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MERVYN COOKE
Pat Metheny -
The ECM Years, 1975-1984

298 S., 16 Euro (Taschenbuch)
Oxford University Press, 2017
ISBN 978-0-19-989766-7


Pat Metheny kommt aus einer Familie von Trompetern. Bruder und Vater spielten das Instrument, der Großvater sogar noch beim König der amerikanischen Marschmusik, bei John Philip Sousa.
Mit 8 beginnt auch Pat auf der Trompete, wechselt aber mit 13 zur Gitarre; eine Zeitlang galt er als der „slacker“, als der Faulpelz der Familie, der unter der großen Beachtung für seinen Bruder Mike litt, wie wir von Gary Marcus erfahren (dessen erhellendes Buch „Guitar Zero“, 2012, leider nicht zur ansonsten umfänglichen Lektüre von Cooke gehört).
Mit 15 spielt Metheny Jazz, in Orgel-Trios im nahen Kansas City.
Seine diesbezüglichen Helden sind 1. Wes Montgomery, 2. Kenny Burrell, 3. Jim Hall, die beiden ersten vor allem wegen der „narrativen“ Qualität ihrer Soli.
Gleichwohl, „melodisches Trompetenspiel blieb die erste Inspiration in seinem Bestreben nach einem lyrischen Ausdruck in seinen Gitarren-Soli“,  schreibt Mervyn Cook über Metheny.
Mit 18 wird er Dozent für Gitarre an der Universität von Miami, dort trifft er auf den Bassisten Jaco Pastorius, ebenfalls ein Autodidakt. Im Dezember 1975, mit 21, produziert er in Ludwigsburg mit Pastorius und Bob Moses „Bright Size Life“, sein Debüt-Album, das erste von insgesamt elf für das Label ECM in München.
Nicht für den Aspekt „Komposition“, aber für „Improvisation“ gilt schon hier laut Mervyn Cooke:
„Er hat sie während seiner ganzen Karriere immer wieder herausgestellt: die Notwendigkeit von Improvisationen, die einpräsam und nicht formelhaft und ein narratives Modell für musikalische Strukturen sind.“
cover cooke methenyMit dem Debüt für ECM beginnt aber auch der Clinch mit dem Label-Eigner und vielfach ausgezeichneten Produzenten Manfred Eicher.
Pat Metheny muss Jaco Pastorius gegen Eicher´s Wunschbassisten Dave Holland durchsetzen.
Und der Abstand der Studioaufnahme zu den Live-Erfahrungen war laut Schlagzeuger Bob Moses beträchtlich:
„Für mich ist das Album ein Leichtgewicht, gemessen an dem, was wir auf den Konzerten gemacht haben.“
Metheny´s Kritik an Eicher kulminiert im Juli 1983, anlässlich der Produktion des Trio-Albums „Rejoicing“ mit Charlie Haden und Billy Higgins:
„Ich habe „Rejoicing“ gemacht, und ich hasse die Aufnahme. Für mich eine der schlechtesten, wenn nicht die schlechteste, die ich je gemacht habe.
Die Stimmung im Studio war so mies, wie ich es bei solchen Gelegenheiten nie mehr erlebt habe. Deswegen habe ich ECM verlassen. Ich konnte Manfred Eicher nicht länger ertragen.“
Andererseits sagt Metheny 1978 in einem Radiointerview, trotz einiger Probleme sei ECM „50 mal besser als alle anderen.“


Mervyn Cooke geht solchen Bewertungen - manchmal sind sie auch harsche Kritik Metheny´s an sich selbst, z.B. an dem Sound auf „AmericanGarage“ (1979), den rein er zu verantworten hat - kaum nach.
Er ist Musikwissenschaftler. Er hat eine Professur an der Universität Nottingham, seine Fachgebiete sind Benjamin Britten und Filmmusik, dieser Band ist sein zweiter zu einem Jazz-Thema.
Cooke verhehlt nicht die eigene Faszination durch den zu untersuchenden Gegenstand, er ist weniger an Diskurs interessiert, ästhetische Debatte liegt ihm fern, er ist ein Faktensammler; und dazu zählen neben zahlreichen Zitaten auch viele Notenbeispiele.
Cooke liefert en detail und in geradezu überbordender Fülle Belege für das, wovon z.B. auch Journalisten mehr oder weniger nur raunen - nämlich die ungeheuere Komplexität der Musik von Pat Metheny.
Ein Beispiel: unter den 11 hier analysierten Alben befinden sich 7 der Pat Metheny Group. Nur drei Kompositionen aus diesen 7 Alben gehorchen der klassischen AABA-Form, wo die Improvisationen auf die gleichen Harmonien sich stützen wie das jeweilige Thema. Alle anderen Stücke zeichnen sich durch eigene Formen aus.
Dass Cooke lediglich die ECM-Jahre von Pat Metheny beleuchtet und somit nur ein Viertel des inzwischen veröffentlichten Werkes (44 Alben) erfasst, ist keineswegs von Nachteil. Häufig blickt er nämlich über den Tellerrand hinaus, auf die Jahre 1985 und folgende; und zieht Verbindungslinien von dort zum Untersuchungszeitraum.
Das fällt nicht schwer angesichts der - trotz aller Komplexität - doch großen Konsistenz des Werkes von Pat Metheny:
„Die wohl größte Qualität von Metheny´s schrittweiser Entfaltung eines Kerngedankens in seiner gesamten Musik ist die stilistische Integrität (hier wäre wohl „Identität“ begrifflich angebracht, Anm. MR), die sie sofort erkennbar macht - trotz frappierender eklektischer musikalischer Exkursionen und Einflüsse, auf denen sie ruht.
Wie wir gesehen haben, ist der Rahmen der Musiken, von denen er sich inspirieren lässt, unglaublich weitgespannt, er umfasst Jazz aller Arten, Rock, Pop, Country, Minimalismus, Filmmusik, klassische Musik und die Avantgarde.
Der paradoxe Sinn, der aus dem erfolgreichen Verschmelzen all dieser disparaten Elemente erwächst, zeigt sich darin, dass - wie Metheny es einmal selbst gesagt hat - dass seine jeweils neueste Musik zu „100 Prozent rückwärts kompatibel“ ist mit seinem früheren Werk.
Das Resultat ist eine massive Anhäufung von Original-Kompositionen, auf die er sich live beziehen kann, ohne auch nur den Hauch einer stilistischen Unstimmigkeit.“

 

erstellt: 12.04.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten