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PAT METHENY From this Place ******

01. America undefined (Metheny), 02. Wide and far, 03. You are, 04. Same River, 05. Pathmaker, 06. The Past in us, 07. Everything explained, 08. From this Place, 09. Sixty-Six, 10. Love may take a while

Pat Metheny - g, keyb, Gwilym Simcock - p, Linda May Han Oh - b, voc, Antonio Sanchez - dr, Meshell Ndegeocello - voc (8), Gregoire Maret - harm (6), Luis Conte - perc

The Hollywood Studio Symphony, Joel McNeely - cond
Gil Goldstein - arr (2,4,5,6)
Alan Broadbent - arr (3,8,9,10)

re. 2019 (?)
Nonesuch 075597924374

Pat Metheny erfüllt sich mit diesem Album einen Herzenswunsch.
„From this Place ist eine der Aufnahmen, die ich bereits mein ganzes Leben lang produzieren wollte.“
Dieses artist´s statement hat man schon tausendfach gehört.
Es überrascht bei einem Künstler, der im sechsundsechzigsten Lebensjahr steht und dessen Euvre allein unter seinem eigenen Namen mehr als 30 Langspiel-Tonträger umfasst, von 20 Grammy Awards in 12 unterschiedlichen Kategorien ganz zu schweigen. 
Gelegenheiten hätte er gehabt, seinen Traum zu realisieren.
Dass dies so spät geschieht, ist - wir befinden uns im Jazz - nicht Produkt einer Planung auf lange Sicht, sondern ein Produkt von Zufällen.
Die finale Form von „From this Place“ verdankt sich einem Prozeß, in dem sich die jeweils erreichten Stufen nur als Zwischenschritte herausstellten.
Metheny ging mit dem Quartett ins Avatar Studio in New York City, mit dem er seit Mai 2016 unterwegs gewesen war, parallel dazu bestritt er aber auch eine Serie von Duo-Konzerten mit dem ex Miles Davis-Bassisten Ron Carter.
Bei den zahlreichen Gesprächen während der Tour zündete bei Metheny ein Geistesblitz („A light bulb went off over my head“).
Auf die Frage, warum das legendäre zweite Miles Davis Quintet („wahrscheinlich die einflussreichste Band in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“) live überwiegend altes Repertoire, im Studio aber neue Stücke gespielt habe, erläuterte Ron Carter Miles´ „Philosophie“ (darunter geht´s heute nicht mehr).
Ihm ging es darum, die immense Vertrautheit der Musiker miteinander, erwachsen aus vertrauten Strukturen, umzuwandeln in Frische & Neugier im Umgang mit neuen.
Im Prinzip war Pat Metheny schon auf demselben Weg gewesen; mit Simcock, Sanchez & Oh präsentiert er auf ausgedehnten Touren ausschließlich vertrautes Repertoire. Für „From this Place“ nun schrieb er neue Stücke (das hätte Miles nie getan), buchte ausreichend Studiozeit und lud seine Leute ein - „ohne Proben“ (die einzige Kongruenz zu Miles).
Während des ersten Tages im Studio ging ihm erneut ein Licht auf (hoffentlich eine Energiesparlampe):
„Als wir spielten, hörte ich Dinge in meinem Kopf, die nicht in den Noten standen - noch nicht. Mir wurde schlagartig klar: diese Stücke schreien geradezu nach Orchestrierung“.
Die Zielgerade lag damit klanglich und personell vor ihm: eine breite Avenue, die vor ihm zum Beispiel Don Sebesky in den 70ern mit seinen Arrangements für Produktionen auf dem CTI Label belegt hat („ich liebe diese Platten“, PM).
Nächster Schritt: Pat Metheny gibt acht der zehn Quartett-tracks zum Aufbrezeln an die Arrangeure Alan Broadbent und Gil Goldstein. Denn genau darum geht es ihm; nicht um eine Verschränkung orchestraler Strukturen mit Jazzgrooves im Sinne des Thirdstream, sondern um eine Ergänzung, eine Erweiterung des Vorhandenen.
„Irgendwie schlummerte ein Bezug zur Filmmusik und zur amerikanischen Filmmusik im Allgemeinen schon die ganze Zeit über knapp unter der Oberfläche.“
Um diese Idee umzusetzen hat er dann richtig Geld in die Hand genommen und die Hollywood Studio Symphony unter Joel McNeely (Achtung, nicht Jim McNeely) in ein Studio in Los Angeles verpflichtet. Von daher richtig großes Kino.
Das Resultat, viele ahnen es, „werden die mit einem geringeren Bedarf an Süßstoff anders beurteilen“ als der, dem diese schöne Formulierung eingefallen ist (und dem das Album gefällt): Sebastian Scotney im britischen „Art´s Desk“.
Zwei Arrangements hat sich Pat Metheny selbst vorbehalten: das in puncto Schwulst sparsamste, „Everything explained“, das nicht nur mit handclaps, sondern auch im 6/8 Takt sehr spanisch angelegt.
Gwilym Simcock spielt darin ein elegantes Piano, wie auch im opener „America undefined“. Beide, der Bandleader und sein Pianist, haben dieses Stück auch arrangiert.
cover metheny placeSie fallen mit dieser Suite gleichsam ins Haus, es ist der Höhepunkt der ganzen Produktion.
Im ersten Teil reiht Metheny ein sehr singbares Motiv in 4er-Ketten aneinander. Aber, beim vokalen Nachvollzog fällt man schnell auf die Nase, weil das Motiv immer wie auch von den vier Tönen abrückt, manchmal erklingt nur einer, und der Rest ist Schweigen, vulgo Pause.
Bei 8:09 der insgesamt 13 Minuten ein dramatischer break.
Die Motivik scheint ausgereizt, ein Schluss deutet sich an. Und dann wird es sehr „filmisch“: das thematische Material von vorhin wird a la Thomas Newman („American Beauty“) ausgebreitet, das Orchester bleibt in Hab-Acht-Stellung im Hintergrund.
Menschliche Stimmen erklingen, ein rhythmisierter Hubschrauber, Töne von einer amerikanischen Eisenbahn (wiederum in 6/8), der Zug rast vorbei - und löst ein Monster-Riff aus, bestehend aus just dem Tonvorrat, der vorher so lieblich verstreut worden war.
Die Stimmung ist nicht unähnlich zu „I am the Walrus“. Alle, die ein Instrument halten können, stürzen sich auf einen mächtigen 4/4 Takt. Aber, fasten seatbelts, der hat es in sich.
Wie erstmals in „The First Circle“ (1984) - und damals inspiriert vom Filmmusik-Komponisten Jerry Goldsmith - verwendet Metheny erneut additive Rhythmik.
Und zu addieren gibt es hier einiges.  „America undefined“ folgt dem atraktiv-irren Zyklus von 14/4, 12/4, 50/4 - vulgo einem Metrum von 76 Schlägen!

„Wide and far“, der nächste track, sowie „Same River“ stammen aus dem großen Arsenal von Metheny´s happy-go-lucky-Stücken: leichtfüßig, beiläufig, melodisch von einer Süffigkeit, wie sie der Schlagzeuger Victor Lewis in einem Jazzcity-Fragebogen seinerzeit beschrieben hat. Seinen Impuls, sich mit den Umständen zu versöhnen, bezog er aus „To see the World“, aus dem Album „Secret Story“, 1991.
Melodisch-filmisch (und auch wiederum in einer gewissen Nähe zu Thomas Newman) das sich langsam aufbäumende „Your are“ im 3/4-Takt.
Und wo ist der Süßstoff?
Er ist stets präsent, er strömt aus Streichern und Hörnern. Und er stört kaum, weil Pat Metheny - z.B. in „You are“ - ein sägezahn-scharfes Git-Synth-Solo in den Vordergrund stellt.
Schwülstig wird´s erst in track 6, „The Past in us“, wo Gregoire Maret mit der Mundharmonika warme Klangfarben in die Hauptposition verströmt.
Ähnlich das Titelstück, gesungen von Meshell Ndegocello (natürlich „eine der großen Künstlerinnen unserer Zeit“), zu einem Text von Alison Riley.
Metheny hat die Musik dazu in den frühen Morgenstunden des 9. November 2016 geschrieben, „als die Wahlresultate traurige Wirklichkeit wurden“, die Wahl von Donald John Trump zu 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Apologeten einer politischen Relevanz des Jazz dürfte, sein muss dieses Stück irritieren: die „Haltung“ der Autoren ist klar. Insofern erfüllen sie eine wichtige Voraussetzung dieser „Theorie“.
Aber die Haltung wählt nicht den Ausdruck eines wie-auch-immer gearteten Protestes (bzw. wie man sich dessen akustischen Funken vorstellt), eines Sich-Aufbäumens, sondern einer in sich versunkenen Elegie. Der Text ist so blumig, dass man ihn auf 1001 Gelegenheiten beziehen kann.
Seine Semantik ist unspezifisch bis zur Pulverisierung.
Gleichwohl, er kann durchaus „authentisch“ sein (und die Eindrücke von Alison Riley wiedergeben). Nur entbehrt das Persönliche hier jeden kommunikativen Potenzials.
Das Album lässt in dieser zweiten Hälfte stark nach;  es wird nicht zu den bedeutenden in der bald 50 Jahren währenden Karriere des Bandleaders zählen.
Eine Ausnahme gibte es doch, mittendrin in der zweiten Hälfte ist mit „Everything explained“ ein spanisch gefärbtes Stück im 6/8-Takt placiert, das zudem eines der zahllosen flüssigen Soli dieses Gitarristen enthält. Und zudem eine Steilvorlage für Gwilym Simcock ist.
Ob James Francies auf der kommenden Tournee da mithalten kann, wird sich zeigen. Vermutlich aber wird er die Tasten in einem ganz anderen Programm drücken…

erstellt: 25.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten