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KEITH JARRETT, GARY PEACOCK, JACK DEJOHNETTE The Out-of-Towners *******

1. Into (Jarrett), I can´t believe that you are in Love with me (Jarrett, Gaskill, McHugh), 2. You´ve changed (Carl Fischer, Bill Carey), 3. I love you (Cole Porter), 4. The out-of-Towners (Jarrett), 5. Five Brothers (Mulligan), 6. It´s all in the Game (Charles Dawes, Carl Sigman)

Keith Jarrett
- p, Gary Peacock - b, Jack DeJohnette - dr

rec 28.7.2001

ECM 1900 981 9610; LC-Nr 02516

Mit diesem Trio, das seit
Januar 1983 beisammen ist, lässt sich discographisch bisweilen schwer Schritt halten: sein neues Album enthält keineswegs die jüngsten Aufnahmen. "The Out-of-Towners" wurde am 28.7.01 in der Münchner Staatsoper mitgeschnitten, das Vorgängeralbum "up for it" ein Jahr später. "The Out-of-Towners" muss also konzeptionell - ausweislich des Jarrett-Interviews in der FAZ vom Aufnahmetag selbst - zwischen "Inside Out" (Juli 2000) und "Always let me go" (April 2001) einerseits und "up for it" (Juli 2002) anderseits lokalisiert werden. Und zwar konzeptionell näher heran an "up for it", weiter weg von jenem "freien Improvisieren", jener Abkehr von Standards, die Jarrett in der FAZ als konzeptionellen Wandel dieses Trios reklamiert, die deutlich mehr die erste Hälfte dieses discograhischen Quartetts charakterisiert.
Nun wissen wir, dass
freie Improvisation bei Jarrett & Co rein gar nichts mit der gleichlautenden Tätikgeit bei Derek Bailey & Co verbindet. Das ist weder als Tadel noch als Nachteil, sondern als Beschreibung zu verstehen. Selbst wenn sie vorgeblich frei von gegebenen Strukturen unterwegs sind, hantieren Jarrett & Co. immer noch mit patterns, die der grosse Führer am Piano vorgibt - ein Kollektivismus reinster Form findet nicht statt. Wohl aber folgen Bass und Schlagzeug dem Piano hier dermassen, so raffiniert und mit Intuition, dass viele meinen, eine Kollektiv-Improvisation zu hören.
Was den "free"-Charakter im landläufigen Sinne auch einschränkt, ist, dass die Freiheit in diesem Trio hier wie auf den beiden Vorgänger-Album mit
Gospel-Motiven aufbricht - und im "freien" Stück dieses Albums ("The Out-of-Towners") in der Blues-Form landet.
Nun betont Keith Jarrett zurecht: "Im Jazz zählt nicht das Material, sondern was man in das Material hineinbringt", oder - in der Kurzform von
Klaus König aus Haan: im Jazz zählt nicht das WAS, sondern das WIE.
Und damit sind wir ohne Umschweife bei der Qualität von Jarrett, Peacock & DeJohnette. Es ist ziemlich wurscht, was dieses Trio spielt; es spielt immer so, als tue es dies als Modell schlechthin für sein Genre - zu einem Zeitpunkt, wo es an exzellenten Piano-Trios wahrlich nicht mangelt.
Irgendwo muss sich eine 20jährige Erfahrung ja auszahlen. Welchen Parameter, welchen Blickwinkel auch immer man wählen mag, man kommt nicht umhin zu konstatieren, dass Repertoire & Interpretation hier in einem Verhältnis zueinander stehen, das
konkurrenzlos ist - selbst wenn sich hier in puncto Innovation nichts ereignet. (Und die drei in einer uralten Übung - tradin´ fours, was hier heisst Solowechsel alle 8 Takte in "Five Brothers" - sogar ein wenig schludern).
Nicht auszudenken, welche Bewertung man heranziehen müsste, wenn dieses Ensemble wirklich mal "frei" agierte.
PS: Das Album schliesst mit Jarrett solo, indem dieser Cliff Richard die alte Schnulze "It´s all in the Game" entwendet - quasi ein Vorgriff auf sein nächstes Album, solo, live in Tokio.

©Michael Rüsenberg, 2004, Alle Rechte vorbehalten