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DRA Real ********

1. # 46, 2. #43, 3. # 45, 4. # 44a, 5. # 35, 6. # 43a, 7. # 79, 8. # 76, 9. # 42 (alle: Dell)

Christopher Dell - vib, Christian Ramond - b, Felix Astor - dr;
rec 2002
Edition Niehler Werft enw 002; LC-Nr 12103

www.christopher-dell.de

Mal kurz ungerecht sein: in einer Zeit, da der deutsche Jazz(musiker) intellektuellen Ballast abwirft oder gar nicht erst schultert, gibt Christopher Dell das Kontrastprogramm. Er steht dem *Institut für Improvisationstechnologie* vor und vermag in öffentlicher Rede Freund & Feind dermassen in den Strudel seiner Rochaden zu ziehen, dass sie bald den Griffel fallen und den freundlichen Herrn einen guten Mann sein lassen.

Christopher Dell hantiert gern mit sogenannten schweren Zeichen. Hier, ins booklet, stemmt er neben anderen einen Ernst Bloch hinein, und ich frage, wen er damit in die Flucht schlagen, was er - ausser (s)einer Belesenheit, die sich ein Anlageobjekt sucht - damit demonstrieren will. Seine Musik, jedwede Musik, ist dafür ein untaugliches Objekt.
Erfahrungsgemäss stehen Musiker mit einem solchen Überbau, wenn´s denn zum Schwur kommt, für Papiermusik, für sinnenarme musikalische Praxis, die der Stütze umfangreicher Programmheftexte bedarf.

Was wir hier hören, gottlob!, ist das schiere
Gegenteil: reine Sinnenfreude & Spielwitz und (fast) vollständig aus der afro-amerikanischen Tradition herzuleiten. Klingend bezieht sich DRA nicht aufs philosophische Proseminar, sondern - wenn man denn sucht und findet - auf Duke Ellington, Dizzy Gillespie und Herbie Hancock, von der schönen Literatur des Schlegelinstrumentes Vibraphon ganz zu schweigen.

Vulgär gesagt, hier geht die Post ab - vital, auf heimtückische Weise. Hier wird eine Wundertüte rhythmischer Pointen aufgerissen, für die es bei Bloch, Mitchell, Sklovskij (und wie die Säulenheilige noch alle heissen mögen) keine Textbezüge geben kann: half time, double time, accelerando, ritardando, groove switching bis der Notartz kommt - oder Flip Philipp aus Wien. Konzeptionell nämlich sind dies auf frappierende Weise Tochterunternehmen (aus der Hörer-Perspektive), wobei DRA tendenziell den etwas zeitgenössischeren Zuschnitt aufweist.

Dazu gehört z.B. eine Praxis live gespielter loops, die ihresgleichen sucht. In track 1 zeigt DRA schon mal kurz die Werkzeuge, um sie dann in track 4 virtuos zur Anwendung zu bringen: ein Teil von Duke Ellington´s *It don´t mean a thing* erklingt, im zweiten Teil des Themas simuliert das Trio einen Digitalfehler, indem es sich *verhakt* und eine verwirrende Folge von 5er und 4er Takten spielt. Dazu Gelächter, Mitzählen, Mitsummen sowie eine gnadenlos gut eingespielte Rhythmusgruppe.

Apropos loop, auch die terminologischen Vorformen ostinato bzw riff kommen hier oft und immer höchst wirksam zum Einsatz, nämlich wenn man nicht damit rechnet. track 6 ist in dieser Hinsicht ein Musterbeispiel: er basiert auf einem halben Dutzend patterns, mit denen DRA jongliert, immer wieder in dynamische Wiederholungen ausbricht und sich mit einem vamp a la Hancock verabschiedet. Bis zur Meldung des Gegenteiles gehe ich davon aus, dass die Zeile *What do you do in Ottawa?* des verkappten Blues von track 8 dadaistischen Ursprungs und nicht einem der Meisterdenker entlehnt ist.

Rätselhaft hier - wie im ganzen, live mitgeschnittenen Programm - wie die drei Musiker dieses Füllhorn mit solcher Leichtigkeit ausschütten können. Ein besser eingespieltes deutsches Ensemble wird sich derzeit schwerlich finden lassen.

Dass DRA zweimal sich verabschiedet, dass die Mikrofonierung fürs Mitsummen, -singen und die Ansagen besser hätte sein können...geschenkt, angesichts des Ideen-Feuerwerks, das hier in 48 Minuten abbrennt und das - ganz *real* - auch nach x-fachem Hören noch Staunen macht.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten