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So stößt die Musikwissenschaft doch noch zu den Fröhlichen Wissenschaften!

Die Hüter der Weimar Jazz Database, ein Schatz von 450 monophonen Jazzsoli (in digitaler Form, in der jede einzelne Note quasi aus einer 360-Grad-Perspektive analysiert werden kann), bewachen diesen nicht wie die Amerikaner Fort Knox.

An der Ilm rücken sie von Zeit zu Zeit Schlüssel heraus, die einem jeden erlauben, sich nach Gutdünken in ihrem Zauberberg umzuschauen & umzuhören. 
Mittlerweile sind diese zu einem regelrechten Schlüsselbund angewachsen, mit dem verbindenden Schlüsselanhänger Dig that Lick.

Jüngst wurde ein Tool veröffentlicht, das die Suche zu einem Vergnügen auch für jederman macht - so auch für die Jazzpolizei. Sie kann ihr Entzücken kaum verbergen über den Dick That Lick Pattern Search
Die Sache geht so: man sucht oder denkt sich eine Tonfolge aus, ein pattern, und lässt schauen, wo & von wem in diesen 450 Soli, die ja zigtausende von Tönen speichern, just diese Folge gespielt worden ist.

Die Jazzpolizei nahm dazu gern die Hilfe der Datenbank in Anspruch, auf dem angebotenen mini-keyboard diese bluesige Folge einzutippen, gaanz langsam:

c-f-ges-f-es.
dig that lick pattern 4 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Transformation-Modus „Semitone Intervals“ (Halbton-Intervalle) erkennt die Weimar Jazz Database darin folgende Intervall-Struktur: „5,1,-1,-2“.

Und spuckt aus: 34 Beispiele, in denen just dieses pattern auftaucht.

Von Charlie Parker „Billie´s Bounce“ (1945), über Clifford Brown „I´ll remember April“ (1956; er spielt das Muster in dieser Fassung gleich viermal), Michael Brecker „Peep“ (1990) bis zu Pat Metheny „Midnight Voyage“ (1996).

Das Schöne, die Database führt die entsprechenden Stellen in Noten und als Audio vor.
 Und letzteres legt nahe: damit ist wenig über den Klang und wenig über Phrasierung gesagt.

Mal erklingt „unsere“ Folge klar & deutlich (wie bei Coleman Hawkins „Perdido“, 1950) oder auch sehr bluesig (Charlie Parker, 1945), mal wie Vogelschiss (Don Ellis „You stepped out of a Dream“, 1961).

Nun ist Dig That Lick auf dem Weg zu einer internationalen Vernetzung, schon verbunden aber ist es mit der Essen Folksong Database sowie dem „Charlie Parker Omnibook“. 

Die Essener immerhin bieten 14 Fundstellen für unser pattern: darunter „Klaglied auf Strassburgs Fall“, „Ich bin ja ein Deutscher“, „Nach Sevilla, nach Sevilla“ und „Mein feines Liebe verliess mit mir“. 

(Haben die Folkies also auch den Blues? Eher weniger, die Verwandtschaft ergibt sich über die Pentatonik vieler Folksongs).

Das würde man, wie in Weimar, gerne auch im Original hören; immerhin aber erklingen die Muster als Pianobeispiel in der je entsprechenden Phrasierung.

Das Charlie Parker Omnibook, welche Enttäuschung, bietet lediglich zwei Fundstellen aus den Jahren 1949 und 1952. Mithin scheint der Bebop-Erfinder noch lange nicht lückenlos erfasst zu sein.

Wir „bleiben“ in Weimar und graben nun tiefer. 
Wir fragen nach patterns, die eine ähnliche Struktur wie unser Musterbeispiel aufweisen.

34 hatten wir gefunden, die identisch sind (wenn auch jeweils in anderen Tonarten).
Nun wollen wir wissen: what comes close?

Wir wechseln auf die Seite pattern similarity search.

Dort findet die Weimar Jazz Database - nichts. 

Sie gibt dabei einen Verwandtschaftsgrad von mindestens .80 vor. Das ist hoch; 1 bedeutet identisch, 0 wäre das andere Ende der Fahnenstange, also keine einzige Übereinstimmung mit den 5 Tönen unseres patterns.

Die Jazzpolizei reduziert den Verwandtschaftsgrad nun peu a peu auf .75.

(Auf Deutsch: eine Dreiviertel-Verwandtschaft).

Und jetzt ist wirklich was los, jetzt muss gescrollt werden - bis auf Position 1.377!

1.377 patterns (nicht Stücke!) weisen eine ähnliche Struktur auf wie „unser“ pattern.
Aber wenn man sich diesen Wust an Belegen anschaut (z.B. „7,1,-1,-2“ oder „5,1,-1,-5“) muss man resigniert feststellen: eine statistische Verwandtschaft sagt musikalisch herzlich wenig.

Immerhin, man kann diese weit mehr als tausend Beispiele hören, auch im halben Tempo - und man kann von jeder einzelnen Fundstelle aus wiederum nach Ähnlichkeiten suchen.
Mit anderen Worten, wo andere des Nachts auf YouTube sich verlieren, bietet die Weimar Jazz Database einen ebensolchen Zeitvertreib. Und Erkenntnisgewinn.

Und noch ist damit ein besonderes Zuckerl gar nicht erwähnt, nämlich die grafischen Auswertungen, die - je nach Vorgabe - den Tisch immer wieder in neuen Kombinationen bunter smarties decken.

(Abb. die 1.377 plus 34 Fundstellen, wobei die patterns gruppiert sind, das gesuchte „5,1,-1,-2“ ist rosarot dargestellt.)

dig that lick pattern 1

Wie gesagt, man kann sich daran verlieren.
Man muss sich aber zur Ordnung rufen, denn hey, was heißt das schon, dass alle Genannten (und xfach mehr, die in Weimar gar nicht registriert sind) irgendwann einmal dieses pattern gespielt haben, zumal mit dem im Jazz nicht so arg verbreiteten Tritonus?

Beim nächsten Besuch stellt sich die Jazzpolizei eine ernsthaftere Aufgabe. 
Oder ein einfachere. 

Diesmal kam sie doch mehr, um zu spielen.
Und zu staunen.

 

erstellt: 23.03.19
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten