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...deine Künstler.
Folge 3, ARD, Till Brönner.
Die Doku war so langweilig, die Jazzpolizei ist eingeschlafen und erst wieder bei - Sofia Loren aufgewacht.

Das ist nun wirklich nicht die feine Art, eine an sich schöne Meldung über unsere kleine Welt zu übertiteln: "Jazz und Klassik sind online ansteckend."
Hat die FAZ (21.12.11) ein neues Virus entdeckt? Vielleicht einen positiven Bundestrojaner?
Nein, sie bringt nur umständlich, wie man es von ihr gar nicht gewohnt ist, die Quintessenz einer amerikanischen Studie auf den Punkt.
Kevin Lewis und ein Soziologen-Team an der Harvard University hat über vier Jahre unter College-Studenten untersucht, wie Freundschaften entstehen und welche Funktion Vorlieben bezüglich Musik, Film und Buch dabei zukommt. Sie haben dazu die Facebook-Profile von 1.500 Studenten ausgewertet.
Dabei erfuhr zunächst das alte "Gleich und Gleich gesellt sich gern" Bestätigung: Studenten, die eine Vorliebe für bestimmte Musiken und Filme teilen, werden eher zu Freunden bei Facebook. Aber ist man erst einmal befreundet, dann variieren die Geschmäcker nur noch sehr selten.
Große Ausnahme: Studenten, deren Freunde auf "Klassischer Musik/Jazz" stehen, sind deutlich eher bereit, dieses Geschmacksmuster selbst auch zu übernehmen.
"Die Wissenschaftler glauben, dass dies an dem hohen Ansehen dieser Musikrichtungen liegt", meint die FAZ. Sie bezieht sich dabei auf eine Interpretation von Lewis et al.
Kevin Lewis bestätigt (in einer mail an JNE) dieses Zitat und verweist auf eine weitere "Spekulation" über diesen Fund: weil "Klassik/Jazz" als "schwierige Genres" gelten, die zu lieben man lernen müssen, seinen gerade freundschaftliche Beziehungen dazu hilfreich.
Für alle die, die es genau wissen wollen: die komplette Studie steht hier.

©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten

Fundstücke

Listening but not hearing: the Ken Burns version
Eine kritische Rezension der TV-Reihe durch Chris Parker


Eric Tamm hat seine empfehlenswerten Bücher,
die lange vergriffen sind, komplett & kostenlos ins Netz gestellt:
Robert Fripp: From King Crimson to Guitar Craft
Brian Eno: His Music and the Vertical Color of Sound

The Jazz Composers Collective on Creating & Performing
online Interview
Ben Allison, Frank Kimbrough, Ted Nash, Michael Blake, Ron Horton

DiPasqua2Ins europäische Jazzbewußtsein trat er Ende der 70er Jahre in einem zauberhaften Quartett mit zwei Schlegelspielern: Double Image, mit David Friedman und Dave Samuels.
Eine Zeitlang gehörte er auch zur ECM-Familie, wirkte mit bei Alben von Ralph Towner, Eberhard Weber, Jan Garbarek.
1981 veröffentlichte er dort das Album „Gallery“ mit einer personellen Schnittmenge aus den Ensembles Double Image und Oregon.
Volker Kriegel (1943-2003) ehrte ihn früh mit einer seiner Wortschöpfungen als „Feinmechaniker“.
Er zielte damit auf seine subtile Beckenarbeit, insbesondere auf dem ride cymbal.
Geboren wurde er am 4. Mai 1953 in Orlando/Florida, mit 10 spielte er bereits Schlagzeug in der Band seines Vaters, eines Tenorsaxophonisten. Sein Instrument studiert hat er in New York City,
schon als Teenager hatte er Jobs bei Zoot Zims, Al Cohn, Gerry Mulligan und Chet Baker.
Lange hatte man von ihm nichts mehr gehört.
Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Michael DiPasqua am 29. August. Er wurde 63 Jahre alt.

erstellt: 07.09.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten


Als er in Deutschland auftauchte, Ende der 60er/Anfang der 70er, freuten wir uns, wussten aber nicht recht, wie wir seinen Namen aussprechen sollten: Steig wie der deutsche Steiger oder amerikanisch „Stieg“?
Wir freuten uns, weil er - in unseren Ohren - einem anderen amerikanischen Flötisten die Vorherrschaft streitig machte: Herbie Mann (1930-2003) mit seinem ewigen „Memphis Underground“. Steig klang „weniger kommerziell“, er wagte mehr, er sang und sprach in sein Instrument, sein Herauskitzeln der Obertöne verglich später einer seiner musikalischen Partner, der Gitarrist Vic Juris, „mit der Art, wie Jimi Hendrix die Gitarre spielt.“
Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, war die Flöte, die er in allen Varianten bedient, nicht Zweit- oder Dritt-Instrument, sondern für ihn die Hauptsache.
Dabei war ihm  eine Zeitlang - nach der Lähmung einer Gesichtshälfte in Folge eines Motorradunfalles mit 19 Jahren - das Spielen derselben nur mit einem Spezialmundstück möglich.
Sein erstes Album, „Flute Fever“, mit dem Pianisten Denny Zeitlin war Mainstream, 10 Jahre lang stieg Steig beim letzten Set der New Yorker Konzerte von Bill Evans, p, mit ein.
Vor allem war Jeremy Steig: Jazzrock, und er hatte weder Scheu, das Wort in den Mund zu nehmen noch sich über die Exklusivität seines Ansatzes lustig zu machen.
„Wir hatten beschlossen, den Jazzrock erfunden zu haben“, sagte er gegenüber der New York Times, „nur waren damals 50 andere auch zu diesem Entschluss gekommen.“
In Erinnerung bleiben Alben wie „This is Jeremy Steig“ und „Something Else“, 1969, mit Jan Hammer, Gene Perla, Don Alias (1939-2006) und Eddie Gomez.
Und dann, auf einem deutschen Label, die eher kammermusikalischen „Lend me your ears“, 1978, und „Rain Forest“, mit Eddie Gomez.
Ungerecht wie die Welt nun mal ist, brachte ihm ein kurzes Sample aus „Howlin´ for Judy“ (1969) mehr Kohle ein, „als aus allen meinen eigenen Alben“, nachdem die Bestie Boys es 1994 für ihren Hit „Sure Shot“ verwendet hatten.
Jeremy SteigJeremy Steig, geboren am 23.09.1942 in New York City, der Vater war ein bekannter Cartoonist, starb bereits am 13. April 2016 in Yokohama/Japan, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.
Er starb an Krebs und wurde 73 Jahre alt.
Die Nachricht von seinem Tode zögerte seine Witwe Asako, auf seinen Wunsch hin, ein paar Wochen hinaus. Er mochte keine Nachrufe.
Aber es wird sie geben, zahlreich.

Das Foto ist seiner Webseite entnommen, sie enthält zahlreiche Gemälde und Zeichnungen und vor allem sogenannte digital books - ein wundervolles Vermächtnis.

 

erstellt: 03.06.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten


 

 

Was trägt der Dudelsackspieler unter dem Rock?
Improv Moers Hayden
Hayden Chisholm, 39, hat sich während seines Jahres als Improviser In Residence mehrfach mit Instrument und in entsprechendem outfit durch Moers bewegt, auch ins Dienstzimmer des Bürgermeisters Christoph Fleischhauer, CDU.
Die ihm meistgestellte Frage spricht der Neuseeländer, der gut den Schotten gibt, gar nicht aus, die Antwort gibt er in einem kurzen Videoclip:
da sieht man ihn im vollen Ornat, er spielt eine kurze Melodei, legt den Dudelsack beiseite,
geht in den Handstand, der Rock rutscht hin, wohin die Gesetze der Schwerkraft ihn haben wollen - doch das Gemächte wird im Clip von einem bekannten Pictogram überdeckt:
„I love Moers!“
400 Besucher in der Festivalhalle sind begeistert. Sie kannten den achten Improviser In Residence als Musiker, jetzt erleben sie ihn als Entertainer, als Athleten, gleich wird er sich als Filmemacher präsentieren, in einer sehr persönlichen Adaption des Mythos von Sisiphos - Hayden, das Gesamtkunstwerk.
Der Bürgermeister - man hört ein zweites und ein drittes Mal hin -, ja, er duzt den Künstler.
Gegenüber dem Vorjahr, wo er zum ersten Mal durch die Veranstaltung führen musste, wirkt Fleischhauer wie ausgewechselt, geradezu wie befreit durch einen Künstler, der Weltläufigkeit an den Niederrhein gebracht und seinerseits die Stadt als „Insel des Friedens“ erlebt hat.
Was gibt es Besseres als zu erfahren, dass er sich auf seine Läufe durch die karst-schönen Landschaften Attikas im Moerser Schloßpark vorbereitet hat.
Die vielzitierte Bürgergesellschaft trampelt vor Vergnügen. Sie ist - das muss man sich mal vorstellen - mit 400 Repräsentanten vertreten, um die Staffelübergabe von Hayden Chisholm auf Carolin Pook, vom achten auf den neunten Improviser in Residence, zu beobachten.
Improv Moers zweiDiese kommt aus New York City an den Niederrhein, der Bürgermeister kann es kaum fassen. Das zählt mehr als die vielen aus der Weltmetropole, die zu Pfingsten mal für eine Stunde im selben Raum auf der Bühne stehen, beim Festival.
Das zählt vielleicht auch deshalb, weil die Stadt für die Improvisers In Residence nichts zahlt, das Budget wird vollständig von der Kunststiftung NRW getragen. Und sichert dieser schwierigen Musik eine Präsenz, wie sie offenbar weltweit einmalig ist.
Auch Pook weiß, wie man das Publikum anspricht. Aber musikalisch schlägt sie einen anderen Ton an. Das muss wohl so sein, dass die Tochter des Karajan-Assistenten ihren Klavierbegleiter Simon Rummel (Improviser In Residence, 2009) vorschickt zu sagen, das kommende Werk habe vier Sätze, dauere 20 Minuten, und den Applaus möge man sich für den Schluß aufsparen.
Die beiden führten dann weit weg von der Luftigkeit eines Hayden Chisholm, von seinem flötenhaften Altsaxophonton über indischer Srutibox, in die Welt erweiterter Violintechniken, in eine improvisierte Kammermusik, die vielleicht auch einem Helmut Lachenmann gefallen hätte.
Aber, Rummel & Pook verloren sich nicht in isolierten Klangmomenten, sie glänzten durch eine andere Art der Materialbearbeitung, deren Mangel an Jazzhaftigkeit man nicht als Defizit hören muss. Im abschließenden Trialog mit Chisholm fanden die unterschiedlichen Expressionen wunderbar zueinander.
Das Amt des Improviser In Residence in Moers nimmt schon wieder einen anderen Dreh.

erstellt: 22.01.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten


Er kam ebenso wie Miles Davis aus St. Louis und war von großem Einfluss auf den 6 Jahre Jüngeren in dessen frühen Jahren.
Er spielte nicht nur Trompete, auf der er einen stark rhythmisierenden Stil pflegte, sondern auch Flügelhorn, ja er hat dieses Instrument im Jazz erst etabliert.
Gelegentlich bediente er auch beide - zusammen, jedenfalls in einem viertaktigen Wechsel.
clark terry 2Er war Mitglied der großen Big Bands, Count Basie (1948-1952), Duke Ellington (1951-1959), Quincy Jones (1959/1960). Und gehörte als einer der ersten schwarzen Musiker zum ständigen Personal einer TV-Show („Tonight Show).
Laut Hollywoodreporter spielte er zwischen 1947 und 2008 auf 788 Sessions als Sideman und 114 als Leader.
Stilistisch stand der für den Übergang von Swing zu Bebop, bis hin zum Hardbop, er war nicht zuletzt auch ein erfahrener Scat-Sänger.
Auf New Yorker Bühnen war er bis Ende 2008 zu sehen, meist eher in der Rolle des Sängers.
Am 11. Februar wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert, am 21. Februar ist Clark Terry im Alter von 94 Jahren verstorben.
Seine Witwe Gwen nannte keine Details über den Ort und den Grund des Todes.

erstellt: 22.02.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten


Der Besucher verlässt die Landeshauptstadt und das opulente Theaterhaus mit der Gewissheit: der deutsche Jazz kann feiern.

Jedenfalls, wenn es um einen wirklich Großen geht und dazu an zwei Abenden an die tausend Repräsentanten der Bürgergesellschaft sich einfinden. Sie mag andernorts demographisch ähnlich zusammengesetzt sein, ihre Künstlerverehrung und ihre Feierlaune ebenso groß, aber vom Outfit her wird sie schwerlich dem Stuttgarter Modell gediegener Alt-Freaks gleichen.

Paradigmatisch dafür der Hausherr Werner Schretzmeier, den man seine 71 nun wirklich nicht ansieht. Er hat die Lederjacke mit irgendeinem Knitter-Schwarz eingetauscht und gibt sich als nicht technologie-affin zu erkennen. Das kommt gut an auf den Rängen: wie er diejenigen abbügelt, die später ihr iPhone oder iPad einsetzen wollten. Ihre jeweiligen Nachbarn legitimiert er, den so Auffallenden mit einem kurz Schlag auf den Hinterkopf zu Wackelbildern zu verhelfen.

Die 980 hielten sich daran. Am Ende aber, nach über zwei Stunden, bei der wohl sechsten standing ovation, gab´s kein Halten mehr. Für das Bild jener sich artig verneigenden Künstlerschar mochte sich keiner mehr auf die professionellen Bildreporter verlassen.

Man ist dabei gewesen, einen so denkwürdigen, sentimentalen, ja historischen Abend muss man selber festhalten, ein Profiformat kann das bestenfalls ergänzen. 

Denn es wurde Geschichte geschrieben an jenem Abend, Geschichte, die weit über jene „deutsche Jazz-Geschichte“ hinausreicht, die der Jubliar, am Vortag 75 geworden, mit dem Untertitel seiner druckfrischen Autobiographie proklamiert.

Weber VideoEs wurde sogar Technologie-Geschichte geschrieben im Theaterhaus Stuttgart. Wann hat man im Jazz einen Schlagzeuger gesehen (Danny Gottlieb), einen Bassisten (Scott Colley), einen Gitarristen (Pat Metheny), einen Dirigenten (Helge Sunde), die ihr timing an einem click track ausrichten? (der SWR Big Band wurde die „1“ der wechselnden Rhythmen per Rotlicht angezeigt.)

Sie waren Mitwirkende einer logistischen Meisterleistung: Metheny hatte um ein paar Weber-Baßsoli (auf der Videowand) herum eine komplett neue Suite notiert.

Dafür stand sicher „Résumé“ Pate, die letzte CD von Eberhard Weber, wo dieser mit Hilfe von keyboards und Freunden (Jan Garbarek, Michael DiPasqua) ein Dutzend seiner Baß-Soli strukturell aufbrezelt. Metheny aber geht weiter: er begnügt sich mit drei oder vier Videos - und schneidet sie nicht nach visuellen, sondern nach akustischen Parametern.

Man sieht & hört Weber minutenlang, und die Big Band spielt dazu; dann aber blitzt er auf der Videowand nur für einen einzigen Ton auf, dann wieder wird eine Phrase geloopt, ein andermal schiebt Metheny dem Leinwandhelden eine call & response Passage mit dem Live-Bassisten Colley unter.

„Inspired“, eine 40 Minuten Hommage an Eberhard Weber - ohne einen einzigen Ton von ihm (in der Partitur), eine Feier des Anderen durch das Eigene: wann zuvor sind deutsche und amerikanische Jazz-Ästhetik so ineinander geflossen wie in diesem locker klingenden Kraftakt von Pat Metheny? Der dafür sogar eine 135-Städte-Tournee unterbrochen hatte.

Der Jubilar saß für diesen zweiten Teil des Abends in der ersten Reihe, staunend, denn auch für ihn war das eine Premiere. 

Im ersten Teil hatte man ihn am rechten Rand der Bühne plaziert, als launiger Ansager vierer Big Band Arrangements seiner Musik (ein fünftes fiel der vorangeschrittenen Zeit zum Opfer, Weber war zuvor der Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg verliehen worden, die Reden, die Ovationen nahmen glatt 45 Minuten ein).

Man muss schlucken, wenn man ihn, der seit einem Schlaganfall 2007 halbseitig gelähmt ist, auf die Bühne wackeln sieht, mit den Tränen kämpfend ob des tosenden Empfangs. Entspannung dann, wenn er den Mund aufmacht - an Eberhard Weber ist ein Conferencier verloren gegangen.

Die Arrangeure, sagt er, hätten machen dürfen, was sie wollen. Ja, hätten sie das mal nur gemacht! Es fehlten Knaller wie „The Colours of Chloe“ oder „Seriously Deep“, die Umsetzungen wirkten ehrfürchtig-brav, einzig Libor Sima kitzelte in „Street Scenes“ eine Ahnung jener Vitalität hervor, die ihn Webers Werk oft vorhanden ist.

Hier zeigten sich quasi regionale Grenzen der Auswahl, denn bis auf Michael Gibbs stammten die Arrangeure aus dem Kreis der Landesjazzpreisträger Baden-Württemberg. Nicht auszudenken, was ein John Hollenbeck, ein Darcy James Argue (von Django Bates ganz zu schweigen) aus dem wohl größten Melodiker des deutschen Jazz herausgekitzelt hätten.

Eberhard Weber ist das Ländle, und es ist eindrucksvoll, wie es ihn feiert - aber er ist eben auch größer als das.

Weber alle

Theaterhaus Stuttgart, 23.01.2015, Gruppenbild mit Jubilar:
Helge Sunde, Scott Colley, Michael Gibbs, Gary Burton, Danny Gottlieb, Paul McCandless, Eberhard Weber, Jan Garbarek, Manfred Schoof, Pat Metheny (von links).

erstellt: 24.01.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten




 

 

Festivalhalle Moers, 14.01., ca 19:25 Uhr: es ist nasskalt draußen und zugig auch noch im Eingangsbereich. Übergabekonzert der Improviser In Residence, Julia Hülsmann (2014) übergibt an Hayden Chisholm, der Eintritt ist frei. Bislang reichte für diesen Akt das kleine Schloßttheater.
Als um 19:30 Uhr die Türen aufgehen, sind die vorhandenen 350 Stühle umgehend besetzt, es müssen weitere aus der Kulisse geholt werden.
Ist das die "Bürgergesellschaft", die Festivalchef Reiner Michalke abseits des Festivals im Auge hat?
Viele Frauen, viele Paare, kaum jemand unter fünfzig, der Auswärtige erfährt, es seien viele Hülsmann-Fans darunter.
Julia Hülsmann beginnt mit einem ihrer Vorgänger, dem Bassisten Achim Tang (2011), vier kurze Momente freien Improvisierend, was sie - die Spezialistin für das jazzmässige Vertonen von Lyrik - von ihm gelernt habe. Vor Moers hat sie noch niemals "frei" gespielt.
Dann kommt ihr Nachfolger, der kosmopolitische Hayden Chisholm. Vier Stücke mit score, zwei von ihr, Auszüge aus dem gemeinsamen Quartett-Auftritt vom letzten Festival, ausgeschmückte Skizzen, zwei von ihm, mit längeren, komplizierten Harmoniefolgen, eines mit Oberton-Intro, gerade am Morgen noch im ICE fertig geworden.
Der Bass liegt noch da.
improv residence 1Da hastet ein Mann auf die Spielfläche, ein jugendlich wirkender um die fünfzig.
Ist das der örtliche Sparkassenchef, der Leiter einer lokalen Kulturinitiative, Ehemann einer der Hülsmann-Fans?
Er gibt sich als Ersatzmann aus: die Aufsichtsvorsitzende der Kultur GmbH verhindert, der Kulturdezernent auch, da müsse er ran.

Der Auswärtige erfährt: das ist Christoph Fleischhauer, 49, der neue Bürgermeister, CDU.
CDU? War das nicht, ist das nicht die Fraktion der erbitterten Moers-Festival-Gegner?
Fleischauer gibt erste Zeichen einer Konversion: er habe zwar wenig verstanden, aber viel empfunden, und - die drei seien doch "Improvisateure oder wie man das nennt", sie müssten jetzt noch mal ran!
Die drei tun, wie geheissen. Und der Auswärtige schmunzelt und fragt, wie diese Konversion wohl weitergehen mag.
Denn die 40.000 Euro, die das schöne Institut des Improviser In Residence kostet, kommen nicht aus dem Stadtsäckel, sondern vom Land (sagt Fleischhauer auch), wohingegen das Festival - auch - die Stadt belastet.
Der Auswärtige meint: mindestens so spannend wie die Amtszeit von Hayden Chisholm wird es sein, das Verhältnis des Stadtoberhauptes zum Moers Festival zu beobachten, nun da er mit Verve sich schon des Vorpostens angenommen hat.
(Foto von Helmut Berns. Danke)

erstellt: 15.01.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten


Jack-Bruce

Er war der wohl bedeutendste einer aussterbenden britischen Musiker-Kohorte aus Rockmusikern, die auch Jazz spielten, vielleicht auch, weil sie den Blues-Boom der 60er Jahre miterlebt und mitgestaltet haben. Dick Heckstall-Smith (1934-2004) wäre da noch zu nennen, unter den Lebenden Jon Hiseman, Ginger Baker, Georgie Fame und Bill Bruford (der die Lagerwechsel freilich sehr viel später erst praktiziert hat.)

Das London der 60er war ihr Exerzierfeld. Und letztlich wurzelt auch John McLaughlin in dieser Szene.

Im August 1968 ("Things we like") und später in Amerika kamen sie zusammen, in Carla Bley´s "Oper" "Escalator over the Hill", vor allem aber in einer Produktion von Tony Williams Lifetime.

Da hatte Bruce sein größtes Kapitel schon hinter sich, das Trio Cream, 1966-1968, das den Blues und verwandte Songs mit Improvisationen auflud, als handele es sich um Jazz.

Obwohl er mit "Things we like"  ein "reines" Jazzalbum herausbrachte, abgeschlossen hat er mit dem Format Power Trio nie, mögen die Gitarristen Leslie West oder Robin Trower geheissen haben, und Songs der Cream-Zeit hingen ihm an bis zuletzt.

Denn er war nicht nur ein bedeutender Baßgitarrist (vom Timing her immer ein wenig hinter dem Beat), sondern ein ausdrucksstarker Sänger und vor allem: ein großer Songschreiber.

Nicht nur "Sunshine of your Love" wird fortwähren, sondern such "Theme for an Imaginary Western", "Out of the Storm", "Rope Ladder to the Moon"und etliche andere.

Selbst frühe Versuche in der Computerei ("Automatic", 1982) waren beseelt von der unnachahmlichen Bruce-Melodik.

Andererseits, er war ein Frühvollendeter - die tiefsten Spuren hat er in den 60ern und 70ern hinterlassen; alles, was dann kam, waren Varianten, und nicht immer auf dem hohen Niveau der frühen Jahre.

Jack Bruce, geboren am 14. Mai 1943 in Schottland, kam als 17jähriger an die Royal Scottish Academy of Music and Drama, ursprünglich um Cello zu studieren. Er verließ die Institution aber, weil er auf deren Dränen seine Jazzpraxis nicht aufgebe wollte. Also wechselte er zum Kontrabass, bedeutend aber wurde er mit seinem muskulösen Spiel auf der Baßgitarre. Nicht zuletzt spielte er auch Cello.

Jack Bruce starb am 25. Oktober 2014 in Suffolk an den Folgen eines Leberleidens, das bereits 2003 als Leberkrebs diagnostiziert worden war. Er wurde 71 Jahre alt.

erstellt: 26.10.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

 

 

Richard-WilliamsDie Entscheidung ist bravourös, der Kandidat erstklassig - die Gremien werden frohlocken.
Denn der Erwählte wirft einen Schatten wie kein zweiter in Europa:
Redakteur des Melody Maker, 20 Jahre Autor der Times, BBC-Radio und -Fernseh-
moderator, A&R bei Island Records, Sportchef beim Guardian, Autor von Biografien über Bob Dylan, Miles Davis, Phil Spector und diverse Sportgrößen, publiziert heute den einzigartigen Blog The Blue Moment.
Ein Mann, der sich Marius Neset mit gleicher Hingabe widmet wie einem vergessenen Studiogitarristen der Motown-Ära, oder Laura Nyro oder Northern Soul.
Und, der seine jeweilige Zeitgenossenschaft gelegentlich mit Original-Tickets belegen kann.
Ab 2015 ist er Chef des Jazzfest Berlin:
auf den Oldie Bert Noglik, 66, folgt der Oldie Richard Williams, 67,  aus London.
Mit anderen Worten, das Regiment der alten Männer im Jazz (das auch solche beklagen, die selbst dazugehören) hält einen herausgehobenen Posten unserer kleinen Welt sicher im Griff.
Gemessen daran war die Wahl Tim Renners zum Berliner Kultursenator ein revolutionärer Akt.
Aber wer weiß; vielleicht werden wir in ein paar Jahren das jüngste Kapitel dieser Art britischer Noblesse aus Musik- und Sportsgeist genau so loben wie die davor liegenden.

erstellt: 17.10.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

Der Mann sitzt, wo er hingehört. Aber er schaut so geschwächt und abgemagert aus, dass der, der von seiner schweren Lebererkrankung nicht wusste, ihn dort unmöglich erkennen kann.
"Ich sässe nicht hier, wäre ich im Grab!".
Ja, kurz vor der finalen Station hatten ihn viele gesehen, vor ein paar Monaten in Alicante, als er aus der laufenden Tour der Mike Stern-Bill Evans Band ins örtliche Krankenhaus eingeliefert worden war.
Und es ihm so schlecht ging, dass die vielen, vielen Genesungswünsche schon den Geruch von Nachrufen anzunehmen drohten.
Dennis Chambers, 55, sitzt wieder am Schlagzeug, daheim.
Und verspricht, Mitte Januar zurück zu sein....


Und für die ungehobelte Minderheit, die jetzt fragt:
wer ist der Mann? Was zeichnet ihn aus?...
eine lange Rückblende auf ein Konzert der Brecker Brothers, 1992, nein nicht
in Alicante, sondern in Barcelona.

 

 

Milton-CardonaEr soll auf mehr als 700 CDs mitgewirkt haben - und doch ist sein Eintrag im neuen Jahrtausend schmal. Seine große Zeit waren die 80er und 90er, darunter bald ein Dutzend Aufnahmen, inklusive zweier eigener, zusammen mit Kip Hanrahan, dann Don Gronick, Edward Simon, Michael Brecher, ja sogar ein Album zusammen mit Wolfgang Puschnig ("Mixed Metaphors", 1994).
Nicht zu vergessen Salsa, die Latin-Szene generell, da kam er her. Aus der Band von Willie Colón, der er mit Unterbrechungen über vier Jahrzehnte angehörte.
Milton Cardona, geboren am 21.11.1944 auf Puerto Rico, kam als Fünfjähriger in die South Bronx, lernte zunächst Violine und Bass und wechselte unter dem Eindruck der Straße zur Perkussion, vor allem Bata Drums. Diese Handtrommeln haben eine wichtige Funktion in der afro-karibischen Santeria-Religion, die wiederum in der west-afrikanischen Yoruba-Tradition wurzelt.
Cardona hat nicht nur das Spiel der Bata aus ihrem rituellen Kontext gelöst und in Jazz und Salsa überführt, er war auch Santeria-Priester.
Milton Cardona starb am 19. September 2014 in der Bronx an Herzversagen. Er wurde 69 Jahre alt.

erstellt: 29.09.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten



 

Klar, wenn man so einen Anruf erhält, stapelt man erst einmal tief.
Als die MacArthur Foundation ihn anrief, um ihm mitzuteilen, dass er zu den 21 MacArthur Fellows 2014 zähle, fragte Steve Coleman laut CBS erst einmal:
"Ok, wer ist das denn?" Er hielt den Anruf für einen Scherz.
steve coleman-macarthur-2014Aber es war Ernst:
Coleman wird für "besonders kreative" Leistungen ausgezeichnet und erhält, verteilt über die kommenden 5 Jahre, die Summe von 625.000 $.
Inzwischen hat er auch brav ein MacArthur Video gedreht.
Gemessen an anderen Auszeichnungen hat diese, in der Jazz gar nicht immer berücksichtigt wird, durchweg Geschick in der Auswahl gezeigt, meist jedenfalls.
Coleman´s Vorgänger aus dem Jazz sind:
Vijay Iyer (2013), Dafnis Prieto (2011), Jason Moran (2010), Miguel Zenon (2008), Regina Carter (2006), Ken Vandermark (1999), Max Roach (1988).



erstellt: 24.09.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

VideoWikipedia: Video is an electronic medium for the recording, copying and broadcasting of moving visual images.

Im London der 70er Jahre nannte man ihn unter Kollegen "The Raver", der Wilde. Eine kleine Respektlosigkeit, die ausschließlich seinem zurückhaltenden Habitus galt, keineswegs seiner Kunst.
Denn da war er, der 1952 aus Ontario/Kanada nach London gekommen war, längst eine Hausnummer.
Kenny Wheeler hat, wie kein zweiter, den britischen Jazz von der vor-modernen Tradition über Bop und Jazzrock bis in den FreeJazz begleitet. Kaum ein UK-Projekt von Rang, das auf seinen warmen, wendigen und filigranen Trompeten- bzw. Flügelhorn-Ton verzichteten mochte.
kenny-weelerEr hat sozusagen mit allen gespielt, von Bruford bis John Stevens, und er konnte mit allen. Nicht zu vergessen seine außer-britischen Aktivitäten mit Anthony Braxton einerseits, mit Globe Unity und dem United Jazz + Rock Ensemble andererseits.
Nicht zuletzt hat er einige Stücke komponiert, die bleiben werden, es sind Standards, z.B. "Sly Eyes" und "Everybody´s Song but my own" und Alben, die zu Klassikern wurden wie z.B. "Gnu High" (1975).
Eine Zeitlang schon war er nicht mehr spielfähig, wie sein Sohn Mark mitteilt, war er vor wenigen Tagen aus einem Krankenhaus zurück in ein Altenpflegeheim in Essex gebracht worden, man wartete auf die Resultate einer umfangreichen Untersuchung.
Kenny Wheeler starb am 18. September 2014 im Alter von 84 Jahren.
Vor zwei Wochen erst wurde sein jüngstes Album abgemischt, aufgenommen zu Weihnachten 2013 in den Abbey Road Studios, mit einigen seiner Lieblingsmusiker: Stan Sulzman, ts, John Parricelli, g, Chris Laurence,b und Martin France, dr. Das Album wird Anfang 2015 veröffentlicht.

erstellt: 19.09.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


Er war einer der größten Soulbrüder, die je am Jazzpiano Platz genommen haben.
Aber in Erscheinung trat er als Herr, als Gentleman, er ließ keinen Zweifel aufkommen, dass einem ein Afro-Amerikaner entgegentritt. Jive-Talk war nicht Teil seiner Interviews, er wog seine Worte sorgsam, fast möchte man sagen „elegant“ - es war eine Delikatesse, ihm auch in dieser Rolle zuzuhören.
Seine Bedeutung für das Jazzpiano wird, nun da er verstummt ist, vermutlich von Forschern en detail aufbereitet werden. Zeitlebens wurde sie verdeckt durch den Umstand, dass seine Kunst oftmals sehr populär war.
Er sah sich in der Tradition der territory musicians, einer schwer beschreibbaren Tradition schwarzer Musiker, die in den 30er Jahren aus den Südstaaten in alle Gebiete der USA ausstrahlte.
pic-Joe-SampleJoseph Leslie Sample, geboren am 1. Februar 1939 in Houston/Texas, begann als Fünfjähriger mit dem Klavierspiel. Gefährten wie Wilton Felder und Stix Hooper, mit denen er später die Jazz Crusaders sowie die viel erfolgreicheren Crusaders formte („Street Life“, 1979), traf er bereits in der High School. Ein Elektro-Piano, mit dem er vor allem den Funk-Jazz der Crusaders in den 70ern intonierte, besaß er ab 1963.
Auch als Studiomusiker kam er prominent zum Einsatz, u.a. bei Steely Dan („Aja“ und „Gaucho“), Tina Turner („Private Dancer“), B.B. King („Riding with the King“) und mehrfach bei Joni Mitchell.
Zuletzt war er viel mit der Sängerin Randy Crawford unterwegs, 2012 erschien ein Album mit der NDR Big Band. Im Juli hatte ein Musical unter seiner Mitarbeit, „Quadroon“, Premiere in seiner Heimatstadt Houston.
Joe Sample starb am 12. September 2014 in Houston an einem Bindegewebstumor, er wurde 75 Jahre alt.

Jazzcity ehrt Joe Sample mit einem Ausschnitt aus einem JC-Interview, in dem er sich Wynton Marsalis vorknüpft: dessen in Ken Burns´ Fernsehserie geäußerte Behauptung, schwarze Jazzmusiker wären aus Armut in die Improvisation gestolpert und hätten diese dann zu großer Kunst entwickelt. Sample macht die - historisch - korrekte Gegenrechnung auf, in dem er auf die Improvisatoren Bach & Beethoven verweist. Und ausnahmsweise kommt ihm das Wort „sh..“ über die Lippen...



PS: Spitze heute wieder das deutsche Großfeuilleton, Abteilung FAZ:
der gleichfalls verstorbene "Jazzer" Ralf Bendix ("Babysitter Boogie") wird in einem weitaus längeren Nachruf gewürdigt als der "Organist" Joe Sample.
Joe Sample = Organist?
Haben wir sein fettes Fender Rhodes, seinen delikaten Flügelklang fälschlich gehört?
PPS: etliche Besucher des Sample-Konzertes 2009 in der Tonhalle Düsseldorf reiben sich die Augen: hat Steve Gadd vielleicht gar nicht Schlagzeug gespielt, sondern Trompete?

erstellt: 15.09.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

Walter van de Leur, 52, ist sehr angetan von seinem Publikum, einem Jazzpublikum:
Durchschnittsalter 38 Jahre, Frauenanteil 25 % (na ja), wo findet man das heutzutage in einem Konzert?
Noch dazu kommen die 120 Damen und Herren aus 24 Ländern.
Aber sie fanden sich nicht ein, um Musikern zuzuhören, sondern sich und ihresgleichen -
rhythmchanges-logoes waren Jazzforscher unterschiedlichster Provenienz, die sich zur dritten rhythm changes Konferenz trafen, erneut im neuen Conservatorium van Amsterdam.
Das liegt nicht nur einen Steinwurf vom Bimhuis entfernt, einer der komfortabelsten jazz locations in Europa, es sieht auch ähnlich schnieke aus.
24 Länder hört sich gut an, aber die meisten kamen aus den USA, aus UK und NL, deutsche, ja mitteleuropäische Jazzforscher waren deutlich unterrepräsentiert.
Van de Leur, der an der Universität Amsterdam Jazz und Improvisierte Musik lehrt, verbindet damit kein Urteil über die deutsche Jazz-Musikologie, aber er will erfahren haben, dass deutsche Experten lieber nach Darmstadt gehen, weil sie sich dort in ihrer Muttersprache verbreiten können. Und was soll er, was soll der mehrheitlich britische Vorstand mit einem Charlie-Parker-Forscher, der seine Erkenntnisse nur auf Italienisch mitzuteilen weiß?
Englisch ist die lingua franca unter den Jazzologen, und wer sie einigermaßen beherrscht, konnte in Amsterdam neben dem unerlässlichen Bodensatz, den es immer bei solchen Konferenzen gibt, eine Reihe erstaunlicher Vorträge hören.
Scott DeVeauxEs würde der deutschen Fraktion z.B. gut anstehen, einen Mann wie Scott DeVeaux, 59, aus Charlottesville/Virginia zu erleben (hier in einer Art Jugendbild).
Man würde ihn zunächst für einen Regionalleiter von Burger King halten, wie er am Pult steht, die eine Hand häufg in der Hosentasche, in der anderen eine Riesentasse, aus der er Flüssigkeit in einem Maße zu sich nimmt, das man darin gar nicht vermutet. Dazu spricht er in einem Amerikanisch, bei dem die Kartoffeln mehr als üblich zwischen den Gesichtshälften kullern.
DeVaux hielt die Abschlussrede über „Fusion“, verlor aber kein Wort über Weather Report, betonte damit vielmehr eines der Grundprinzipen des Jazz. Die Ausschließeritis der deutschen Fraktion würde ihn wahrscheinlich veranlassen, die Tasse in einem großen Zug zu leeren.
DeVaux kennt viele, viele Jazz-Narratives - eine Lieblingsvokabel in Amsterdam. Gemeint ist damit eine „Auffassung von Jazz“.
Eine seiner klobig ausgesprochenen, schlanken Thesen: „Jazz braucht keine neuen Ideen, sie werden sowieso an ihn herangetragen!“
Darüber sollten wir mal nachdenken. In English, please.

erstellt: 07.09.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

 

layman


Will Layman nimmt in seinem blog Pop Matters die Ente des New Yorker über Sonny Rollins auseinander und die sich anschließende Entblöd(ss)ung von Justin Moyer in der Washington Post.
Er analysiert, ohne jede Empörung.
Und das ist gut so.
Und führt abschließend zu drei Empfehlungen:
- Jazzhelden: entspannt euch und erklärt den Reichtum eurer Kunst mit einem Lächeln
- The New Yorker: besorgt euch einen richtigen Jazzautor.*
- Sonny Rollins: ändere dich um keinen Millimeter und hab´ weiterhin Spaß an deinem "Mad"-Abo.

*Layman erinnert, wie Richard Williams, an den Jazzkritiker Whitney Balliett, und wundert sich, dass das Magazin in der Hauptstadt des Jazz diese Kunstgattung im wesentlichen ignoriert.

erstellt: 20.08.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

 

 

Improvisation ist nicht nur ein Kennzeichen unserer kleinen Welt, sondern auch des großen Restes - sie ist ein Prinzip des Lebens.
In Brooklyn, in den Räumen des Bezirksstaatsanwaltes von Kings County, kamen gestern beide zusammen, d.h. Cecil Taylor, 85, brachte sie in eins.
Anlass war die Inhaftierung von Noel Muir, der in Manhattan im Haus gleich nebenan wohnt.
Muir ist Bauunternehmer und half, wie es Ehrensache ist für gute Nachbarn, im vergangenen November bei der Reise von Cecil Taylor nach Kyoto. Vorausschauend hatte er bei der Citibank in New York City ein Konto eingerichtet. Nach Japan mailte er, es sei auf den Namen „Cecil Taylor Foundation“ eingerichtet - in Wirklichkeit lautete es aber auf ihn, Noel Muir, auf seine Bauunternehmung.
Auf dieses Konto sollten 500.000 $ fliessen, das Preisgeld der japanischen Inamori Stiftung für die Auszeichung Cecil Taylor´s als „einer der originellsten Pianisten der Jazzgeschichte“.
Heute ist das Konto leer; Muir hatte ein wenig in bar abgehoben und den großen Rest in sein business gesteckt. „Wir werden jeden dime (10 cent-Münze) zurückholen, den man Mr. Taylor entwendet hat“, versprach der Bezirksstaatsanwalt Kenneth Thompson (im Bild rechts neben Cecil Taylor).
TAYLOR-master675Und der Geschädigte?
Mochte auf der Pressekonferenz nicht mit einem Satz auf die kriminelle Affäre eingehen.
Er wollte lieber reden über die Schönheit der Bäume, wie man sie auf der Bahnfahrt von Tokyo nach Kyoto sehen kann, über Tänzer des Kabuki Theaters und über Pierre Boulez. Und summte dazu.
Die Reporter, mit ihren Notepads und Kameras auf eine direkte Antwort drängend, erlebten, wie es Stephanie Clifford von der New York Times beschreibt, „eine Kunst-Performance selbst“.
Taylor habe sich im 19. Stock der Staatsanwaltschaft von Kings County „in sehr guter Improvisationsform“ gezeigt.
Auf die Frage eines verblüfften Reporters, ob er gerade performe, antwortete er freilich, nein, derzeit habe er keine Termine für eine Performance  in Planung.

