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MARC COPLAND & GARY PEACOCK What it says *******

1. Ladder (Marc Copland, Gary Peacock), 2. Vignette (Peacock), 3. Watching the Silence (Marc Copland, Gary Peacock), 4. Around in the Air (Marc Copland), 5. Colors of Hue (Gary Peacock), 6. Talkin´ Blues (Marc Copland), 7. Calls & Answers (Marc Copland, Gary Peacock), 8. In a Dance (Marc Copland), 9. From the Well Skim (Gary Peacock), 10. Requiem, 11. Vignette

Marc Copland
- p, Gary Peacock - b

rec 16./17.9.2002
HarmoniaMundi/Sketch SKE 333040

Einem John Dimitriou wird in den liner notes Dank abgestattet, "who put us together for the first time". Diesen Mann wollen wir loben, denn er hat zwei Charakterköpfe zusammengeführt, die dem Duo-Genre ein weiteres Glanzlicht aufsetzen.

Ich habe noch einmal beim Chef-Ideologen nachgeschlagen, bei Joachim Ernst Berendt,
"Ein Fenster aus Jazz", ob sich denn eine Handreichung finden liesse, um diese Rezension ein wenig aufzubrezeln. Ausser ein paar historischen Fakten (erstes Duo der Jazzgeschichte, Louis Armstrong &
Earl Hines, 1928) sieht der dortige, berühmte Aufsatz "Die Kunst des Duos" so alt aus, wie er ist: 27 Jahre.

"Es gibt Duos, die sind wie ein Liebesakt" balzt JEB. Höre er z.B. einen aus dem Duo Stivin & Dasek mit anderen Partnern, "so habe ich jedesmal ein wenig das Gefühl von Ehebruch"...naja wenigstens ein wenig. Der Kardinal Ratzinger wird´s mit Wohlgefallen quittiert haben.
Was sonst den Herrn seinerzeit pressierte, Solo und Duo als "romantische Tendenz", als
"Gegenbewegung, fort von der vielfach elektronisierten und amplifizierten Lautstärke zu einer intimen, aufs Äusserste personalisierten und sensibilisierten Aussage" - allenfalls der letzte Teil der Aussage hat auch heute noch ein wenig Gültigkeit. Ansonsten ist das Duo heute eine Form neben hundert anderen, man wählt sie, wie man einen
Haarschnitt wählt, der in den allermeisten Fällen auch für nichts weiter steht als für persönliches Wohlgefallen.

Berendt ist damals ganz nah an einer Beobachtung, die freilich universelle Gültigkeit beanspruchen kann: wer im Duo spielt, der sollte auch solo bestehen können und kein Langeweiler sein. Das gilt für beide Partner hier, beide sind in der Tat mit einem Solovortrag vertreten. Und erst, als die betreffenden Stücke weit vorangeschritten sind und die andere Stimme sich nicht dazugesellt, wird einem dieser Umstand bewusst. Er spiegelt nämlich auch die Vielfalt der Formen und Einsätze von Copland & Peacock: ein jedes Stück setzt anders ein, klingt anders aus, nicht immer begleitet der eine den anderen, nicht immer werden Themen gemeinsam gespielt, und wenn dann nicht in strengstem unisono, sondern - sagen wir es mal so - im Abstand eines humanen delay.

Diese beiden nämlich sind Meister des rubato; wo ein Beat häufig gefühlt und selten ausgeführt wird, macht es gar keinen Sinn, on time zu spielen. Deshalb kommt den Temposchwankungen, bewusst eingesetzt, hier eine so eminente Bedeutung zu. Copland & Peacock können sie sich erlauben, weil sie furchtlos agieren, denn a) haben beide eine ganz eigene time, will sagen: Gelassenheit, und b) haben beide einen wunderbaren Ton.
Ihre Kommunikation basiert auf musikalischer Interaktion. Es erschiene als vollkommen albern, sie mit den Mitteln sozialer Dramaturgie nachzuerzählen, wie Berendt anno 1977 vorgibt. Welche
Story sollte einem auch einfallen, um den Umstand zu kommentieren, dass Marc Copland noch ein weiteres Solostück sich genehmigt, nämlich eine weitere Fassung von "Vignette", die er rhythmisch ein wenig zurücknimmt, zugunsten schärferer harmonischer Alterationen?

Hier wird Musik gemacht, eine grösstenteils improvisierte Kammermusik, die mit jedem Stück einen neuen Radius beschreibt, wie eng oder wie weit die Interaktion verläuft. Es gibt Stücke mit konventioneller Chorusfolge (gemeinsames Thema/Solo A, B begleitet/Solo B, A begleitet), aber auch solche, wo beide zu den Polen streben - ohne eine Schnittmenge zu verlassen. Diese Musik muss nicht einmal von der Tonalität sich verabschieden, um auf der Höhe der Zeit zu sein. "What it says" lässt sich wunderbar en suite geniessen, ohne Blick auf das Display, das nachhält, welches Stück gerade läuft.

Der Dank an John Dimitriou kann sich übrigens nicht auf diese Produktion beziehen (vielmehr auf ein Festival in Seattle 1982/83). Copland´s Discographie weist überdies 4 Studio-Begegnungen aus, zwischen 1988 und 1995, meist in Quartett-, einmal in Trio-Besetzung.
Copland & Peacock tun hier also nicht anderes, als ihre
Spielfläche so weit wie möglich zu reduzieren und zu hören, wie weit sie damit klingen. Es ist eine grosse, kleine Welt, in die man sich lieber hineinbegibt als - neulich - in die von Marc Copland & Greg Osby.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten