MATTHIAS MUCHE Bonecrusher ********

01. Glocken (Muche), 02. Gleiter, 03. Lupft! (Matthias Müller), 04. Beller (Muche), 05. Fanfare

Matthias Muche, Matthias Müller, Daniel Riegler, Anke Lucks, Moritz Anthes, Adrian Prost, Maximilian Wehner, Matthias Schuller, Till Künkler, Moritz Wesp - tb
Rie Watanabe, Etienne Nillesen - perc

rec. 08.10.2020
col legno CL3 1 CD 15011

Immer mal wieder veröffentlicht ein Jazzmusiker ein Werk, das sich schwerlich als Jazz klassifizieren lässt.
„Bonecrusher“ von Matthias Muche, 49, ist so ein Fall.
Jüngst wurde Muche mit dem WDR-Jazzpreis in der Kategorie „Improvisation“ ausgezeichnet. Und in Köln, wo der gebürtige Bielefelder lebt, bedarf es nur wenig Aufwand, um ihn bei entsprechenden Tätigkeiten zu erleben.
Nun ist dieser Begriff aber sehr fluide. Und das, was er bezeichnet - wenn wir auch nur im Bereich der Musik bleiben - löst sich gerne bis zur Unkenntlichkeit von den Formeln des Jazz.
Abgesehen davon, dass Muche sein Instrument, die Posaune, (plus Komposition) in Rotterdam und Amsterdam studiert hat, wurde er hernach in Köln von Lehrern unterrichtet, die zwar auch begrifflich unter Improvisation sich vereinen, aber doch für ganz andere Dinge stehen: Henning Berg und Bart van Lier (Posaune, Jazz) sowie Paulo Alvarez (Neue Musik).
Zuguterletzt hat Muche dann noch ein Postgraduierten-Studium für audio-visuelle Medien an der Kölner Hochschule für Kunst und Medien draufgesattelt, bei Anthony Moore (ex-Slapp Happy; er spielt auch in dieser Produktion eine Rolle).
Wenn in dieser Folge manche von Muches Projekten als „Medienkunst“ firmieren, ist der ästhetische Abstand zu einer Posaunenkunst a la Nils Wogram schon deutlich markiert.
„Bonecrusher“ aber entspricht sicher nicht den Voraussetzungen von „Medienkunst“, als reinem Audioprojekt mangelt es dafür mindestens an einem weiteren Ausdruckskanal.
Bliebe was mit Jazz oder Improvisation. Merkmale des ersteren sind kaum zu entdecken, des letzteren durchaus, aber auch nicht prägend, wenn man einmal von der Kollektivimprovisation in „Fanfare“ absieht.
Es ist ein Projekt für einen Raum mit viel Hall, für einen Kirchenraum; in diesem Falle St. Peter in Köln, dortselbst seit vielen Jahren auch als Kunststation St. Peter bekannt. Und da „Bonecrusher“ diesen Raum fünfmal in je unterschiedlicher Weise nutzt, geht das nicht ohne Planung ab, nicht ohne Komposition.
Es spricht also nichts dagegen, das Projekt zur vorläufigen Beruhigung als Neue Musik einzutüten.
Ja, damit ist wenig gewonnen, am wenigsten bleibt dadurch eine genaue Beschreibung erspart.
matthias muche coverUnd die beginnt mit der wohl deutlichsten Abkehr von einer Jazz-Erwartung: im opener, in den gut 10 Minuten von „Glocken“, taucht eine solistische Posaune erst nach sechs Minuten auf. Davor kollektive, an- und abschwellende Liegeklänge. Und drones wie in der Elektro-Akustischen Musik, allerdings manuell hergestellt durch Schabe-Geräusche der beiden PerkussionistInnen.
„Glocken“ weist strukturell Ähnlichkeiten auf zu „Dans le ventre du dragon“ von Jean-Francois Laporte, entstanden 1997 im Laderaum eines leeren Schiffes im Hafen von Montreal.
Vereinzelte Gongschläge nach 9:00 signalisieren den 10 Posaunen, langsam zum Schluß zu kommen. Man kann sich vorstellen, dass - wie der Toningenieur Stefan Deistler berichtet - in diesem Falle die PosaunistInnen durch den Raum sich bewegten.
Schiffsbauch oder hier Kirchenschiff; in beiden Fällen handelt es sich um Musik für den Raum, nicht um einen besonders „natürlichen“ Hall auszunutzen, sondern den Raum selbst als Instrument zu promovieren.
Ein solches Klanggefäß giert - quasi „von sich aus“ - nach Abwechslung.
„Gleiter“ liefert sie sogleich. Das Stück beginnt mit nun nicht mehr gestrichener, sondern geschlagener Percussion: man kann sogar einen 4/4-Takt erkennen.
Er wird verdrängt durch ein kollektives Aufbäumen der wiederum im Raum verteilten Posaunen. Gegen 6:20 ist der „Beat“ wieder da, und mit ihm schlichte Themen-Fragmente, die vorsichtig reihum gehen.
Um 8:40 stürmt eine Trommel in einen Beat-Galopp, die Posaunen sortieren sich darüber zu einem Fanfaren-artigen vamp im 2/4-Takt, den man durchaus „funky“ hören darf. Der Schlußakkord, auf dem sie zwei Minuten später landen, kann unmöglich spontan entstanden, er muss komponiert worden sein.
Das Projekt nimmt in diesem Moment sein absolutes Ende vorweg, den letzten track „Fanfare“, wo man ein Dutzend Minuten mit Fanfaren-artigen Andeutungen hingehalten wird. Wiederum ein kollektives An- und Abschwellen, ein grandioses Panorama an Zwischentönen, untermischt von von einer- ja nun doch tatsächlich jazz-mäßig gespielten snare drum.
Auch hier beeindruckt die Ökonomie der Lautäußerungen.
Pause. Gegen 8:15 erklingen nicht-metrische Drum-Beats. Den Posaunen wird lediglich gestattet, deren Nachhallzeiten zu „besetzen“.
Noch eine Kollektivimprovisation, zunächst verhalten. Und dann, buchstäblich auf den letzten Metern, schrauben sich 10 Posaunen in wuchtigen Akkord-Schlägen zu einem krönenden Schluss hoch.
Das ist zweifellos eine Fanfare, „eine Tonfolge mit Signalcharakter“ (Wikipedia). Sie steht einzigartig in ihrem Genre, sie signalisiert keine Gefahr, keine Aufforderung, sie signalisiert nichts als sich selbst.
Sie beschließt ein Album von - noch einmal - betörender Klangvielfalt und Klangdisziplin in einem Raum, in dem man sich leicht verlieren kann.
Jedes Stück trägt einen eigenen Charakter; und da haben wir noch gar nicht über „Luffft“ gesprochen, das - nomen est omen - das „tonlose“ Tönen feiert.
Auch noch nicht über „Beller“ gesprochen, das noch mal ganz andere Farben zeigt, nämlich zunächst Anklänge an Wal- und Delphin-Sounds (und von daher Assoziationen an „Stell´ Dir vor, du bist ein Delphin“ von Heiner Goebbels & Alfred Harth, 1984, wachrufen mag).
Die Klangarchitektur trägt schwer an der eingespielten Stimme des schon erwähnten Anthony Moore. Er liest leidenschaftslos einen Text, für den man sich weder inhaltlich noch tonlich so recht erwärmen mag.
Auf diesem Sektor sind G & H auch Jahrzehnte später immer noch Standard.

erstellt: 29.09.21
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