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Peter Bruun´s All Too Human

2019! Herrschaften, was für ein Jahr!
Starke Alben, starke Konzerte, und dann erst die Jubliäen:
„In a silent Way“ 50 (18.02.), „Emergency“ 50 (Mai) und „Bitches Brew“ 50 (August).
Die Jazzpolizei schätzt sich glücklich, gerade noch das vorletzte Konzert der Tournee eines Quartetts erwischt zu haben, das 2019 in der Live-Kategorie rocken, auf dem Tonträgermarkt aber erst 2020 einschlagen wird.
(Das aktuelle Album, „Vernacular Avant-Garde“, 2017, ist kaum mehr als ein Vorecho dazu).
„Vernacular Avant-Garde“, volkstümliche Avantgarde; Peter Bruun, 39, hat nicht nur ein Händchen für musikalische Paradoxien, sondern auch einen Begriff dafür.
Man kann ihn kennen als Schlagzeuger aus dem Django Bates Trio, aus dem dänischen Retro-Rock-Trio Eggs Laid By Tigers,
 aber auch vom ganz anderen Ende der Fahnenstange, einem FreeJazz-Trio mit Samuel Blaser, tb, und Marc Ducret, g (der auch jetzt wieder dabei ist).
Peter Bruun 1
Musikalische Paradoxie: die Klangfarben sind absolut retro, sie sind nur unwesentlich jünger als die Sounds auf den drei großen Jubliäums-Sessions (s.o.). Die uralte Philips Philicorda kommt erneut zum Einsatz sowie zwei analoge Synthies (plus Effekte), bedient von Simon Toldam (Craig Taborn, vor zwei Wochen auf derselben Bühne, sei keyboard-Unterricht bei dem jungen Dänen empfohlen).
Und Bruun spielt Schlagzeug über weite Strecken nur mit der Linken, mit der Rechten tippt er Baßlinien in einen alten Synthie.
Die sind so phat, dass man PHAT schreiben muss.
Und hier treffen wir den Kern des Paradoxen: die Sounds sind retro, aber die Strukturen hyper-modern. Hier findet die Neuformulierung des Beat statt, ähnlich wie bei Anton Eger oder Petter Eldh oder Christian Lillinger.
Wenig ist vom Jazz hineingeflossen, viel aus dem frühen HipHop; downtempo beats werden so an die Kante geführt, dass man fürchtet, die Grooves fielen auseinander - sie werden so skelettiert, dass man sie sich mitunter denken muss.
Improvisation? Nebbich! Toldam wendet kaum den Blick von einer meterlangen Partitur. Der einzige ohne Notenpapier ist der Bandleader, er braucht es nicht, als Komponist hat er alles im Kopf.
Es sind ellenlange Themen, von denen man nicht ahnt, wohin sie führen. Ebenso rätselhaft & spannend die Ökonomie der Einsätze für Kasper Tranberg, tp und den ewig brillanten Marc Ducret, er ist ein einzigartiger Gitarren-Stilist.
Eine ultra-harte Nuß für Begriffsarbeiter; ist das noch Jazz?
Oder ist das nicht wieder mal Pop, wie er am besten von Jazzmusikern gespielt wird?

erstellt: 10.02.19
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten