Kinder, wie die Zeit vergeht!
Bald zehn Jahre ist es her, dass Dr. Steinfeld, damals Feuilletonchef der SZ, die Arbeit der Bundeskonferenz Jazz als das „leere Vertrauen weinerlicher Knechte auf die Politik“ verhöhnte („Bebop für die Exportwirtschaft“ SZ vom 11.8.09)
Die Bundeskonferenz Jazz hatte schlicht, wie das Interessenvertreter so tun, vor der Bundestagswahl „Wahlprüfsteine“ an die Parteien verschickt, darunter die Forderung nach einer „Spielstättenforderung“.
Die Sache läuft inwzwischen, natürlich mit viel zu geringen Budgets.
Vor allem rollt inzwischen der Gender-Train. Die von niemanden bezweifelte, vernünftige Vorstellung, mehr Frauen auf der Bühne, im Auditorium, unter den Multiplikatoren zu sehen, hat sich von den Umständen völlig gelöst.
Der Zielbahnhof lautet „Gleichstellung von Frauen im Jazz“.
Vulgo: fifty/fity.
Ein schönes Ziel in einer jeden Branche, die „standardisierte“ Produkte oder Dienstleistungen herstellt, gerne auch in DAX-Vorständen, am liebsten jedoch im Erziehungswesen, wo die positiven Folgen einer Gleichstellung (der Männer) sich sozialverträglichst manifestieren würden.
Aber in den Künsten? Im Jazz? In einem Sektor, der die individuelle Hervorbringung ja nicht nur als ideologisches Banner trägt?
Die Jazzmusiker*innen-Studie von 2016 weist einen weiblichen Anteil von 20 Prozent aus, in Österreich würden jungst 26 Prozent gezählt - eine beachtliche Errungenschaft, an der der Gender-Train blind vorbeisaust.
Nach außen ruft man von dort „Chancengleichheit“, meint aber „Gleichstellung“.
„Eine fehlende Gleichstellung entwickelt sich, auch im Jazz, bereits bei Kindern und Jugendlichen. Während an den Musikschulen insgesamt sogar mehr Mädchen als Jungen Unterricht nehmen, finden bereits weniger Mädchen und Frauen ihren Weg in die ersten Bands und Ensembles. In der Folge und mit dem steigenden Grad der weiteren Professionalisierung sinkt der Anteil der Frauen unter den Musikstudent*innen, Band- Leader*innen, Dozent*innen oder Professor*innen im Jazzbereich immer weiter.“
An diesem Wochenende findet in Hannover das 24. UDJ-Forum statt, das zweijährliche Treffen der Union Deutscher Jazzmusiker. Im Vorfeld wurde eine Erklärung formuliert („Für eine Gleichstellung von Frauen im Jazz“), man kann sie dort, aber auch im Netz unterzeichen. (Alle Zitate stammen aus diesem Papier).
Zu den Erstunterzeichnern gehören Institutionen wie z.B. das Jazzfest Berlin, der Stadtgarten Köln, aber auch der Deutsche Komponistenverband. Personenseitig finden wir eine illustre Schar von Klaus Doldinger bis Nils Wogram, von Julia Hülsmann bis Aki Takase.
Die deutsche Jazzwelt, Musiker, Vermarkter, Journalisten, erscheint geschlossen wie nie - und berauscht sich in tiefen Zügen an einer Jazz-Romantik, die hoffentlich nie Gestalt annehmen wird.
Skziiert wird ein Knollendorf der (jazz)politischen Korrektheit, in dem vermutlich auch vielen der Unterzeichner die Lust am Spielen vergehen wird.
Ein Pamphlet stellt Forderungen und benennt keine Gründe für Fehlentwicklungen, schon klar. Aber ein Freibrief für Blauäugigkeit ist es auch nicht.
Es wimmelt geradezu von „Wasch mir den Pelz, aber mach´ mich nicht nass“- Formeln:
„Mehr Chancen für Frauen sind eine gesellschaftliche Chance für alle, sowohl in Bezug auf die künstlerische Diversität als auch auf die Verwirklichung individueller Lebensmodelle.“
Oder dieser Satz; er geht in so großen Schuhen, dass man zunächst gar nicht erkennt, dass er eine seit Jahrzehnten geübte Praxis beschreibt:
„Zur freien Entfaltung und Förderung aller vorhandenen Potenziale gehört eine von Anerkennung und Wertschätzung getragene Jazzkultur, in der die individuelle Identität und Diversität aller Beteiligten respektiert wird.“
Im Kapitel „Forderungen & Maßnahmen“ schließlich werden die seinerzeit von Dr. Steinfeld kritisierten Forderungen exponentiell übertroffen.
„Wir empfehlen die Verwendung geschlechtergerechter Sprache“ - wer möchte ein in dieser Diktion verfasstes Programmheft lesen?
Und, müsste demnach nicht die Autobiografie von Miles Davis auf den Index gesetzt werden? (mit einer de Maizière´schen Begründung …“könnte Teile der Bevölkerung verunsichern.“)
„In einem paritätisch besetzen Gremium können Entscheidungen am ehesten unabhängig vom Geschlecht getroffen werden.“
Das ist nah an Ministerin Giffay´s Diktum, gemischte Teams produzierten bessere Ergebnisse, wofür es - die ZEIT hat es nachrecherchiert - keine belastbaren Belege gibt.
„Um die Gleichstellung von Männern und Frauen zu erreichen, sollten dort, wo es nötig und sinnvoll erscheint, Quotenregelungen genutzt werden.“
Diese Forderung wird außerhalb unserer kleinen Welt am meisten überraschen, man kann sie nicht einmal mehr hochjazzen. Keiner im großen Rest der Bevölkerung wird verstehen, dass dieser Satz von deutschen Jazzmusiker*innen kommt.
Die Jazzpolizei empfiehlt hierzu, wie immer, einen Blick über den Gartenzaun. Beispielsweise in ein Interview mit der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhardt (Stern 10/2018), die auf dem Sektor der Frauenförderung in den Naturwissenschaften einschlägige Erfahrungen gesammelt hat.
Frau Nüsslein-Volhardt hält Quoten „für unwürdig“ und sagt: 
„Müssen denn mehr Frauen in die Forschung? Wenn es denen keinen Spaß macht, sollen sie es doch lassen.“
Oh je, und das sagt sie auch noch: „…jede Frau hat das Recht auf eine faire Kritik - und auf konstruktive Förderung. Für wirklich begabte Frauen. Vielleicht kommen wir so mal auf dreißig Prozent.“
How does that sound to you?

erstellt: 12.10.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten