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HEINZ SAUER + MICHAEL WOLLNY Certain Beauty *******

1. Stay on C (Sauer), 2. Where is the Line (Björk), 3. I loves you Porgy (Gershwin), 4. Evidence (Monk), 5. Kieser´s Exchange (Sauer), 6. Nothing compares 2 U (Prince), 7. Ruby my Dear (Monk), 8. Blues for Pablo (Gil Evans), 9. Certain Beauty (Mangelsdorff), 10. Laughing at Dinosaurs (Sauer), 11. Lover Man (Ramirez), 12. Believe Beleft Below (Svensson, Berglund, Öström), 13. Chelsea Bridge (Strayhorn), 14. Tangent A (Sauer), 15. Lush Life (Strayhorn)

Heinz Sauer - ts, Michael Wollny - p, keyb

rec 03.+04.10., 11.11., 16.12.2005
ACT 9422-2; LC-Nr 07644

Der deutsche Jazz ist arm an Symbolfiguren, an Gesichtern, die für Geschichte(n) stehen. Seiner grossen Legende,
Albert Mangelsdorff, traute man dies schon zu, bekam aber immer den Eindruck, als zierte er sich, die Rolle auch wirklich geben zu wollen. Einem anderen Meister, Till Brönner, haftet nichts von der Entbehrung an, nach der eine Ikone unbedingt verlangt, hier springt uns eher ein Jörg Pilawa des Jazz entgegen.
Seit zwei, drei Jahren nun rückt
Heinz Sauer ins Bild, (genauer: er wird gerückt) einer, der das entsprechende Alter hat (über 70, Jahrgang 1932), noch dazu sideman von Mangelsdorff war und vor allem: einer, der nach gängiger & berechtigter Meinung unterbewertet ist. Und dies, obwohl er niemals eine Auszeit sich genommen und immer in Frankfurt am Main gewirkt hat, was unschwer von der Vorstellung sich trennen kann, Nabel des deutschen Jazz zu sein.
Heinz Sauer hat einen Ton auf dem Tenorsaxophon, der - wiederum nach gängiger
& berechtigter Meinung - eine Reife ausstrahlt, von der alle auch noch so Guten unter fünfzig quasi biologisch ausgeschlossen sind.
Nun trifft dieser erfahrene Mann auf einen Begleiter, der sein Enkel sein könnte - in den USA eine Geschichte vom Nachrichtenwert "Hund beisst Mann", weil in der Gattung Jazz viel Expertise auf dem Generationenwege weitergegeben wird. In Deutschland aber ist dieses System unterbelichtet, und eben weil der Fall so selten ist, die Szene aber nach der Story dürstet, Altmeister nimmt Jungtalent ins Boot, verkauft der gewiefte ACT-Produzent
Siegfried Loch sie wie "Mann beisst Hund".
Und alle, alle apportieren, auch solche, deren Jazz-Kennerschaft selten durchdringt. Für die
Welt Am Sonntag zählte "Melancholia", das erste Album von Sauer + Wollny, - gar nicht mal falsch - "zum Besten, was der deutsche Jazz zu bieten hat". Die AZ München vergab den "Stern des Jahres", die tz den "Rosenstrauß des Jahres", von einer "Sternstunde der Menschlichkeit" war zu lesen, die Zeit fuhr hoch aus offenkundig langem Ohrenschlaf: "Der Jazz lebt hier wieder".
Das war in 2005. Und mit der zweiten Produktion "Certain Beauty" (Titel nach Albert Mangelsdorff) legt ACT nach, als stünde für
Sauer + Wollny jetzt die Eingetragene Lebenspartnerschaft an: "Zwei Radikale und die Gabe, ohne Verlust miteinander zu verschmelzen.". Steilvorlagen werden getextet in Richtung Frauenpresse: "Der eine relativ kahl, der andere ein Struwelkopf".
Dem gemeinen Tonträgerkäufer bleiben solche Lesefrüchte erspart, bis auf
Michael Naura´s liner notes, die freilich als Spitze des Irrsinns vollauf genügen (s.a. 2 Minuten Mundgeruch).
Was die beiden Künstler tun, hat mit derlei Zuschreibungen (von den optischen haben wir noch gar nicht gesprochen) nix zu tun: weder verschmelzen hier "zwei Radikale" noch treten Musiker an von "immenser Intensität", und auch "den ganz eigenen musikalischen Kopf" möchte man nicht beiden attestieren. Nein, zwei Melancholiker setzen ihre Mission fort (insofern war der erste Plattentitel schon sehr zutreffend), die Rollen sind klar verteilt: der jüngere
assistiert dem Älteren. Darauf läuft alles zu; ohne einen solchen Saxophonton, ohne die rauhe, spröde und klagende Schönheit, wie sie Heinz Sauer zum Ausdruck bringt (am betörendsten in "Lover Man"), fiele diese Produktion ins Mittelmass zurück.
Keine Frage, die Einleitung auf dem präparierten Klavier in "I loves you Porgy" hat was, die Basstropfen vom keyboard in "Nothing compares 2 u", generell das Faible von Wollny für
Monk (wunderbar in "Evidence"). Aber die meisten seiner Handreichungen sind die eines Arrangeurs; dazu angelegt, den anderen gut klingen zu lassen. Das kommt nicht selten beiden zugute, selbst die EST-Hasser bei der Jazzpolizei müssen bei "Believe Beleft Below" ihre Begeisterung zügeln - wohingegen das enorme Nachspielpotential von Björk sich auch durch diese beiden nicht erschliesst.
Ja, "Certain Beauty" klingt wie aus einem Guss (hier könnte auch die
Kanzlerin noch was lernen). Und manchmal wünschte man, Sauer + Wollny hötten nicht 15, sondern 10 Stücke aufgenommen und den einzelnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Der Vorzug der Kürze scheint hier nicht so funktionieren wie seinerzeit bei Goebbels & Harth. Stimmt, die spielten stilistisch in einer ganz anderen Liga, aber bei ihnen - obwohl ohne jeden Generationensprung - gab es in Hülle & Fülle das, was hier die Propaganda lediglich postuliert: Reibung, Kontrast, Expression.
Sauer + Wollny sind schon mit dem ersen Produkt zum Markenartikel geworden. Sie sollten nicht noch ein drittes Mal mit angezogener Handbremse fahren und die Romantiker geben, sie sollten es endlich mal krachen lassen.

erstellt: 03.03.06

©Michael Rüsenberg, 2006, Nachdruck verboten