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STEFANO BOLLANI Piano Solo *********

01. Antonia (Zambrini), 02. Impro I (Bollani), 03. Impro II, 04. On a Theme by Sergey Prokofiev (Bollani), 05. For all we know (J. Fred Coots, Samuel M. Lewis), 06. Promenade (Bollani), 07. Impro III, 08. A media Luz (Donato, Lenzi), 09. Improv IV (Bollani), 10. Buzzilare, 11. Do you know what it means to miss New Orleans (Alter, DeLange), 12. Como Fue (Brito), 13. On the Street where you live (Loewe, Lerner), 14. Maple Leaf Rag (Joplin), 15. Sarcasmi (Bollani), 16. Don´talk (Brian Wilson, Tony Asher)

Stefano Bollani - p

rec. 08/2005
ECM 1964 9877372; LC-Nr 02516

"Selten habe ich einen improvisierenden Musiker getroffen, der über einen derartigen Sinn für Struktur und Form verfügt“, ECM-Chef
Manfred Eicher über den 34jährigen italienischen Pianisten. Er ist auf seinem Label bis dato neben Enrico Rava in Erscheinung getreten. ãPiano Solo“ ist nun sein erstes Solo-Album auf ECM, aber keinesfalls sein Solo-Debüt, das fand 2003 auf Label Bleu statt ("Småt Småt").
Wer die alte mit der neuen Produktion vergleicht, der entdeckt Kontinuitäten (Prokofiev, Stride- und Ragtime-Elemente), vor allem aber Dis-Kontiunuitäten. War
Stefano Bollani nämlich damals bemüht, sein Können beinahe wahllos wie aus einem Füllhorn zu schütten und den stilistischen Spring-ins-Feld zu geben, hält er sie nur zwei Jahre später stärker im Zaum (er befindet sich ja unter der Ägide des Grossen Produzenten ME). Man wird schwerlich behaupten können, Bollani habe technisch zugelegt in dieser kurzen Zeit, er hat lediglich Art und Dosierung seiner Kunst sehr viel feiner eingestellt. Resultat ist ein konzeptionell deutlich reiferes und deshalb deutlich "besseres" Album.
Die Abfolge der einzelnen Stücke, der Parcours des Albums ist glänzend gewählt. Dazu gehört vor allem, dass die "Impro" genannten Teile nicht - wie sonst üblich - "spontane" Einfälle wiedergeben und bizarr in der Landschaft stehen, sondern sich jeweils auf die voraufgehende Komposition beziehen. Auch heben sich Bollani´s ãImpros“ deutlich ab von seinen
Kompositionen (in denen er selbstverständlich auch improvisiert); im Zweifelsfall sind letztere an ihrem thematischen Kern zu erkennen.
Ursprünglich wollte Bollani
Prokofiev ins Zentrum der Produktion rücken, dann freilich, beim Anblick des Steinway-Flügels im Studio in Luzern, kam ihm diese Vorwahl wie eine Einschränkung vor - er entschied sich für eine offenere Konzeption.
In diesem Rahmen (andere mögen anderes hören) glänzt er am meisten in den Standards. Von Technik müssen wir auf diesem Niveau nicht mehr reden. Bollani hat ein unglaubliches Händchen für
Strukturen, für das Erkennen derselben, für die Bedeutung der Teile zum Ganzen, für deren Gewichtung durch sein "erzählerisches" Talent. Seltsam, obgleich auch er der De-Konstruktion huldigt, will einem dieser Eindruck nicht als prägend auffallen. Vielleicht, weil er dies alles mit einer solchen Leichtigkeit nimmt (nicht mit Übermut wie auf "Småt Småt").
Besser als mit eigener Deskription kann man dieses Talent mit Bollani´s eigenen Worten beschreiben, in einer Art Echo seines Produzenten: "Ich bin ein klassisch ausgebildeter Musiker, ich liebe Songs, deshalb bin ich an Formen gewöhnt und greife ganz unweigerlich nach ihnen - und seien es nur zwei Akkorde oder ein bestimmter Rhythmus. Man möchte sich das eigentlich nicht eingestehen, aber die beste Musik ist oft aus ganz einfachen Molekülen aufgebaut. Je einfacher sie sind, desto mehr kann man aus ihnen entwickeln."

erstellt: 04.10.06

©Michael Rüsenberg, 2006
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