Drucken

DAVE WECKL BAND Live (and very plugged in) *****

Wake up (Weckl, Weingart, Kennedy, Fields), Braziluba (Weckl, Weingart, Kennedy), Mesmer-Eyes, Oasis (Weingart), Crossing Paths (Weckl, Weingart), Hesitation (W. Marsalis), The Chicken (Pee Wee Ellis), Toby´s Blues (Meek), Just for the Record (Kennedy), Rhythm-A-Ning (Monk), Cultural Concurrence (Weckl), Tiempo de Festival (Weckl, Weingart, Kennedy)*
Dave WEckl - dr; Steve Weingart - keyb; Tom Kennedy- bg; Gary Meek - ss, ts;
*
Jerry Hey, Gary Grant - tp; Bill Reichenbach - tb; Brandon Fields - ts; rec 17.12.-22.12.2002
in-akustik/Stretch Records SCD2-9042-2

"Warum lässt ein Schlagzeuger die Fenstervorhänge vormittags zugezogen?", hebt einer von Alan
Skidmore´s diabolischen Jazzmusiker-Witzen an..."damit er nachmittags noch was zu tun hat."
Dave Weckl wäre nicht Anführer der Millimeterpapier-Fraktion unter den Jazzrock-Schlagzeugern geworden, hätte dieses Klischee auch nur einen Lidschlag nach auf ihn gepasst. Weckl gehorcht einem anderen, weniger humvorvollen Klischee: er repräsentiert den Master Drummer, der unter Bandleadern aufblüht (vor allem unter Chick Corea, aber auch unter Steve Khan, John Patitucci und Michel Camilo), in seinen eigenen Projekten aber nie in diese Rolle hineinwächst, jedenfalls nicht in einem konzeptionellen Sinne.
Dazu gesellt sich in den letzten Jahren ein weiteres Klischee: Weckl steht kein starker Sideman zur Seite. Mit Weingart arbeitet er seit 3, mit Kennedy seit 13 Jahren zusammen; A-Klasse-Musiker sind das nicht, ebensowenig wie Gary Meeks, der jetzt an der Stelle von Brandon Fields michael-
breckert. Genre-Musiker, die gut nachsprechen, was andere aus ihrer jeweiligen Zunft formuliert haben, Handwerker, die licks mit Leidenschaft verwechseln. Der Bandleader überragt sie insofern um die Länge eines Trommelstocks, als seine Darbietungen viel schwerer auf andere Urheber verweisen. Ja, Weckl-Heads dürfen sich berauschen: der Meister gibt tatsächlich das GROSSE SCHLAGZEUGSOLO: vorne Tusch, hinten Tusch, drinnen licks, licks, licks wie aus dem (Weckl)Lehrbuch. Also, eine reine Handwerker-Show, die aus dem Nichts kommt und ins Nichts führt - es sei denn, man hielte die nachfolgende Samba *Tiempo de Festival* für eine logische Fortsetzung.
Viel lohnender für uns Normal-Hörer sind die Einschübe, Umkehrungen, Wendungen, mit denen Weckl den Stücken ein upgrade spendiert. Was hier gelegentlich aufhorchen lässt, sind nicht kompositorische Entwürfe, sondern Feinheiten und Tricks in der Ausführung. Die Band ist gut eingespielt, wechselt elegant von binär (Rock- und Funk) zu ternären
Grooves (swing, Shuffle). Und da Ohren & Hirn uns mit der schönen Eigenschaft der gerichteten Aufmerksamkeit ausstatten, helfen sie uns auch, die gutgemachten, aber entsetzlich klischeegesättigten Vordergründe zu durchschneiden und auf das Wesentliche zu kommen - den drummer.
Das war in dieser Art
Jazzrock schon immer so. Und das wird wohl auch immer so bleiben. Die wirklich kreativen Seiten dieses Genres werden woanders geschrieben.

©Michael Rüsenberg, 2004, Alle Rechte vorbehalten