Foto: Chester Higgings, New York Times

erstellt: 13.08.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


Wenn´s brenzlig wird für einen Spaßmacher, kann er sich in diesem Land auf Kurt Tucholsky (1890-1935) berufen:
"Was darf Satire?"
Tucholsky: "Alles".
In Amerika ist das offenbar anders. Und wie anders, kann man dieser Tage wieder studieren.
Das Magazin New Yorker, dessen untadeliger Ruf auch auf den einen oder anderen deutschen Leser überstrahlt, veröffentlicht dieser Tage ein spoof interview eines Autors namens Django Gold (!) mit Sonny Rollins, 84. Hier ist es. 
Ein fiktives Interview also, in dessen Wortlaut der legendäre Saxophonist nicht nur sein Instrument ("klingt fürchterlich") und seine Gattung ("Jazz ist das dümmste, was je erfunden wurde"), sondern auch sein Leben in die Tonne tritt ("Ich hasse Musik. Ich habe mein Leben vergeudet.")
Wir in Deutschland haben Grund zu der Annahme, dass Titanic diesen Job "authentischer", prickelnder und eleganter ausgeführt hätte.
Inzwischen hat "Sonny Rollins: In His Own Words" auf der Webseite des New Yorker einen kleinen Vorspann, der ihn als "ein Stück Satire" ausweist.
Denn natürlich blieb dieses eher mäßige Stück nicht ohne Kritik(er), unter denen Nicholas Payton mal wieder das Wasser nicht halten und in der Majestätsbeleidigung die üblichen Schwarz-Weiß-Muster erkennen konnte.
Marc Myers zweifelt, ob das Magazin ähnlich mit Superstars wie Jay-Z, Paul McCartney oder Taylor Swift umgesprungen wäre, denen bekanntlich Scharen von Anwälten zur Seite stehen.
sonny rollinsUnd das Opfer, Sonny Rollins selbst?
Man sieht ihn in einem Video (Bild):
er  dachte zunächst, es wäre ein Stück aus dem Magazin "Mad", dessen Abonnent er lange gewesen sei. Es sei so "lächerlich", dass dies wohl niemand ernst genommen hätte.
Aber im New Yorker; da schließt er sich den Kritikern an, die fürchten, im Internet würde so etwas als bare Münze genommen. Im übrigen, "Jazz ist während seiner ganzen Geschichte verspottet und marginalisiert worden."
Die entspannteste Kritik liest man in Richard Williams´ wie so häufig famosen Blog TheBlueMoment:
er hebt den künstlerischen Rang von Sonny Rollins hervor - und erinnert an Whitney Balliett, 2008 im Alter von 80 Jahren verstorben,  der "mit unendlicher Sensibilität und Fantasie" die richtigen Worte gefunden habe, "um den Klang und die Humanität des Jazz und derer, die ihn spielen" zu beschreiben. Im New Yorker.

erstellt: 06.08.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

 

 

 

 

Dass Musiker nach einem Konzert noch einmal vors Publikum treten, um zu erläutern, warum sie soeben hier gespielt haben, kommt nicht alle Tage vor. Und, streng genommen, wäre es am 25.05. in der Luisenstraße 166 in Wuppertal-Elberfeld auch nicht nötig gewesen: ein jeder unter den 80 Zuhörern im vollbesetzten "ort" wusste, warum William Parker, b, Hamid Drake, dr, und Charles Gayle, ts, p, an diesem Tag erschienen waren (zu einem Konzert, das vor allem von der erfindungsreichen Rhythmusgruppe lebte) - wenige Tage zuvor wäre der Hausherr, Peter Kowald (1944-2002) 70 geworden; und den ganzen Mai lang wird dieser Geburtstag mit "Musik, Kunst, Film im Ort" gefeiert.
Da durften Repräsentanten seiner New Yorker Zeit nicht fehlen.
Ein wenig genant, mit viel Understatement, ob sie denn auch die richtigen Worte fänden, zeichneten sie mit Humor und großen Herzen ihr je persönliches Porträt eines Mannes, den die Wuppertaler, vor allem im Luisenviertel, sei jeher nicht nur als Bassisten, sondern auch als großen Kommunikator, beute würden man sagen Netzwerker, kannten; sie nannten ihn "unseren Bürgermeister".
Kowald 1985 NYC Und William Parker berichtet Ähnliches aus New York; wie da in den deprimierenden, ökonomisch desaströsen 80ern ein furchtloser Kollege aus Germany auch von dreifach verriegelten Türen sich nicht abstoßen lässt ("Wir trauten unseren eigenen Kindern nicht, wenn die nach Hause kamen", Parker), das Misstrauen der Szene in sich selbst zum Schmelzen bringt (befeuert auch von den Dollarnoten, die der deutsche Maler A.R. Penck aus seinen Hosen zieht) und ein Netzwerk spinnt, das auch heute noch im "Visions"-Festival fortlebt.
Hamid Drake bestritt rundweg, dass Kowald für immer gegangen sei ("Wohin auch? Für mich lebt er immer noch."). Und Charles Gayle führte in einem komplementärem Bild, einer "introduction into Deutschländ", die Furchtlosigkeit des Hausherrn auf seinen Ursprungsort zurück: seine Verwunderung darüber, dass Kowald seinen Wagen parkt, aussteigt, den Kontrabass drinnen liegen lässt - und nicht abschließt.
Peter Kowald in New York, 1985 (Foto: E.Dieter Fränzel)

erstellt: 26.05.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

 

Keith Jarretthat mal wieder jemanden husten gehört. In Osaka.
Bricht ab, verlässt die Bühne - und kehrt wieder. Mehrmals.
Damit wir alle was davon haben, hat ein pfiffiger Japaner eine Videoanimation davon ins Netz gestellt...


 

 

...

Würde der Echo Jazz den Namen, den er trägt, wirklich verdienen, dann müsste er, wenn man z.B. in den Jazz hineinruft „Wer ist der beste Jazzpianist im Lande?“ den Namen des oder derjenigen, auf den diese Qualität zutrifft, zurückwerfen.
Nun ist der Jazz bekanntlich in solchen Fragen beharrlich untätig, er lässt sich von Menschen guten Willens vertreten, die in seinem Namen sprechen. Beispielsweise die 12 Mitglieder der Jury zum deutschen Echo Jazz.
Wer ihnen also obige Frage zuruft, gerne auch in etlichen weiteren Kategorien, noch dazu
differenziert in „national“ und „international“ - der bekommt ein eigenartiges Flatterecho.
ECHO Jazz PlatzhalterViele nehmen den Preis gar nicht mehr ernst. Sie weisen darauf hin, dass 7 der 12 Jurymitglieder aus dem Tonträger-herstellenden oder -vertreibenden Gewerbe stammen.
Sie sind auch nicht mehr überrascht, dass von den 19 Auszeichnungen des Echo Jazz 2014 (zwei Kategorien stehen noch aus: „Bestseller des Jahres“ und „Lebenswerk eines Künstlers“) allein 7 an Künstler des deutschen Labels ACT gehen; wohingegen erst mit großem Abstand Universal (3 Auszeichnungen) folgt, immerhin ein multinationaler Konzern. Vertreter beider Unternehmen gehören der Jury an.
ECM, das viele weltweit für das bedeutendste Jazzlabel aus Deutschland halten, taucht gar nicht auf, seit Jahren nicht - die Münchner boykottieren seit langem den Echo Jazz,  sie reichen nichts ein, weil sie das Auswahlverfahren diffus finden.
ECM-Chef Manfred Eicher lehnte es seinerzeit ab, eine ihm zugedachte Auszeichnung entgegen zu nehmen.

Just an dem Tag, an dem die Gewinner des Echo Jazz 2014 publiziert werden, kommt ECM mit der Meldung, die Jazz Journalists Association in den USA habe es als „label of the year“ prämiert, zum dritten Mal in Folge.
Bedrückend originell ist die JJA-Liste freilich nicht:  die amerikanischen Kollegen kennen, ausser ECM, niemanden ohne amerikanischen Pass, der es wert wäre, von ihnen ausgezeichnet zu werden.

erstellt: 16.04.14
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


 

Sechs Jahre nach seiner bahnbrechenden Studie, mit der er den von Musikern so genannten Zustand flow auch hirn-physiologisch nachweisen konnte, hat Charles Limb (zusammen mit vier weiteren WissenschaftlerInnen) erneut Jazzmusiker in die Röhre gelegt.
Elf an der Zahl, in einem halb-offenen Magnetton-Resonanz-Tomografen, der erlaubt, auf den angewinkelten Beinen ein metall-freies keyboard zu bedienen.     
Diesmal freilich ging es nicht um solistisches, sondern erstmals um interaktives Spiel:
die Pianisten mussten sich dem uralten Jazzmodell des Tradin´ Fours unterwerfen, des Solistenwechsels nach jeweils 4 Takten. Ihr jeweiliges Gegenüber saß im Kontrollraum gleichfalls an einem keyboard, entweder Limb oder sein Kollege Gabriel F. Donnay.
Limb-saxDie Ergebnisse dieser Studie werden in der Presse nun gern nach dem Motto dargestellt: „Jazz ist Konversation, wie Hirnscanner zeigen“. Das ist nicht falsch, ebensowenig wie „Musik und Sprache stützen sich auf die gleichen Hinregionen“.
Tatsächlich aber gehen sie - wie gleichfalls lange bekannt - an einem bestimmten Punkt auseinander, bestimmte Regionen sind beim Improvisieren nämlich unter-aktiv, und zwar genau solche für semantisches Erkennen.
Insofern dient die Studie weniger den Zwecken des Jazz als vielmehr der Debatte, ob Musik semantischen Gehalt habe, also etwas bezeichnen könne. Durch diese Studie wachsen die Zweifel daran.
Ein anderes Detail aber verdient viel mehr Aufmerksamkeit: war 2006, bei der Solo-Improv der Musiker deren dorsolateraler präfrontaler Kortex weitgehend ausgeschaltet...zeigt er sich jetzt unerwartet aktiviert.
Limb ist überrascht: „Im Gegensatz zu einer solistischen Improvisation entsteht mehr Erwartung in einer musikalischen Konversation, ob das, was kommt, rhythmisch-melodisch passt zu der voraufgehenden Passage. Das stellt möglicherweise höhere Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis.“
Demnach spielt sich beispielsweise im Kopf von Keith Jarrett etwas anderes ab, wenn er solo spielt als mit Gary Peacock und Jack DeJohnette.
Haben wir´s nicht so schon immer geahnt?

erstellt: 25.02.14
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


 

Norton Hancock 0

Theo Jörgensmann und Rolf-Dieter Weyer haben sich 1991 an eine "Kleine Ethik der Improvisation" gewagt.
Die Resonanz auf ihre Bemühung ist ein laues Lüftchen, gemessen an dem, was Onkel Herbie zwischen dem 3. Februar und dem 31. März an der Harvard University entfachen wird.
Für diesen Zeitraum trägt er den Titel Charles Eliot Norton Professorship in Poetry, lebt auf dem Campus und hält sechs Vorlesungen (lectures).
Poetry wird hier "im weitesten Sinne" verstanden; wie weit, verdeutlichen die Vorgänger auf diesem seit 1925 bestehenden Posten: Stravinsky, Hindemith, Bernstein, Cage, Berio, um nur wenige cracks aus der Musik zu nennen.
Hancock´s Themenliste legt nahe, dass er "Ethik" gleichfalls "im weitesten Sinne" auslegen wird:
Set 1 - THE WISDOM OF MILES DAVIS
Monday, February 3
Set 2 - BREAKING THE RULES
Wednesday, February 12
Set 3 - CULTURAL DIPLOMACY AND THE VOICE OF FREEDOM
Thursday, February 27
Set 4 - INNOVATION AND NEW TECHNOLOGIES
Monday, March 10
Set 5 - BUDDHISM AND CREATIVITY
Monday, March 24
Set 6 - ONCE UPON A TIME…
Monday, March 31
Die Vorträge sind öffentlich und kostenlos.

erstellt: 24.01.14
©Michael Rüsenberg (und die Fotografen), 2014. Alle Rechte vorbehalten





Eine solche Karriere ist heute nicht mehr denkbar: erst mal spielen, von den Kumpels lernen (die später alle einen Platz in der Historie der Gattung einnehmen) und die Theorie fürs Handeln erst später erwerben, bei laufender Praxis und wachsender Reputation: Bachelor mit 49, Master mit 50, Dissertation mit 55 (Titel der Doktorarbeit "Ein Überblick über die westliche und die islamische Erziehung").
Ja, unter seinem Namen Yusef Lateef war er so bekannt, dass kaum jemand den Namen kannte, unter dem er als Jazzmusiker in den 40ern als Tenorsaxophonist begonnen hatte: Williams Evans. Seinen Geburtsnamen muss man in den Lexika nachschlagen: William Emanuel Huddleston. Zum Islam konvertierte er in den späten 40ern, kurz bevor er nach einem Jahrzehnt auf Tour nach Detroit zurückkehrte.
yusef lateefGeboren wurde er am 9. Oktober 1920 in Chattanooga, Tennessee, im Alter von fünf Jahren zog er mit der Familie nach Detroit, wo der Vater in der Autoindustrie arbeitete.
Hier erlernte er in den 50ern die Flöte, später die Oboe - Lateef wurde einer der frühen Multiinstrumentalisten des Jazz, sein instrumentaler Fuhrpark machte auch vor einer Cola-Flasche nicht halt. Die instrumentale ging einher mit einer stilistischen Vielfalt, Yusef Lateef gehört zu den Begründern dessen, was heute als World Jazz bezeichnet wird.
Er schrieb zudem nicht nicht nur für Jazzensemble, sondern auch Orchester. Sein erstes Werk war die Blues-Suite "Suite 16" für das GA Symphony Orchestra in Augusta/GA, 1969.
Als sein ambitioniertestes Werk in diesem Sektor bezeichnet er die "African American Epic Suite", 1993 von Ulrich Kurth für das Rundfunkorchester des WDR in Auftrag gegeben.
Lateef hat nach 1956, u.a. auf seinem eigenen Label Yal Records, mehr als 100 Tonträger veröffentlicht, 2010 wurde er in die Riege der Jazz Masters durch das National Endowment of the Arts aufgenommen. Noch im April 2013 trat er in Brooklyn auf, zur Premiere zweier Werke, eines für Piano, das andere für Streichquartett.
Yusef Lateef starb am 23. Dezember 2013 in Shutesbury/, Massachusetts, im Alter von 93 Jahren.

erstellt: 17.12.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


Unter Kölner Journalisten ist er berüchtigt als der Peter-Langer-Effekt: den Tod eines Prominenten fälschlich melden (seinerzeit war es die verfrühte Meldung, Konrad Adenauer sei verstorben.)
Die NZZ zitiert den Sohn von Horace Silver, sein Vater sei "bei guter Gesundheit". Wie andere hatte auch die NZZ, zumindest online, vom Ableben des Hardbop-Pioniers berichtet.
JC sagt "pardon".
Darauf "Peace".
erstellt: 18.12.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


Bill BrufordBitte Ruhe bewahren, noch ist es nicht so weit. Aber in absehbarer Zeit werden wir ihn als Dr. Bill Bruford ansprechen müssen/dürfen.
Für den allergrößten Teil unserer kleinen Welt ist das ohne Belang, weil er seiner sowieso nicht mehr angesichtig werden kann:
seit dem 01.01.09, wenige Monate vor seinem 60. Geburtstag, betritt er keine Bühne mehr.
Mit einer Unterbrechung von gut 45 Jahren strebt damit eine akademische Karriere ihrem Gipfel zu, die  während zweier Monate 1968 zu kaum mehr als der Zimmersuche geführt hatte.
Da nämlich liess sich Bruford anlässlich eines Yes-Konzertes in der University of Leeds von seinen alten Kumpels breitschlagen, doch wieder einzusteigen: die Band klang, "als würde sie einen Sack Kohlen die Treppe raufschleppen", der Drummer hing "einen ganzen Beat hinter den anderen" - und der Ausblick war so übel nicht:  "nächsten Dienstag als Vorgruppe beim Abschiedskonzert von Cream in der Royal Albert Hall."
Nun promoviert Bruford dort, wo er in den Jahren vor Veröffentlichung seiner exzellenten Autobiographie auch schon als Dozent tätig war, an der University of Surrey in Guildford.
Laut Universitätswebseite ist sein Ziel "eine theoretisch fundierte Kultur-Psychologie des westlichen Schlagzeugers", im Grunde eine Forführung seiner Autobiographie, die sich bereits wie eine Übung in Musiker-Soziologie liest.
Mit den Neurowissenschaften hat er es nicht so, sein Ansatz ist denen "diametral entgegensetzt", eine Perspektive eher der "Sozial-Ethnografie und Musikpsychologie".
Dafür muss Bruford wieder reisen, denn seine Forschungsobjekte leben "verstreut von Guildford bis Los Angeles".
erstellt: 17.12.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten



HoraceSilver-1Wer hat ihn als Pianisten im Ohr, wer erinnert seinen Klavierstil?
Mhm, da gehen nur wenige Hände hoch.
Wer kennt "Peace", "Song for my Father" oder "Cape Verdean Blues"?
Danke für die Gegenprobe, sie ist überwältigend.
Horace Silver ist das klassische Beispiel für einen Jazzmusiker, der mit wenig Wie, aber sehr viel Was in der Jazzgeschichte Eingang gefunden hat.
Er ist einer der großen Schöpfer von Standards. Selbst denen, die noch nie einen Ton von ihm selbst gehört haben, ist er auf Grund zahlreicher Interpretationen seiner Werke geläufig, von Pat Metheny über Gary Thomas und Ravi Coltrane bis Keith Jarrett, Gil Evans und Roland Kirk.
Geboren wurde er am 02.09.1928 in Norwalk, Connecticut, in seiner Autobiografie "Let´s get to the nitty gritty" (2006), schildert er, wie er als kleiner Junge den Folksongs lauschte, die der Vater auf Gitarre und Violine spielte, er stammte von den Kapverdischen Inseln. Mehrere seiner Stücke spiegeln diesen Einfluss, auch die über Brasilien vermittelte Variante der portugiesischen Musik.
Silver begann gleichwohl auf dem Tenorsaxophon, wechselte dann zum Piano, 1950 entdeckte ihn Stan Getz an diesem Instrument in Hartford/CT. Mit ihm begann im Dezember 1950 eine Liaison mit  Blue Note, die bis 1980 währte.
Nach Alben mit Stan Getz und Lou Donaldson entstand im Oktober 1952 die erste Aufnahme unter seiner Leitung, mit einem Trio, wenig später mit Art Blakey (die ersten Jazz Messengers waren Horace Silver & The Jazz Messengers).
Horace Silver entwickelte sich auf diesem Label zu einem der Exponenten des Hardbop und der funky-Spielweise.
Silver pflegte einen rhyhtmisch betonten Klavier-Stil, sein kompositorisches Credo hatte er 1968 in den liner notes zum Album "Serenade to a Soul Sister" dargelegt: "meaningful simplicity" - aussagekräftige Einfachheit.
Daran hat er sich gehalten, das hat ihn weit getragen, zu einem der wichtigen Stilisten des Jazz.
In der Mitte des letzten Jahrzehnts hatte er sich nach Kalifornien zurückgezogen
Am 17. Dezember 2013 ist Horace Ward Martin Tavares Silver wenige Wochen nach seinem 85. Geburtstag verstorben.
erstellt: 17.12.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten



Das A-Trane in Berlin, der Bunker Ulmenwall in Bielefeld, das domicil in Dortmund, die Münchner Unterfahrt wurden ausgezeichnet, mithin die bundesweit bekannten „Jazz“-Clubs. Würde in dieser Liste der Stadtgarten Köln fehlen, man könnte die entsprechende Jury der Blindheit, Taubheit oder beider zusammen bezichtigen.
Der Stadtgarten Köln findet sich in der Tat unter den mit je 30.000 Euro unterstützen locations des Spielstättenförderpreises in der Kategorie I (Details unten).
Insofern hat die Jury erwartbar ordentliche Arbeit geleistet.
Die Preisträger wurden, wie berichtet, von einer 9köpfigen Jury im Auftrag der Initiative Musik e.V. ermittelt, zu Verteilung kamen Bundesmittel in Höhe von 1 Mio Euro.
Gleichwohl, das Ganze hat ein Geschmäckle, weil einer der Juroren zugleich Begünstigter ist: Reiner Michalke, einer der Geschäftsführer des Stadtgarten Köln. Hat er sich oder seinen Club mit Hilfe der drei weiteren, jazz-affinen Juroren bereichert?

Michalke gehört zu den wesentlichen Initiatoren des Preises, der ursprünglich nur dem Jazz gelten sollte, im weiteren Verlauf aber nur unter Hinzunahme von Pop-Locations durchzusetzen war. Pop fliesst nicht nur der Löwenanteil der Preisgelder zu (600.000 aus 1 Mio Euro), Pop stellt auch die Mehrheit der Juroren (5 von 9) - unter den 380 Bewerbern überwogen die Jazz-Einreichungen allerdings bei weitem.
Michalke schreibt, unter „allergrössten Bedenken“ dem "Ruf in die Jury" gefolgt zu sein: „Schließlich ist niemand bereit, in eine Jury zu gehen, wenn er damit gleichzeitig die Chance auf einen Preis ausschlägt.“
7 von 9 Juroren votierten für den Stadtgarten, bei einer Enthaltung und einer Gegenstimme; die Abstimmung für diesen Punkt fand anonym vor der Jurysitzung statt.
Im Falle des Loft (Köln), das ein jeder, der es besucht hat, für preiswürdig hält, zeigt sich ein weiterer Preis dieses Preises: die Voten verliefen entlang der Genre-Grenzen, 4 Jazz-Affine dafür, 5 Nicht-Jazz-Affine dagegen, vulgo: Pop-orientierte Juroren befinden über Jazz-Locations - das Resultat entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Gibt es eine erneute Auschüttung im nächsten Jahr?
Das hängt von der Zusammensetzung des kommenden Kulturausschusses im Bundestagab. Die Mitglieder der abgelaufenen Legislatur konnten es gut miteinander - die neuen kennt noch keiner.
Sie sollten das Verfahren für die Spielstättenförderung wasserdicht machen.

RTEmagicC SSPP2013 Ankuendigung 02.jpg

Kategorie I

Spielstätten mit regelmäßig mehreren Livemusikveranstaltungen pro Woche

Motorschiff Stubnitz, Rostock, Mecklenburg-Vorpommern

Alte Feuerwache Mannheim, Baden-Württemberg

Astra Stube, Hamburg

Bunker Ulmenwall, Bielefeld, Nordrhein-Westfalen

domicil, Dortmund, Nordrhein-Westfalen

Gebäude 9, Köln, Nordrhein-Westfalen

Hafenklang, Hamburg

Hirsch, Nürnberg, Bayern

Jazz Club A-Trane, Berlin, Berlin

Jazzclub Tonne e.V., Dresden, Sachsen

Jazzclub Unterfahrt, München, Bayern

Jazzhaus Freiburg, Freiburg, Baden-Württemberg

Magnet Club, Berlin
Molotow, Hamburg

Moritzbastei Leipzig, Leipzig, Sachsen

scheune e. V., Dresden, Sachsen

Stadtgarten Köln, Köln, Nordrhein-Westfalen

The Atomic Café, München, Bayern

Uebel & Gefährlich, Hamburg, Stefanie Hochmuth
 
Kategorie II

Spielstätten mit durchschnittlich einer Livemusikveranstaltung pro Woche
Haldern Pop Bar, Haldern, Nordrhein-Westfalen
Birdland Jazz Club Neuburg, Neuburg, Bayern
Brotfabrik, Frankfurt am Main, Hessen
Glashaus, Bayreuth, Bayern
Golden Pudel Club, Hamburg
Jazz Club Minden, Minden, NRW
Jazzclub Karlsruhe, Karlsruhe, Baden-Württemberg
Jazzclub Regensburg e.V., Regensburg, Bayern
Karlstorbahnhof, Heidelberg, Baden-Württemberg
Klubbar King Georg, Köln, Nordrhein-Westfalen
LiveCV im CVJM Lübeck, Lübeck, Schleswig-Holstein
zakk SSP, Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen
 
Kategorie III
Reihen mit mindestens zehn Veranstaltungen im Jahr
Eine Welt Aus Hack Konzerte, Berlin
FatJazz urban-X-changes, Hamburg
Fjazzforum_bayreuth, Bayreuth, Bayern
Jazz im KultRaum Kleinmachnow, Kleinmachnow, Brandenburg
Jazz in der Stadt, Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz
Jazz Initiative Dinslaken e.V., Dinslaken, Nordrhein-Westfalen
JAZZ LIVE IM SPEICHER (LEER), Leer, Niedersachsen
Jazzclub Konstanz, Konstanz, Baden-Württemberg
Jazz-Club Neumünster e.V., Neumünster, Schleswig-Holstein
Jazzclub Nordhausen e.V., Nordhausen, Thüringen
jazzclub singen, Mühlhausen-Ehingen, Baden-Württemberg
Jazzclub Villingen e.V., Villingen-Schwenningen, Baden-Württemberg
Jazzfrühling Jena, Jena, Thüringen
jazzGAP 12, Garmisch-Partenkirchen, Bayern
Jazzkeller 98 im Schloss Miltach, Miltach, Bayern
Jazzklub Krefeld e.V., Krefeld, Nordrhein-Westfalen
Jazzkongress e.V., Freiburg, Baden Württemberg
jazztone, Lörrach, Baden-Württenberg
Kulturverein Platenlaase, Platenlaase, Niedersachsen
Künstlerwerkstatt Pfaffenhofen 2012, Pfaffenhofen, Bayern
Liveclub Telegraph, Leipzig, Sachsen
OHA! Music, Hamburg
Seemannsklub, Rostock, Mecklenburg Vorpommern
Zoglau3 Raum für Musik, Reut/Taubenbach, Bayern


 

RTEmagicC SSPP2013 Ankuendigung 02.jpgDie Mitglieder von 2nd Floor e.V., die in Köln das Loft betreiben, müssen sich am 25.09. nicht auf die Reise machen; es sei denn, sie wollten aus Spaß an der Freud´ der Preisverleihung beiwohnen oder die vorbestellten "bis zu zwei ReeperbahnTickets á 40 EUR" abholen.
Das Loft ist eine von x Spielstätten aus 320, die von einer Fachjury "leider nicht ausgewählt" wurden.
(In Köln wird das niemand verstehen, bei nicht wenigen in der Domstadt rangiert das Loft vor dem Stadtgarten.)
Noch aber besteht kein Grund zum Lamento - solange man nicht weiss, wer nach Hamburg eingeladen wurde, in der berechtigten Hoffnung, eine Prämie zwischen 5.000 und 40.000 Euro entgegennehmen zu dürfen.
In der betreffenden 9köpfigen Jury lassen sich zumindest 4 Jazz-Affine ausmachen (Volker Dueck, Felix Falk, Reiner Michalke, Angelica Niescier).
Ausgezeichnet werden "kleine und mittlere Clubs und Programmveranstalter, die mit Mut zum Risiko ein kulturell herausragendes Programm anbieten, das jenseits des Etablierten auf ein hohes musikalisches Niveau setzt", so Bernd Neumann, Kulturstaatssekretär des Bundes.
Aus seinem Etat fliessen der Initiative Musik für den Spielstättenprogrammpreis 2013 immerhin 1 Mio Euro zu.
Die Empfänger werden nach Grammy-Manier erst am 25.09. öffentlich bekannt.
Ob der Veranstaltungsort selbst "Gefährlich" ist, müssten wir Ortskundige fragen.
Dass das Poster zur Auszeichnung "Uebel" ist, gestaltet von einem/r absolut Talentfreien Designer/in, sollte in der Feldstr. 66 zu HH an jenem Tag nicht unerwähnt bleiben.





Der Mann, der  für Cannonball Adderley am E-Piano sass,  für Frank Zappa,  Billy Cobham, Stanley Clarke, John Scofield, Eddie und Joe Henderson, Miles Davis und wer-weiss-nicht-alles an den keyboards, dessen eigene Alben aus den frühen 70ern (insbesondere "Feel" und "Faces in Reflection", beide 1974) zu den - gerne überhörten - Bausteinen der Fusion aus Soul und Jazz gehörten, der wie kein zweiter die Blues-Inflektion aus e-piano und synth hat sprechen lassen - er schliesst sein Lebenswerk mit Titeln wie "Ashtray" oder "Burnt Sausage", mit Teenie-Singsang a la "Hey George! - Hey Girl! What´s up?" (alle aus seinem jüngsten Album "Dreamweavers").
So hat er es viele Jahre gehalten. Im Grunde seit er 1977 mit Raul de Souza´s "Sweet Lucy" zugleich auch in die Rolle des Produzenten schlüpfte, hat er sich peu a peu von seinen Techniken der frühen Jahre entfernt: George Duke mutierte zu dem, was man in Amerika einen "R & B artist" nennt, einen Rhythm & Blues-Künstler, was real klingend vielfach nichts anderes ist als Schmuse-Soul. Viele, die heute noch von den ersten zehn Jahren schwärmen, 1967-1977, haben das bestenfalls mit einem Ohr registriert, wenn denn später hier und da noch mal ein Funke aufflackerte, meist gar nicht mehr.
George Duke, das war einer der tragischsten Renegaten des Jazz.
Selbstverständlich hat er das völlig anders gesehen, seine Legitimation, wie sie die New York Times zitiert, klingt stereotyp wie seine Musik der letzten Jahrzehnte, es sind Wort wie aus einem Textautomaten: "Ich denke, es ist möglich, gute Musik zu spielen und zugleich kommerziell zu sein. Meiner Meinung nach hat ein Künstler die Aufgabe, die Musik zu den Leuten zu bringen. Kunst um der Kunst willen ist schön und gut, aber wenn Kunst sich nicht mitteilt, wird ihr Wert negiert. Sie hat nicht ihre Aufgabe erfüllt."
George Duke, geboren am 12.01.1946 in San Rafael, nahe San Francisco (an dessen Konservatorium er bis 1967 studiert hatte), verlor im vergangenen Jahr seine Frau, Corine, mit der er 40 Jahre verheiratet war; er soll danach, umgangssprachlich, in Depression verfallen sein.
Er starb am 5. August 2013 in Los Angeles an Leukämie, im Alter von 67 Jahren.


