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DAVID FRIESEN TRIO Midnight Mood *******

1. Midnight Mood (Zawinul), 2. Equinox (John Coltrane), 3. A Time for Love (Legrand), 4. How deep is the Ocean (Berlin), 5. Before and after (Friesen), 6. Come Rain or come Shine (Mercer, Arlen), 7. East of the Sun, West of the Moon (Bowman), 8. Lament (J.J. Johnson), 9. Dark Sky (Randy Porter)

David Friesen
- b, Randy Porter - p, Alan Jones - dr
rec 12.3.02, 14.4.02


Schott Musik & Media/Intuition INT 3374 2; LC-Nr 08399

Dieses Trio spielt die Musik des Ortes, die
Keith Jarrett ihm entwendet und in die Staatsopern der Welt getragen hat. Kein Jazzclub nirgends kann einen Jarrett noch bezahlen.
Dieses Trio hingegen ist aufs engste mit diesem Ort verbunden, mit dem wir gemeinhin die Gattung
Piano Trio assoziieren - zumal ihm keinerlei "Stars" angehören. (Dass der Bandleader im Umkreis etlicher Grössen aufgetaucht ist, von Art Blakey bis Chick Corea, teilt er mit hunderten anderer Kollegen).
Hier haben wir das schöne Beispiel einer Gattungsmusik vor uns, der Erwartungspegel im Hinblick auf Personal und Repertoire ist niedrig.
Und es beginnt sogleich mit einem
deja vú, einem Uraltstück von Zawinul, zuletzt von Michael Brecker aufgegriffen (auf "Nearness of you", 2000). Randy Porter erinnert an Bill Evans, Alan Jones an Paul Motian, David Friesen verteilt die Noten auf seinem Instrument so nonchalant und unschulmässig wie Charlie Haden. Musik am Rande des Zusammenbruchs, nix Neues nirgends. Wer jetzt aufgibt, hat verloren. Denn was in den diesen knapp 6 Minuten schon durchschimmert, ist Late Nite Atmosphäre par excellence.
Die drei gehen "Equinox", den
Coltrane-Blues, an, als wäre er von Monk. Porter streut die berühmten Intervalle von "Mysterioso" ein, Jones begleitet die Themen-Exposition mit ein paar Reggae-Strichen, erst später schaltet er in den erwarteten swing. "A Time for Love" rückt sie noch näher an den Punkt, der Anfänger nervös macht, weil sie selbst merken, wie sich unter ihnen der Boden auftut. Dies aber sind Veteranen, die sich einen Spass daraus machen, ein Stück an die Kippe zu führen, bloss um seine brüchige Melodie entsprechend darzustellen.
"How deep is the Ocean" schnurrt dann in herrlich mittlerem swing und wir fragen uns nicht das letzte Mal: wer ist dieser
Randy Porter?
"Before and After" enthält eine hübsche Friesen-Melodie, und bei "Come Rain or come shine" hat im Jazzclub "
Fasching“ zu Stockholm vermutlich auch der Bierzapfer seine Tätigkeit eingestellt: Alan Jones legt einen aparten Besen-Beat vor, der fabelhafte verwischt die Spuren zur Komposition, indem er "Bye Bye Blackbird" antippt und wieder Monk - Herrschaften, was kann man auch ohne grosse Dekonstruktion aus einem solchen Standard herausholen!
In track 7 legt das Trio noch eins drauf, nämlich einen
New Orleans back beat, ein Zwischenspiel zwischen Jones & Friesen entwickelt sich zu einer Lektion in "off beat", und nur unterm Kopfhörer lässt sich registrieren, dass dieses Stück - wie auch track 3 - gar nicht im "Fasching", sondern wenig später in einem Studio in Oregon entstanden ist. Es fügt sich, auch ohne Beifall, nahtlos in den Eindruck "Jazzclub" ein.
Das Album schliesst mit Porters "Dark Star", nomen est omen, es könnte sich auch um das jazz cover eines
Randy-Newman-Songs handeln.
Wer nachschmecken will, warum das Piano-Trio derzeit so in Blüte steht, wird um dieses Album nicht herumkommen - nichts Neues nirgends, ein Fest der wetterfesten
Tugenden, ein schieres Hörvergnügen.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten