - as, fl; Andreas Maile - ts, fl; Marcus Bartelt - bars, bcl; Günter Bollmann, Uli Plettendorff - tb, Richard Todd - frh, Gary Foster - as, Frank Chastenier - ep, Deutsche Symphonie Orchester Berlin, Nan Schwartz - cond, arr

rec 09/10 2006
Deutsche Grammphon 4776644; LC-Nr 0173

Sting singt John Dowland, Thomas Quasthoff singt Jazz-Standards - zwei Manifestationen der heute obherrschenden Ideologie der "Grenzüberschreitungen". Dagegen ist nichts einzuwenden, wohl aber gegen ihre stillschweigende Annahme, die Reisenden würden immer auch glücklich ihre Ziele erreichen, der Aufenthalt im fremden Land sei von künstlerischem Erfolg gekrönt.
Dass im Jazz nicht so sehr das
WAS, sondern das WIE zähle, diese eigentümlich blaß erscheinende Hypothese (die auf Bill Evans zuückgeht, "jazz is not a what, it is a how"), sie findet am konkreten Beispiel des Thomas Quasthoff eine glänzende Bestätigung.
Der Baß-Bariton ist im abendländischen Lager ein Weltstar - zum Jazzsänger taugt er nicht. Es fehlt ihm vieles von jenen, häufig nur Nuancen, die einen gelungenen Jazzgesang vom Rest der Vokalwelt abheben. Weitaus schlechter ausgebildete Stimmen verfügen darüber, Quasthoff nicht.
Das fällt nicht immer auf; in Stevie Wonders "You and I" holt er überzeugend zu großer Geste aus, aber für "Secret Love", das ähnliche Inbrunst erlaubte, hat ihm Arrangeuer Broadbent ein Bossa-Gewand geschneidert, das ihn klein und harmlos erscheinen läßt.
Ganz furchtbar strauchelt er, auch noch
scattend, in "Eins und eins, das macht zwei“, hier als bonus track ausgewiesen - das größte malus der ganzen Produktion. Das Arrangement von Nan Schwartz ist so was von kreuzbrav, Quasthoff steht nichs zu Gebote, um die simple Melodie zu kneten, schon gar nicht die Portion Lebenserfahrung, mit der einst Hildegard Knef das herrliche Simpelchen aufgeladen hatte.
Codex flores - nebenbei: das sehr empfehlenswere online Magazin für Musikästhetik - summiert die vokalen Mängel treffend: "Quasthoffs doch recht enges Repertoire an jazztypischen individuellen Ausdrucksmitteln ­ gehaltene Töne belebt er in den meisten Fällen auf vorhersehbare Weise bloss mit einem abschliessenden Vibrato ­ wirkt bald einmal recht monoton."
Und die Produktion tut ein übriges, Quasthoff im fremden Lager wie ein Fremdling erscheinen zu lassen. Sein Gesang ist ungewöhnlich trocken aufgenommen, die Band und das Orchester zu leise.
PS: Freunde der Realsatire sollten sich von denen, die es nötig haben, mal das booklet ausleihen - dort explodiert wieder der Blindgänger der deutschen Jazzpublizistik, der unvergleichliche Wolf Kampmann, und zwar in seltam defensiver Mission. "Über alle Genres von Klassik bis Techno hinweg gelten schnelle Konsumierbarkeit, Akkumulierbarkeit und Austauschbarkeit als Qualitätsmerkmale. Cds funktionieren wie Aktien. Sie steigen und fallen in den Charts."
Und das tut weh!
Diese liner notes sind ein Fall für den ãSonntags-Ökonomen“ in der
FAS, sowas hat auch ein Thomas Quasthoff nicht verdient.

erstellt: 01.03.07

©Michael Rüsenberg, 2007, Nachdruck verboten