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CHARLIE HADEN & BRAD MEHLDAU Long ago and far away **********

01. Au Privave (Charlie Parker), 02. My old Flame (Johnston, Coslow), 03. What´ll I do (Irving Berlin), 04. Long ago and far away (Ira Gershwin, Jerome Kern), 05. My Love and I (David Raksin), 06. Everything happens to me (Dennis, Adair)

Charlie Haden - b, Brad Mehldau - p

rec. 05.11.2007
Universal/Impuls 6789500

Dass die beiden Partner dieses Unternehmens einander mit Lob überschütten - Brad Mehldau in den ausführlichen liner notes und die Witwe Ruth Cameron Haden stellvertretend für Charlie Haden (1937-2014) - lässt sich allein schon dank seiner Qualität gut nachvollziehen.
Ein wenig lässt Ruth Haden auch von den Umständen durchsickern, die überhaupt dazu geführt haben, dass wir jetzt immer und immer wieder dieses Konzert vom 5. November 2007 aus der Christuskirche in Mannheim (im Rahmen des Festivals Enjoy Jazz) hören können.
Die Anfrage des Festivalchefs Rainer Kern, das Konzert mitschneiden zu lassen, hatten die Künstler demnach zunächst mit einem „emphatischen Nein“ quittiert. Ihr Hinweis, Kern überließe ihnen die Rechte an den Aufnahmen, habe sie demnach umgestimmt.
Dass sie jetzt, vier Jahre nach dem Tod des Bassisten, auch wirklich auf den Markt kommen, dafür dankt sie ausdrücklich der „harten Arbeit“ verschiedener Rechtsanwälte.
That´s Jazz? Ja, auch (inzwischen), aber vor allem: that´s music business.
Haden & Mehldau schätzten einander sehr, hatten aber nicht viel praktische Erfahrung miteinander; ein Trio-Album mit Lee Konitz (1997), ein Quartett-Album mit Konitz (2011), im Duo wie in Mannheim waren sie noch nicht aufgetreten.
So ausführlich die Hommage von Mehldau an Haden ausfällt, man hätte gern ein wenig mehr über die Wahl des Repertoires an jenem Abend erfahren (das - eine Rarität - im booklet nur die Titel nach aufgeführt, nicht aber die Komponisten). 
Was das booklet per definitionem nicht leisten darf, ist, dieses Duo mit einem anderen aus dem gleichen Jahr zu vergleichen, einem Treffen Charlie Haden´s mit Keith Jarrett im März 2007, aus dem zwei Alben resultieren: „Jasmine“ und „Last Dance“.
Um es vorwegzunehmen: „Mannheim“ ist der Vorzug zu geben, sowohl klanglich (obwohl im Hause Jarrett der sehr geschätzte Martin Pearson am Pult saß), denn Haden´s Kontrabaß erstrahlt geradezu in sattem Holzklang. Und das an einem aufnahmetechnisch so schwierigen Ort wie einer Kirche.
Als auch … yes folks … musikalisch.
Es ist soweit: man kann Brad Mehldau gegenüber Keith Jarrett den Vorzug geben. Sein Spiel enthält mehr überraschende Wendungen, es ist weniger „vorhersehbar“, er spielt weniger durch als Jarrett, nimmt sich mehr Freiheiten.
Und Charlie Haden, der mit Jarrett weitaus mehr Erfahrung hat in etlichen Jahren, ist hier der richtige Partner. Er verschiebt, wie Mehldau ihn mit Bassisten wie Ron Carter oder Jimmy Garrison vergleicht, „er verschiebt den Grund“, gemeint der Grundton des jeweiligen Akkordes.
cover Haden Mehldau
Ein gutes Beispiel bietet sogleich der opener, „Au privave“, der Blues von Charlie Parker. Mehldau beginnt schon nach der Wiederholung des Themas, Fragmente daraus zu modulieren, Haden ist oft - auch rhythmisch - weit weg, mäandert durch den tonalen Raum.
Bei 3:19 bietet er kurz einen walking bass an, der nun mal klassisch zum Blues passt, ist gleich aber wieder woanders.
Insbesondere in seinem Solo ahnt man kaum, wohin er den nächsten Ton führt. Es ist Brad Mehldau, der immer wieder den Bezug zur Vorlage herstellt, er bietet ein Musterbeispiel für motivische Improvisation.


Wie sehr dieser Auftakt von einem ersten Erspüren des Raumes, des Partners, geprägt ist, zeigt sich später an hand des Titelstückes „Long ago and far away“ von Ira Gershwin und Jerome Kern (1944).
Sie gehen es ähnlich boppig an, entfernen sich aber nicht mehr so weit voneinander. Charlie Haden bleibt lange im Groove, gibt ihn auch in seinem Solo nicht vollständig auf.
Diese Viertelstunde ist faszinierend. Nach gut 10 Minuten deutet sich ein Schluß an, Mehldau hat das Thema noch einmal aufgegriffen, sogar auf den Schlussakkord zurück geführt - da verstrickt er sich plötzlich in die Parallelführung eines kleinen Motives, das er minutenlang in einem Alleingang dreht und wendet.
Charlie Haden bewegt sich viel langsamer darum herum, in diese Engführung kommt er rhythmisch nicht rein.
Gegen 14:26, kurz vor Schluss (was beide damals nicht wissen können) klinkt er sich ein in ein fallendes Motiv, zwanzig Sekunden später ist das Stück glücklich zu Ende geführt.
Was für eine Coda!
Auch die Reihenfolge der Stück ist klug gewählt; gleich im nächsten sind die beiden rhythmisch viel enger beieinander, sie schaukeln sich durch den den Walzer
„My Love and I“ von Johnny Mercer und David Raksin, aus dem Film „The Apache“ (1954).
Dieser Standard gehört zu Haden´s all time favorites, wie er auf seiner Webseite verrät.
Er hat es zum ersten Male mit seinen Quartet West aufgenommen („Always say Goodbye“, 1993) und zweimal mit mit Pianisten:„Nightfall“ mit John Taylor (2003) sowie Gonzalo Rubalcaba „Tokyo Adagio“ (2005).
Mehldau erlaubt sich allenfalls Triolenketten, die seinen Partner nicht zu einer freien Begleitung zwingen.

erstellt: 21.12.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten