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NILS WOGRAM´s NOSTALGIA Daddy´s Bones ********

1. Subconscious Photograph (Ross), 2. A Flower is a lovesome Thing (Strayhorn), 3.
Quicktime (Wogram), 4. Snoopy, 5. Lost and found, 6. Russian Intelligence, 7. Jazz ain´t what it used to be, 8. Daddy´s Bones, 9. Nostalgia

Nils Wogram
- tb, Florian Ross - org, Dejan Terzic - dr

rec ?/2004
Alive/Intuition INT 33792, LC-Nr 08399

Nicht allen Avantgardisten möchte man folgen, wenn sie ein neues Projekt unter das Vorzeichen "
Nostalgie" stellen. Ironie steht zu erwarten, bestenfalls. Häufiger aber ein Zerrspiel, geboren aus der Not mangelnder Kompetenz und dem Unverständnis alter Jazz-Tugenden.
Keine Frage, auch Nils Wogram´s Nostalgia muss man mit einem
Augenzwinkern verstehen - die Veranstaltung selbst ist aber gänzlich nostalgiefrei, bar auch jeglicher Überheblichkeit, die sich die Nachgeborenen meinen herausnehmen zu können.
"Mein Anliegen mit dieser Band und Aufnnahme", schreibt Wogram, "bestand von Anfang an darin, unbefangen mit der Tradition der Vierziger und Fünfziger umzugehen, ohne dass ich in die
Retro-Ecke abdrifte."
Der Anspruch also ist präzise beschrieben - und er wird eingelöst.
"Mit der Tradition der Vierziger und Fünfziger umzugehen", bedeutet nämlich nicht, mit ihr
identisch zu werden; näher an J.J. Johnson zu segeln, heisst nicht, ihn zu kopieren. Es gibt hinreichend Gelegenheit, den Humus der Gegenwart im Vorgehen dieses Trios aufzuspüren, ja gerade mit Händen greifen zu können.
(Etwa eine
frei-metrische Passage in track 7 oder eine Art des in-die-Posaune-Hineinsingens im Titelstück, die man auch von Albert Mangelsdorff noch nicht vernommen hat.)
Nicht zuletzt schafft Wogram in seinen "zeitgenössischen" Ensembles - allen Konstruktivismus zum Trotz - ja auch Gelegenheiten, "die
Sau rauszulassen".
Die ganz andere Richtung ergibt sich hier allein schon aus der Wahl des Formates: das klassische
Orgel-Trio des Jazz. Bloss, bis jüngst wurde darunter immer die Formation Gitarre-Orgel-Schlagzeug verstanden, erst 2002 taucht mit Joshua Redman ein Saxophonist mit einem Orgeltrio auf (Sam Yahel - org, Brian Blade - dr). Nils Wogram´s Nostalgia betritt, auch wenn es sich dezidiert der Vergangenheit zuwendet, jazzhistorisch "Neuland"...und kann, um´s gleich vorwegzunehmen, mühelos mit Redman´s "Yaya" und "Elastic" mithalten!
Mit dem opener, geschrieben von
Florian Ross, zeigt das Trio gleich, wo der Hammer hängt: ein Fetzer, der abwechselnd über binärem (gerade Achtel) und ternärem (=swing) Grooves vorwärtstreibt und - na klar! - standesgemäss mit dr-solo gegen riff schliesst.
Florian Ross gibt hier an der Hammond B 3 eine Richtung vor, die so gut wie gar nicht auf
Jimmy Smith hinausläuft, sondern auf die mehr oszillierenden Sounds eines Larry Young.
In Billy Strayhorn´s Ballade "A Flower is a lovesome Thing" erahnt man Genaueres von der Herkunft des fabelhaften Schlagzeugers.
Dejan Terzic, geboren 1970 in Banja Luca (Bosnien-Herzegowina, heute Republik Srpska), im Alter von 2 Jahren mit den Eltern in ein bayrisches Dorf gezogen, seit 1990 in Nürnberg lebend (Mitte der 90er einer der "bavarian jazz lions"), ist...ein Schüler von Bill Stewart - von daher also die typischen Rührbewegungen auf der snare. Terzic war uns neulich schon angenehm im Kontext von Bob Berg & Antonio Farao aufgefallen, hier gibt er eine vorzügliche Vorstellung.
z.B. in "Quicktime", einem schnellen Jazz-Blues, eröffnet von Posaunen-Multiphonics. Herrschaften, geht hier die Post ab! In "Russian Intelligence" nicht minder; kaum zu glauben, wie
bebop-amtlich Wogram hier durchphrasiert, den man schon auch am anderen Ende der Fahnenstange, bei Salvatore Sciarino, vom Blatt hat frickeln hören.
Der Tag scheint nahe, da bestreitet
Nils mit seinen diversen Wograms ein ganzes Festival - und man vermisst nix!

©Michael Rüsenberg, 2004, Alle Rechte vorbehalten