 

Wie in jedem Jahr dringen auch heuer vor der großen Programmpressekonferenz Namen durch....
Die Jazzpolizei hat aufgeschnappt: Eve Risser, p, am Pfingstsamstag mit dem White Desert Orchestra.
Und noch ´ne Big Band am gleichen Tag: Michael Mantler Jazzcomposer Orchestra Update.

erstellt: 11.02.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten




Ulrich Stock von der Zeit ist ganz a lieber Kerl.
Wir haben heitere Abende miteinander verbracht. Aber den historischen Vergleichen des Kollegen muss die Jazzpolizei nun aber doch mal entgegen treten.
Stimmt, das neue Album des Vijay Iyer Trios „Break Stuff“ ist gut.
Stimmt auch: „ein jedes Pianotrio tritt sofort in Konkurrenz zu allen Vorgängern und Zeitgenossen-“.
Aber stimmt gar nicht: die Aufzählung, die nun folgt
„-von Oscar Peterson bis Cecil Taylor von Esbjörn Svensson bis Martin Tingvall, von Michael Wollny bis Rusconi.“
Vom „Genöle Keith Jarretts“ ganz zu schweigen.
Wer die Jazzhistorie so auf Linie bringt, der sollte seinen auditorischen cortex nebst nachgeschalteter Festplatten mal defragmentieren, sie scheinen von einem Tinnitus Hamburgensis befallen zu sein.

erstellt: 29.01.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten


Ja, ja, ja, es ist ungerecht gegenüber unseren Freunden in diesem Bundesland, wegen ihrer zahlreichen Jazz-Aktivitäten (die Dresdner Clubs, das Leipziger Jazzfestival, der Jazzstudiengang bei Carl-Maria-von-Weber etc.).
Aber, haben sie es damit je in das erste Buch einer überregionalen Tageszeitung gebracht?
Die Sicherheitsbehörden schaffen das auf Anhieb:
"Sachsen hat das ein bisschen hochgejazzt"...
meldet heute die SZ auf Seite 5. Und beruft sich damit auf "Berliner Regierungskreise".
Da ist sie wieder, die unschöne Umwandlung eines stolzen Gattungsnamens in ein hässliches Verb.
Die Jazzpolizei meint: höchste Zeit, sich von dieser grammatikalischen Unsitte in seinen Jazzgefühlen verletzt zu sehen!

erstellt: 20.01.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten




1994 eröffnet Gary Burton in einem Radio-Interview, er sei schwul, 2013 heiratet er seinen langjährigen Partner Jonathan Crog.
So what?
Nach seinem coming out, sagt Burton aber auch, hätten viele seiner Kollegen gelobt, er klinge nun "viel freier".
Und wir haben nix davon gewusst und auch nix gemerkt.
Wowereit (=und das ist auch gut so!)
Im Herbst 2014 verlautbart Orrin Evans, den wir als Pianisten schätzen, auf dem ersten "Queer Jazz Festival" in Philadelphia: "Mir ist egal, wen du vögelst - Hauptsache du vögelst überhaupt jemanden."
Wen interessiert das? Sind wir jetzt auf dem Niveau der Bundesliga-Happen aufgeschlagen?
Die beiden Anekdoten finden sich in einer Pressemitteilung des Jazzinstutes Darmstadt, sie illustrieren einen Aufruf, Manuskripte einzureichen für das 14. Jazzforum, vom 1. bis 4. Oktober 2015 in Darmstadt.
Offenbar findet man das Thema Gender and Identity in Jazz so attraktiv, dass man sehr früh und noch dazu mit einem "call for papers" (bis dato unüblich) an die Öffentlichkeit unserer kleinen Welt geht.
Die Jazzpolizei ist überaus neugierig, wem es in Darmstadt mit welchen Beispielen gelingen sollte, folgende These aus dem Aufruf zu belegen:
"Starke weibliche Instrumentalisten oder auch Musiker mit LGBT-Hintergrund (musste die Jazzpolizei auch erst mal nachschlagen: "Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans") wurden sowohl durch die Medien als auch durch die Jazzszene marginalisiert, man hielt sie für die Ausnahmen von der Regel oder feierte sie als Alibi für die angebliche Offenheit der Musik."
Demnach hat Marginalisiertsein durchaus angenehmen Seiten…

erstellt: 19.12.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten



 

 

Das Vorbild liefert, mal wieder, Joachim Ernst Berendt (1922-2000).
In der down beat-Ausgabe vom 8. Juni 1961 berichtet er über ein "Festival in Essen".
Das "bislang größte Jazzfestival in Europa" in der "ultramodernen Gruga Halle" sei von 13.000 Jazzfans vom ganzen alten Kontinent besucht worden.
JEB spricht von den Essener Jazztagen (1959-1961); die Transportkosten für die vielen US-Stars seien so hoch gewesen, dass die Stadt Essen freundlicherweise dem Veranstalter half, "sein Budget auszugleichen".
Denn Essen, Achtung 1961!, "ist zum Glück eine der reichsten Städte in Deutschland".
Eigentümlicherweise nennt JEB nicht den Namen des glorreichen Organisators - aus gutem Grund.
Es war…er selbst!
Tja, Allesin(m)einerhand, das hat JEB zur Serienreife entwickelt:
ein Konzert/ein Festival veranstalten, darüber berichten und auch noch Goethe-Kohle einstreichen.
Gemessen an Joachim Ernst Berendt ist Ralf Dombrowski ein Leichtmatrose. Seine Grugahalle ist Schloss Elmau, dort kuratiert er das European Jazztival (!), heuer zum 15. Male.
Und...berichtet darüber in Text und Bild an einem eigentlich seriösen Ort, nämlich London Jazz News.
Immerhin weist ein Vorspanntext auf seine Rolle als Kurator in Ellmau hin - aber im Haupttext bewertet Dombrowski sein Festival so gut wie damals JEB das seine.

erstellt: 05.12.14
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jazz14 promo media gallery res50. Jazzfest Berlin, Samstag, 1.11.14, Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne.
Die WDR Big Band unter ihrem neuen Chef Richard DeRosa spielt „Freedom Songs“.
Der Sänger ist Kurt Elling.
Im Zentrum des Programmes steht eine „Freedom Suite“, die - wie der Tagesspiegel später notiert - „dem Begriff ´Freiheit´ weder textlich noch musikalisch gewachsen ist.“
Haben bei „Winds of Change“ (yes folks, von den Scorpions!) bereits erste Zuhörer sich buhend fortgemacht, wie die SZ ergänzt, „übertönte das Pfeifen den Applaus und ganze Zuschauerreihen verließen lautstark den Saal“ - nachdem „Ronald Reagan in einem Atemzug mit Martin Luther King und Nelson Mandela genannt“ worden war.
Vor 50 Jahren, das muss man wissen, bei den ersten Berliner Jazztagen (wie das Festival damals firmierte), hatte der Reverend King für das Programmheft ein Grußwort verfasst.
Tempi passati.
Heute wird dieser King mit Ronald Reagan in dieselbe Freiheitsflagge gewickelt.
Und doch - hätte es nicht lange schon so kommen können?
Müssen in unserer kleinen Welt Begriffe wie Freiheit und Politik ewig in diesem Sud emotionaler Bräsigkeit vor sich hinköcheln?
Auch jetzt tönt das Berliner Programmheft wieder, Musik eigne sich „ideal als Sprachrohr zum Ausdruck...von Freiheit und Unterdrückung“.
(Hier bestätigt sich die satirische Jazzcity-Theorie:
Der Jazz ... ist immer auch sein Gegenteil!)
„Freiheit“. Freiheit! Was fiele Joachim Gauck dazu ein?
Wie hätte er die Kurve von Reagan („Mr. Gorbartshow, tear down that wall!“) zum Jazz gekriegt?
Das sind doch Fragen, die uns bewegen.
Wer ist schon Bodo Ramelow?

PS: Kurt Elling, der von der Publikumsresonanz völlig überrascht wurde und seinen Kölner Auftraggebern früh zu einem deutschen Sänger geraten haben will, gibt auf seiner Facebook-Seite formvollendet den Gentleman und entschuldigt sich bei den Berliner Veranstaltern. Wer nicht zu Facebook will, kann den Text auch bei Londonjazz lesen - am Ende eines saftigen Verrisses.

erstellt: 04.11.14
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Jazz-Philosophen aufgepasst: dieses Phänomen schreit nach Deutung.
Die amerikanische Truppe Mostly Other People Do The Killing, bekannt für ihren Übermut, hat diesen nun vollends ins Kraut schießen lassen und Miles Davis´ berühmtes Album "Kind of Blue" (1959) nachgespielt - Ton für Ton!
Die Idee dazu hatten sie seit 10 Jahren in ihren Köpfen:
"Wir wollten in die Musik hineinkriechen, um herauszufinden, was sie so bedeutend macht", erklärt der MOPDTK-Bassist Matthew Elliott. "Es stellte sich heraus, dass einzelne Noten weniger interessant sind als die Art, In der sie gespielt werden müssen."
Waitaminute, ist das nicht die Essenz des Jazz:
der Triumph des Wie über das Was?
Und, ist das nicht eine Binsenweisheit?
MOPDtK Blue COVERMOPDTK nahmen für diese Erkenntnis etlichen Aufwand in Kauf. Sie mussten so im Studio arbeiten, wie seinerzeit Miles & Co, inkl. des Bandrauschens, und: "Beim geringsten Fehler mussten wir neu aufnehmen" (Elliott).
Das finale Produkt ist nach einigen Problemen dann doch neuzeitlich entstanden: ernst nahm man die Rhythmusgruppe auf, danach die Bläser einzeln, wobei Jon Irabagon die Rollen von John Coltrane (Tenor) und Cannonball Anderley (alt) übernahm.
Nein, die original liner notes haben MOPDTK nicht übernommen, sondern sie drucken stattdessen - schlaue Kerlchen, die sie sind - einen Essay von Jorge Luis Borges aus dem Jahre 1962 ab, der ein ganz ähnliches Vorgehen im Literarischen zum Thema hat ("Pierre Menard, Author of the Quixote").
Jimmy Cobb, der einzige noch Lebende des Original-Sextetts, sagte: "Diese Burschen sind beschlagen - ich dachte zunächst, wir wären das selbst -, aber ich kann das Menschliche nicht heraushören, den individuellen Sound das Feeling, das ich damals hatte."
Aber klar, "wenn diese Burschen so viel Zeit auf sich nahmen, dann muss die Sache ihnen was wert sein."
Ethan Iverson von The Bad Plus, der in seinem Blog Do The Math wie immer ganz genau hinhört, meint:
"MOPDTK swingen nicht auf Blue. Nicht wirklich, vor allem Baß und Schlagzeug nicht".
Aber so schlimm findet er das nicht und das ganze Projekt gar nicht mal so übel:
"Die Frage ´wie kann man swingen wie Paul Chambers und Jimmy Cobb?´ wird auf Blue nicht zufriedenstellend beantwortet. Zumindest aber wissen wir nun mehr über diese Frage als vorher."
Eine Kostprobe aus Blue, nämlich den All Blues, kann man hier probehören.

erstellt: 22.10.14
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musica-jazzWenn schon ein Saxophon-Quartett "Dedicated to you but you were´t listening" interpretiert (Delta Saxophone Quartet, 2007), warum dann nicht auch ein knapp 30köpfiges Orchester aus Italien, das zu diesem Zweck vier Vokalisten abstellt und das Delta-Arrangement aufgreift?
Die Jazzpolizei rutschte immer näher an die Stuhlkante, als sie vergangene Woche in Richard Williams´ vorzüglichem Blog The Blue Moment über das Artchipel Orchestra las, das nach Alan Gowen (National Health), Mike Westbrook und Fred Frith nun die wohl größten Helden Jazzrock-Britanniens an der Wende der 60er in die 70er in Angriff genommen habe: Soft Machine, und im besonderen Hugh Hopper (1945-2009).
"Fernando Faraó & Artchipel Orchestra play Soft Machine" sei, war da zu lesen, der September-Ausgabe von "Musica Jazz" beigelegt.
Der Zufall will es, dass wenige Tage zuvor der gute, alte Freund Francesco G. aus Roma sich meldet, ein ewig Zappophiler mit eigenem Blog
"Francesco, prego…"-
die CD ist da - und eine gewaltige Enttäuschung!
Hier kann die Jazzpolizei Richard Williams nun gar nicht folgen.
Robert Wyatt´s "Moon in June" kriegt das Ensemble noch ganz gut hin, wenn auch ohne einen Funken jener Einfälle, wie sie das Orchestre National de Jazz bei ähnlicher Gelegenheit ("Around Robert Wyatt", 2009) demonstriert hat.
"Dedicated to you…" geht halbwegs in Ordnung, aber "Facelift" und "Kings and Queens" rumpeln und pumpeln einher, dass man nach den Originalen von Soft Machine Third und Fourth ruft wie nach dem Notarzt.

erstellt: 29.09.14
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goebbels-duisburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Glänzender Abschluss der Intendanz (2012-2014) von Heiner Goebels bei der Ruhrtriennale:
nach Venedig und Berlin die erneute szenische Aufführung von "Surrogate Cities", diesmal in der Kraftzentrale eines ehemaligen Hüttenwerkes in Duisburg-Meiderich.
Wie  im Tonträger-Original von 1996 mit David Moss als Erzähler und der großartigen Sängerin Jocelyn B. Smith in den "drei Horatier-Songs" nach Heiner Müller, die sich einmal mehr als Soul-Balladen im Orchester-Format anhörten, diesmal ausgeführt von den Bochumer Symphonikern unter Steven Sloane.
Gut bedient, wer die Musik hinreichend kannte, denn die Choreografie von Mathilde Monnier, immer wieder das Orchester umkreisend, fesselte denn doch ungemein. Und dies schon allein durch die Disziplin der 130 Teilnehmer aus dem Ruhrgebiet, darunter viele Kinder, die Signale zu ihren Aktionen allein der Musik zu entnehmen.
Ob man dies nun, wie es der Wortschöpfer, ein Ruhr-Kulturmagazin, selbst einräumt, "etwas hochtrabend" eine "kinetische Stadtsoziologie"  nennt oder nicht -
es war ein audio-visuelles Lehrstück darüber, wie man Menschen, die als Herr und Frau Jederman mit ihrer Figur nie und nimmer "bühnentauglich" wären, genau dies ermöglicht.
Ja, die Jazzpolizei greift ganz hoch: ein Abend der Würde und Humanität.

erstellt: 28.09.14
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Oh je, oh je, da sind extra Urlaube verschoben worden (und wahrscheinlich die Kehrwoche auch), damit auch alle fein am 15.09. im Theaterhaus beisammen sitzen und aller Welt mitteilen können:
das zuständige Bundesland vergibt erstmals einen eigenen Jazzpreis.
Er geht an einen Musiker, der in der schönen Stadt am Neckar geboren wurde, von dort zu einer großen Jazzkarriere aufgebrach, seit vielen Jahren in Südfrankreich lebt und wegen eines Schlaganfalles sein Instrument, das er in einer Einzelanfertigung bedient, nicht mehr in die Hand nehmen kann.
Im Januar 2015 wird er 75, kurz zuvor soll seine Autobiographie erscheinen, und viele prominente Musikerfreunde, auch aus Amerika, werden ihn in der schönen Stadt am Neckar hochleben lassen, indem sie seine unverwechselbare Musik spielen.
Das alles sollte bis zum 15.09. geheim bleiben - über eine für gewöhnlich gut unterrichtete britische Webseite wurde die Vorfreude frühzeitig geschürt. Thank you!


erstellt: 20.08.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

Jacky Terrasson spielt dieser Tage im Ronnie Scott´s - zum ersten Mal wieder nach 18 Jahren.
Eine sehr schöne Kritik von Sebastian Scotney in LondonJazzNews.
regt die Jazzpolizei zu der Frage an, warum wir ihn in in diesem unserem Lande so selten
live hören, obwohl er doch sowohl diesseits wie jenseits des Atlantiks Trios unterhält?
Scotney schlüsselt sehr präzise die Gründe auf, warum dieser Pianist ein so immenses Vergnügen verursacht:

- Romantizismus: er beginnt mit einem wunderbar arrangieren "My funny Valentine"

- Humor: er versucht "My funny Valentine" in Dur, aber mit breitem, konspirativen Grinsen…und später konfrontiert er das stolzierende "Beat it" von Michael Jackson mit einer Musicbox-Version des Themas aus "Harry Potter"

- Bitonalität: er führt Milhaud´s Konzept ins Extreme: nimmt ein Bass-riff in seiner ganzen motorischen Vorhersehbarkeit, setzt "Smoke gets in your Eyes" oben drauf und überlässt die beiden sich selbst

- Rhythmische Spiele: in Charlie Chaplin´s "Smile" kann er sich partout nicht entscheiden, ob das Stück nun in 5 oder 9 steht.

- Die letzte Geste des Trios, die Zugabe, war ein herrliches gallisches Paradox: Paul Demond´s "Take Five" - aber in 4.

Die Band, mit der er diesen Zauber in London aufführt, besteht aus Stéphane Gerecki, b, und Lukmil Perez Herrera.
Der Jazzpolizei sind sie noch nicht aufgefallen, aber Jacky Terrassen duldet normalerweise keine Luschen.

Und hier verschränkt Jacky Terrason Harry Potter mit Michael Jackson und "Body and Soul", 2011.

 



erstellt: 06.08.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten




 

 

 

 

 

 

 

 

Das Programm für das kommende Jazzfest Berlin (30.10. - 02.11.), das letzte unter der Programmverantwortung von Bert Noglik, wird im September bekannt gegeben.
Durch eine französische Agentur sickert aber zumindest schon mal ein Programmpunkt durch: Daniel Humair Sweet And Sour (kein schlechter Name für einen Schlagzeuger, der auch als Koch und Maler bekannt ist).
Das neue Quartett ist für Berlin am 01.11. gebucht, sowie am 26.09. für Viersen.

erstellt: 26.06.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

 

Ein Interview mit Jimmy Page, 70, in der ZEIT erinnert die Jazzpolizei daran, warum sie ihn seinerzeit - wie heute Keith Jarrett - lieber hörte und weder sehen noch lesen mochte.
Led Zeppelin: ""soviel Virtuosität hat es noch nicht in einer Rockband gegeben. Punkt." (Interpunktion von J.P.)
Für jüngere Semester, er spricht über ein Zeitfenster kurz nach Cream, parallel zur Jimi Hendrix Experience und ... Jeff Beck!
"Ein brauchbarer Gitarrist bin ich immer noch", posaunt er in die ZEIT, in der jüngsten Ausgabe von Gitarre & Bass ist er realistischer:
Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, heute mit Jeff Beck, Joe Bonamassa oder Keith Richards zu arbeiten, stapelt er viel tiefer:
"Ich müsste erst mal wieder ins Bootcamp für ale Rock´n´Roller. Einfach, weil ich schon so lange nicht mehr gespielt habe, dass ich fast ein bisschen eingerostet bin."
Jimmy Page täte besser daran, in solcher Bescheidenheit aufzutreten, quasi als Jimmy, der Page.

erstellt: 22.05.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten






Jeff BeckWikipedia: Geoffrey Arnold "Jeff" Beck is an English rock guitarist. He is one of the three noted guitarists to have played with The Yardbirds. Beck also formed The Jeff Beck Group and Beck, Bogert & Appice.

Georgie FameRichard Williams, (ex Melody Maker, ex Guardian) ist in seinem fabelhaften Blog The Blue Moment völlig aus dem Häuschen:
Georgie Fame, 70, tritt nach längerer Krankheit wieder dort auf, wo er vor 50 Jahren London im Sturm nahm, in Soho, d.h. im Ronnie Scott´s.
Seine residency diese Woche dort ist komplett ausverkauft.
Seine Söhne sind dabei, Tristian, g, und James Powell, dr, sowie Veteranen wie Alan Skidmore, ts, und Guy Barker, tp.
Georgie dürfte einer der wenigen sein, denen auch die Jazzpolizei abnimmt, immer wieder die ollen Kamellen in seinem unnachahmlichen Sprechgesang aufzulegen, weil er sie nicht durchnudelt, z.B. "Preach and Teach", 1965 B-Seite seiner Hit-Singe "Yeh Yeh".
Oh je, es wird einem ganz warm um die Ohren, wenn man bei Wlliams liest, wie Georgie Fame eine Ära wieder aufleben lässt, da eine bestimmte Sektion des britischen Jazz zwischen selbigem und Rhythm´n´Blues partout nicht unterscheiden wollte.
Wo die Intros zu Songs kleine Kunststücke waren, die zu Nickeligkeiten genutzt wurden, so wie heuer in der Einleitung Dylan´s "Everything is broken" dem aktuellen Kabinett von David Cameron gewidmet wird.
Okeh, das ist very Old School, aber ganz gewiss mit hinreissender Noblesse vorgetragen.
Ok, die Jazzpolizei findet Williams´ Schluss reichlich übertrieben ("Wenn irgend jemand diese Woche im Geiste von Georgie Fame´s 1963er Debüt ´Rhythm and Blues at the Flamingo´ aufnähme, würde er sich als dringender Kandidat für die Liste der größten Live-Alben aller Zeiten empfehlen") - kann ihn aber voll & ganz nachvollziehen.

erstellt: 08.04.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten






 

LWikipedia: L (named el) is the twelfth letter of the ISO basic Latin alphabet.

oder: was ist denn Jack DeJohnette für einer?
Chapeau, auf eine solche Meldung hat die Jazzpolizei schon lange gewartet.
Zum Abschluss des Konzertes des Spring Quartet in Burghausen sollte dem weiblichen Mitglied der Band, einer verbreiteten Gepflogenheit nach - wir sind ja emanzipiert im Jazz -, ein Blumenstrauß überreicht werden.
Esperanza Spalding aber verweigerte diese Ehrung, sie blickte betreten zu Boden.
Wie die Heimatzeitung enthüllt, tat sie so auf Geheiss des Manangements, des Managements von Jack DeJohnette. Zu dessen orders an Frau Spalding gehörte auch, sich aller Interviews zu entsagen, und der Anfragen gab es viele.
Festivalchef Joe Viera, 81, mit seinen europäischen Jazz-Flausen im Kopf, kannte offenkundig die Hierarchie des Quartettes nicht, worin Spalding erst auf Platz Drei rangiert.
Als erster muss natürlich der Bandchef, muss Jack DeJohnette genannt werden.
So blieb denn auch, als Viera die Band aufrief  und dabei - ladies first - Esperanza Spalding zuerst nannte ... die Bühne eine Zeitlang leer - bis schließlich DeJohnette als erster erschien.
Danke Burghausen für die Manifestation eines Phänomens aus unserer kleinen Welt, über das wir bis dato immer nur raunen, aber nie mit Bestimmtheit reden konnten.
Ganz im Ernst, Burghausen hat sich um die Entzauberung eines weiteren Stückchens Jazz-Ideologie verdient gemacht!

erstellt: 02.04.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten





 

JEB-monaco-hemdDem Vernehmen nach war es sein Wunsch, der SWR-Jazzpreis (von ihm 1981 als SWF-Jazzpreis initiiert) möge nach seinem Tod als Joachim-Ernst-Berendt-Preis fortleben.
Allein, sein Wille, der zeitlebens so oft geschah (und geschehen musste) - geschah, wie gleichfalls oft, auch diesmal nicht.
Wenn heute, am 12. März 2012, zum dritten Male der Joachim-Ernst-Berendt-Preis verliehen wird, so steckt zwar die Stadt Baden-Baden dahinter, auch seine Witwe, aber sonst ausnahmslos niemand, der in der Jahrzehnte währenden Karriere des Radiomannes, Produzenten, Buchautors und Streithansels JEB (1922-2000) professionell mit ihm befasst war.
Der Joachim-Ernst-Berendt-Preis, obwohl namentlich von der größten Leuchtkraft, ist unter den deutschen Jazzpreisen der am wenigsten beachtete.
Wowereit (=und das ist auch gut so).
Ob dem posthumen Namensgeber (hier in einem undatierten Foto von W.P. Hassenstein, mit Monaco-Hemd, vulgo: frühe 60er) die Preisträger gefallen hätten?
Klaus Doldinger, Paul Kuhn, und heuer Till Brönner?
Paul Kuhn immerhin durfte sich kurz vor seinem Tod noch darüber wundern, dass ihm zu seinem 85. Geburtstag der Preis angedient wurde, dessen Namensgeber ihn "zeitlebens ignoriert" hatte.
Die Jazzpolizei amüsiert sich nicht selten über die Ausgezeichneten der zahlreichen deutschen Jazzpreise.
Aber der Joachim-Ernst-Berendt-Preis sticht sie alle aus.
Er ist keine Erfindung aus der "Titanic"-Redaktion, sondern von Marc Marshall, Unterhaltungskünstler und Sohn von Tony "Schöne Maid" Marshall.

erstellt: 12.03.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten



rsz milesOb Miles wirklich lächelt...
wenn dieses Quartett, ohne Harmonieinstrument offenkundig, am 18. März im Sugar Club zu Dublin antritt?
Die Jazzpolizei wäre nur zu gerne Mäuschen an diesem Abend...

...

ortAuf Bundesebene war die erstmalige Verleihung der Spielstättenförderpreise von Befremden, Beschimpfungen und Klageandrohung begleitet.
Auf der Landesbühne NRW stiften sie seit Jahren Nutzen, geräuschlos.
Wer wollte auch Einwände erheben, dass dies untadelige Empfänger einer Prämie von je 5.000 Euro sind:
Bunker Ulmenwall (Bielefeld), die Jazzschmiede in Düsseldorf, das Domicil in Dortmund, Klangbrücke (Aachen), Freiraum und Loft (beide Köln) sowie der ort e.V. in Wuppertal.
Am 20.1. wurden die Auszeichnungen dortselbst überreicht, in der Luisenstr. 116, 42103 Wuppertal.
Peter Kowald (1944-2002) hat dort große Teile seines Lebens verbracht.
Es muss ein Staatssekretär, aus Düsseldorf zur Preisübergabe angereist, dafür keinen Ton von Kowald gehört haben. Seine launige Bemerkung, draussen vor dem Haus habe er gezweifelt, ob sich wirklich die Spielstätte "ort" hinter der schmalen Tür verbergen könne, passte zum informellen Charakter des Abends.
Aber sie blieb in der Luft hängen, weil es der Staatssekretär unterliess, das Unspektakuläre des Raumes mit dessen Bedeutung aufzuwiegen. Nicht mal der Name Kowald kam über seine Lippen.
Undenkbar, dass - sagen wir - ein Literaturpreis im Hause von Arno Schmidt verliehen wird, und ein Mandatsträger vergisst, den Namen des Hausherren zu erwähnen.

erstellt: 20.01.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten



ortAuf Bundesebene war die erstmalige Verleihung der Spielstättenförderpreise von Befremden, Beschimpfungen und Klageandrohung begleitet. Auf der Landesbühne NRW stiften sie seit Jahren Nutzen, geräuschlos.
Wer wollte auch Einwände erheben, dass dies untadelige Empfänger einer Prämie von je 5.000 Euro sind: Bunker Ulmenwall (Bielefeld), die Jazzschmiede in Düsseldorf, das Domicil in Dortmund, Klangbrücke (Aachen), Freiraum und Loft (beide Köln) sowie der ort e.V. in Wuppertal.
Am 20.1. wurden die Auszeichnungen dortselbst überreicht, in der Luisenstr. 116, 42103 Wuppertal.
Peter Kowald (1944-2002) hat dort große Teile seines Lebens verbracht.
Es muss ein Staatssekretär, aus Düsseldorf zur Preisübergabe angereist, dafür keinen Ton von Kowald gehört haben. Seine launige Bemerkung, draussen vor dem Haus habe er gezweifelt, ob sich wirklich die Spielstätte "ort" hinter der schmalen Tür verbergen könne, passte zum informellen Charakter des Abends. Aber sie blieb in der Luft hängen, weil es der Staatssekretär unterliess, das Unspektakuläre des Raumes mit dessen Bedeutung aufzuwiegen. Nicht mal der Name Kowald kam über seine Lippen.
Undenkbar, dass - sagen wir - ein Literaturpreis im Hause von Arno Schmidt verliehen wird, und ein Mandatsträger vergisst, den Namen des Hausherren zu erwähnen.

"Seine Musik gewinnt ihre Kraft aus dem konsequenten Versuch, unter der Oberfläche der Erscheinungen die Mechanismen ihrer Entstehungsbedingungen mitzudenken und in unerhörte klangliche Erfindungen zu verwandeln".
Ja, wenn es darum geht, Locken auf einer Glatze zu drehen, spielte die Neue Musik den Jazz immer noch an die Wand.
So verwegene Prosa hat noch keine Jazz-Jury auf Büttenpapier gebracht.
Der Große Kunstpreis Berlin, dotiert mit bescheidenen, geradezu jazz-affinen 15.000 Euro, geht denn auch nicht an einen Jazzmusiker, sondern an den Komponisten Mathias Spalinger.

erstellt: 05.01.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten


 

Herbie Hancock, gehört - wie die Jazzpolizei berichtete - neben Billy Joel, Carlos Santana, Shirley MacLaine und der Opernsängerin Martina Arroyo zu den diesjährigen Preisträgern der Kennedy Center Honors, eine der höchsten Auszeichnungen der USA.
Wie bedeutend, mag man daran ablesen, dass die Medaillen von Barack Obama himself überreicht wurden.
Doch vor die Übergabe haben auch in Amerika die Götter die Laudatio gesetzt, bei den KCH waren es gleich mehrere.
Bill O´Riley (Fox News) zog sich bei Hancock aus der Affäre mit dem Standard-Bekenntnis, er verstehe nix von Musik, wisse aber, was er mag.
Auftritt Terence Blanchard, Wayne Shorter, Jack DeJohnette u.a. mit einem Ständchen für Onkel Herbie, das Snoop Dogg mit ein wenig Rap würzte.
"Herbie, we love you baby", entfuhr es ihm anschliessend und - ups - "Thank you for creating hip-hop".
Muss die Geschichte des Genres jetzt neu geschrieben werden?
Auch das Buch der Peinlichkeiten von Vertretern aus unseren Kreisen im Antlitz des Präsidenten wurde an jenem Abend um ein Kapitel fortgeschrieben.
Wäre die Kennedy-Medaille nicht von einem Schwarzen überreicht worden, so Carlos Santana mannesmutig, hätte er gesagt: "Schickt sie mir einfach zu!"
Aber da es sich nun um Barack Obama handele, so Carlos noch mutiger, habe er sich unbedingt Anwesenheit verordnet. Und dann entfuhr auch ihm eine Botschaft, ("vom Grunde meines Herzens"), mit der er die politische Uhr um gut vier Jahre zurückdrehte: "Sie sind die Verkörperung unserer Träume und Sehnsüchte!"


 

Es war eines der großen Konzerte der Saison: das Marius Neset Quartett am 24.11. in der Philharmonie Köln, mit dem Bandleader (ss, ts), Ivo Neame (p), Anton Eger (dr) sowie dem neuen, nunmehr ständigen Bassist Petter Eldh, bekannt aus dem Django Bates Trio Beloved Bird (mit ihm wächst der Anteil der Bates-Schüler aus seinen Tagen als Professor am Rytmisk Music Konservatorium in Kopenhagen auf 75 Prozent.)
Die zentrale Botschaft dieser Band an jenem Abend: der tonale Jazz ist keineswegs am Ende - auch weil die Band häufig aus ihm ausbricht; Teile des Konzertes klingen wie FreeJazz, obwohl man sie nicht so bezeichnen würde.
Das alles kann man bis Mitte Dezember nachhören und -sehen; solange hält die Philharmonie Köln den Video-Mitschnitt dieser eindreiviertel Stunden im Netz.


 

Entwarnung für Theologen, Gastronomen, Mediziner und Psychologen: so, wie es der Weser Kurier titelt, hat es der Zitierte zwar gesagt - aber nicht gemeint.
Nein, Uli Beckerhoff, der den Reporter der Lokalzeitung durch seine Arbeitswohnung im Flüsseviertel führt, macht ihn mit der Signalpistole lediglich auf sein tägliches Übepensum aufmerksam: drei Stunden, manchmal auch vier und fünf.
"Es ist eine positive Sucht. Oder anders gesagt: wenn ich nicht spiele, beginne ich nach einiger Zeit depressiv zu werden."
Und dann bricht der Metaphernschmied mit ihm durch: "Sehen Sie, die Trompete ist für mich quasi das Fieberthermometer der Seele."
Mit anderen Worten: erstummt eines Tages das Horn, "woran sich die Nachbarn gewöhnt haben", sollten sie mal klopfen und gegebenenfalls einen Arzt oder Psychologen vorbei schicken.
erstellt: 27.11.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


 

Am 08.11. eröffnet Sony-Columbia die Saison der Weihnachtsgeschenke: mit einer 34-CD-Box von Herbie Hancock, die alle Aufnahmen für Columbia enthält, mithin der Jahre 1972-1988.
Darunter acht Alben, die erstmals ausserhalb von Japan zur Verfügung stehen, z.B. ein Live-Mitschnitt aus Tokio "Flood", 1975.
Darauf das wohl beste Piano-Solo über Funk-Rhythmus von Onkel Herbie, mit halsbrecherischen stop times, "Actual Proof".
JC verkürzt die Wartezeit mit aktuellen cover versions dieses Headhunters-Klassikers.
Chris Dave & The Drumhedz


und, ein klein wenig älter, Dave Weckl, live in Wladiwostok.

Oder, wäre sie so gross wie die "eines Schneeballes im Hochofen", wie der langjährige Drum-Beobachter Hans-Joachim Rauschenbach (1923-2010) zu urteilen pflegte?
This tip was brought to you by meckerfrantz from destination duesseldorf.

wunderlich-kisteEine von 360 (!) Kisten aus dem Nachlass des Kurators, Promoters, zuletzt SWR-Jazzredakteurs Werner Wunderlich (1926-2013), Baden-Baden.
Zwölf werden derzeit im Jazzinstitut Darmstadt archivarisch erschlossen, der grosse Rest ist erst einmal ausgelagert.
Wunderlich hat penibel alles aus seiner langen Laufbahn aufbewahrt, zum Beispiel alles, bis ins letzte Detail, seiner grossen Lebensleistung: dem ersten Auftritt westdeutscher Jazzmusiker nach dem Krieg in Polen, 1957, beim Festival in Zoppot.
Insbesondere dieser Teil wird in Kürze zusammen mit dem Polen-Institut, gleichfalls Darmstadt, ausgewertet.

erstellt: 26.09.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


 

Niggli-SchaererJa, der Vokalist steht heute nicht mehr so am Mikrofon herum, oder?
Insbesondere, wenn er ein Schweizer ist.
Nach Bruno Amstad haben uns die Eidgenossen schon wieder so einen Vokal-Zerhacker geschickt, ins Loft in Köln:
Andreas Schaerer, zusammen mit dem altbewährten Lucas Niggli (Foto: Bernd Wendt).
Zwei Tage haben sie tagsüber geprobt und abends, vor Publikum, die Sau rausge- und mitschneiden lassen, für ein neues Album auf Intakt Records, recorded @ Loft, gemixt wird in Berlin.
Herrschaften!
Die wenigen, die dort waren, haben insbesondere am 12.09. eines der besten Konzerte des Jahres erlebt.
Was für ein rhythmisch-klangliches Ideenfeuer, welche Dynamik, welche Nuancierung!
Dem grossen Rest ruft die Jazzpolizei zu: verpasst!

erstellt: 13.09.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten










George Whitty, der bei den Brecker Brothers so betörend die keyboard-Flächen geschichtet hat, kommt im Dezember nach Deutschland.
Er wird mit seinem Trio Third Rail am 7.12. im Alten Pfandhaus, Köln, spielen (weitere Termine folgen).
George Whitty nun stellt ein YouTube-Video auf seine Webseite, um an die Zeit mit Michael Brecker bei der Tour Return Of The Brecker Brothers zu erinnen, 1992 North Sea Jazz Festival in Den Haag.
Das Video ist toll ("Song For Barry"), aber JC hat noch ein besseres aus demselben Konzert gefunden: Michael Breckers Monk-Tribut "Spherical" mit einem hoch-fliegenden Mike Stern, g, den nicht minder auftrumpfenden Randy, tp, und MIchael Brecker, ts, sowie der superben Rhythmusgruppe James Genus, bg, Dave Weckl, dr, und - immer dezent im Hintergrund - aber wirkunsmächtig, George Whitty, keyb.



 

Wenn man ihnen zuhört, wird man Zeuge Großer Kunst, von mir aus auch "preiswürdiger Sternstunden des Jazz", wie die FAZ meint.
Aber wenn man Heinz Sauer und Michael Wollny dann reden liest, dann tun sie so, als gehörten sie gar nicht dazu. Zum Jazz.
"Für ihren Beitrag, den Ruf Frankfurts als Jazz-Metropole" befördert zu haben, erhielten sie am 24.08. den mit 50.000 Euro dotierten Binding-Kulturpreis.
Aber, anstatt sich einfach zu freuen, dass mit ihnen die 18. Preisträger endlich mal aus dem Jazz kommen, raunen sie von einem "gewissen Unbehagen"  darüber, haben beide doch tatsachlich das Buch von Thomas Bernhard gelesen, "Meine Preise", das "sich kritisch mit Auszeichnungen auseinandersetzt". Ja, eine "große Ehre" sei das schon, "aber ich habe immer noch das Gefühl, wir gehören zu einer Sparte, die es gar nicht geben soll" (Sauer).
Und so gleiten dann auch die weiteren Auskünfte über die eigene Sparte durchs Ungefähre und Unverbindliche; im Gegensatz zu Künstlern anderer Gattungen kokettieren Jazzmusiker gern mit gespielter Unkenntnis des eigenen Kiez´.
Gipfelpunkt auch hier die, unvermeidliche, Frage nach der Improvisation. Nachdem der Interviewer ihnen schon mit der Standardfloskel vom "völligen Fehlen von vorfabrizierten Ideen" zu Füssen liegt, geben sie zu Protokoll, "dass wir spontan genau wissen, wie wir aufeinder reagieren und agieren oder wann wir aufhören müssen. Es ist...
...magisch...
...ja, irgendwie."
Auf die Idee, dass dies alles schlicht durch den Faktor einer zehnjährigen Erfahrung erklärt werden könnte, kommt keiner.
Auf die Frage, wie sie denn "diese unglaubliche Kommunkation" herstellen, antworten sie in treuherzigster Jazz-Mythologie:
"Eigentlich wollen wir darüber nicht sprechen. Das soll uns nicht bewusst werden, nicht zerstört werden."

"Licht aus!  Womm! - Spot aaaan!"
Wer Ilja Richter in der "ZDF-Disco" (1971-1982) nicht live ertragen müssen, der dürfte diese Inszenierung der Bündelung von Helligkeit heute für absolut kultig halten.
Als Keith Jarrett neulich in Perugia die Bühne der Arena Santa Giuliana betritt, quittiert er den Begrüssungsbeifall mit einem alle überraschenden "see you later". Sprach´s und verschwand mit Gary Peacock und Jack DeJohnette hinter der Bühne.
Er hatte offenkundig irgendwo im weiten Rund eine Foto-Linse auf sich gerichtet gesehen. Und das, obwohl Festivalchef Carlo Pagnotta die 4.000 zuvor eindringlich gebeten hatte, alle foto-dokumentarischen Absichten fahren zu lassen.
Pagnotta ist ein gebranntes Kind. Vor 6 Jahren hatte er sich geschworen: nie mehr Jarrett!, nachdem dieser die Besucher am selben Ort als "Arschlöcher" tituliert hatte, die nicht recht das "Privileg" zu achten wüssten, was es bedeute, ihn und seine Mannen zu hören.
Nun erscheint Jarrett´s Manager auf der Bühne und wiederholt die Bitte des Festivalleiters, nicht zu fotografieren, es könne die Künstler stören.

Jarrett, Peacock, DeJohnette nehmen wieder ihre Plätze ein und dann - Licht aus, Spot an!
Einzig auf Gary Peacock bleibt ein Strahler gerichtet (wie das Foto von Tim Dickeson zeigt), Dunkelheit zieht auf, seine Kollegen verschwinden darin, sind aber gut zu hören.
Nach der Pause der zweite set in einer Minimal-Bühnebeleuchtung.
Die Jazzpolizei rät allen, die planen, ein Keith Jarrett-Konzert zu besuchen, statt Fotokameras Nachtsichtgeräte mitzuführen.

erstellt: 24.07.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


...denn die nächste richtige Note liegt nur einen Halbton entfernt.
Diese Theorie, die eigentlich eher ein Bonmot ist, vertritt ganz gerne August-Wilhelm Scheer, der Industrielle, Jazz-Förderer und Amateursaxophonist aus dem Saarland (z.B. hier).
Was einen veritablen Jazz-Professor wie Eckehard Jost schon mal auf die Palme bringt.
Aber, jetzt greift ein Schwergewicht diesen Gedanken auf, nämlich der auch ansonsten nicht auf den Mund gefallene Vibraphonist Stefon Harris.
Es gebe keine Fehler im Jazz - sondern nur verpasste Gelegenheiten, sagt er und demonstriert er auf der Bühne für NPR Ted The Radio Hour.
Aus der Perspektive eines Jazzmusikers sei es einfacher, über die Fehler anderer Personen zu sprechen. Und bevor man ihn für Franziskus I. halten könnte, den nächsten Unfehlbaren, bittet Stefon Harris seinen Pianisten, ein f# zu spielen, wo f erwartet wird - und moduliert den "falschen Ton" einfach in seine Vibraphonwolke hinein.
Das alles kann man hören & sehen. Wer des Englischen nicht so mächtig ist, kann sich Untertitel dazu aurufen. In 26 Sprachen.
Und nun erwartet die Jazzpolizei eine profunde Gegenrede.
...Licht aus! Spot an! (4:16)