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EMILE PARISIEN QUARTET Double Screening **********

01. Double Screening I (Loutelier), 02. Double Screening II, 03. Spam (Parisien), 04. Hashtag I, 05. Hashtag II, 06. Hashtag III, 07. Hashtag IV,  08. Spam 3 (Gélugne),  09. Deux Point Zéro (Touéry), 10. Élégie pour Carte Mère, 11. Malware Invasion, 12. Algo (Gélugne), 13. Spam 2 (Loutelier), 14. Daddy Long Legs



Emile Parisien - ss, ts, Julien Touéry - p, Ivan Gélugne - b, Julien Loutelier - dr

rec. 12/2017
ACT 9879-2

Was für ein Knaller!
Schon einmal begann ein Jazzjahr mit einer solchen Rakete.
Das war 2013.
Spätestens seitdem hält uns dieses Ensemble (sowie sein größerer Bruder, das Parisien Quintett - wenn auch einen Tick weniger) in Atem.
Mit „Special Snack“ war für das Quartett 2014 das 10jährige Bandjubiläum erreicht, jetzt hat es auch das Dutzend schon weit hinter sich und obendrein einen neuen Schlagzeuger: Julien Loutelier (statt Sylvan Darrifourcq).
Auch wenn das Quartett einen Groß-Star des europäischen Jazz beherbergt, wäre es völlig falsch verstanden als dessen Begleitcombo.
Wie auch früher schon sind die composer credits ziemlich paritätisch verteilt, wie auch früher schon sein Vorgänger ist davon auch der neue Schlagzeuger Julien Loutelier nicht ausgenommen.
Das Titelstück stammt von ihm. Dass in „Double Screening II“ ein rhythmischer Aberwitz zum Ausdruck kommt, könnte man zunächst seiner Autorenschaft zuschreiben.
Andererseits wimmelt es auch in den Kompositionen der anderen Mitglieder nur so von rhythmischen Vertracktheiten, dass hier eine weitere Bandqualität sich zeigt, nämlich die frappierende Homogenität, zu der sich die verschiedenen Zugänge bündeln.
Hier sprechen vier dieselbe Sprache - und es ist eine ungeheuer komplexe.
Cover Parisien Double ScreeningDas Titelstück, mithin das Album, beginnt in gemächlichen Tempo mit einem b/dr-intro (das Piano setzt erst bei 1:40 ein).
„Double Screening I“ ist ein erstes Feature für die sehr speziellen Klangfarben dieses außerordentlichen Sopransaxophonisten.
Emile Parisien intoniert in Richtung der Duduk, der „armenischen Flöte“. Es ist ein elegischer, ein für unser Gehör vielleicht auch „klagender“ Ton, dem Parisien aber durch Akzentsetzungen und Tonbeugungen vieles von seiner Schwermut nimmt.
Im Grunde variert er, variiert das gesamte Ensemble eine Melodie, die auch ordentlich zum Schluss geführt wird.
„Double Screening II“ setzt so ein, als würde der zweite Teil einer Rakete gezündet. Der schöne thematische Faden zappelt wie unter Stroboskoplichtfeuer, die Elegie wird von einer Maschinenästhetik an die Wand gedrückt, staccato regiert, nicht mehr legato.
Bei 0:55, nicht mal zwei Sekunden lang, ein harter Schnitt: swing!
Möglicherweise ein Takt.
Das Muster wiederholt sich, der swing-Einschub wird verdoppelt, dann vervierfacht, bis gegen 1:30 ein uptempo swing die Herrschaft übernimmt. Obenauf dieses unfassbar brillant phrasierte Sopransaxophon, wie es in dieser Güte derzeit niemand besser bedient als dieser 36jährige Franzose aus Okzitanien.
In dem nachfolgenden Pianosolo von Julien Touéry erlaubt sich die Band dann den Extraspaß unregelmäßig auftauchender stop times.
„Spam I“, das erste von insgesamt drei Zwischenspielen, ist zur Abwechslung jeglicher Rhythmik entkleidet, es basiert auf einem durch Flackertöne durchbrochenen hohen drone-Klang elektronischen Ursprungs (die liner notes schweigen sich zu dieser Instrumentierung leider aus). Parisien liegt mit seinem Sopran wieder obenauf.
Große Teile des Albums sind von einer Art Spieluhren-Ästhetik betimmt, von kurzen, eckigen, perkussiven, repetitiven Mustern. Ein eindrucksvoller Bogen dorthin wird in „Hashtag II“ entwickelt.
Das Stück selbst ist davon noch nicht geprägt, es beginnt in FreeJazz-Manier (auch hier zeigt sich das Quartett vollkommen sattelfest), gleitet mehr und mehr in „time“-Spiel, in einen forcierten swing - und stürzt in „Hashtag III“ regelrecht ab, in ein rubato, getragen vom mächtigen Streicherklang des Kontrabasses von Ivan Gèlugne.
Langsam schälen sich in der zweiten Hälfte piccicati von Baß und Piano heraus, „Hashtag III“ wird davon völlig gepägt sowie wiederum von Parisien´s „Duduk“-Soprano.
„Deux Point Zéro“ dann markiert den Gipfel dieser „Spieluhren“-Ästhetik, ein Hämmern & Klopfen in verschiedenen Lagen, das es auch mit der Verspieltheit eines Elliot Galvin
aufnehmen kann.
Das Stück verdichtet sich in einer irrwitzigen Bewegungsspirale. Und ohne einen Blick in die Partitur wird man den rhythmisch-melodischen Wirbelwind nicht auf den Begriff bringen können, der einen hier fortreisst.
Das Jazzjahr 2019 konnte nicht besser beginnen.

PS: Video-Ausschnitt aus dem Konzert im Moods, Zürich am 5.3.19

erstellt: 06.01.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten