Drucken

JOHN COLTRANE Both Directions at Once. The lost Album **********

01. Untitled Original 11383 (Coltrane), 02. Nature Boy (Ahbez), 03. Untitled Original 11386, 04. Villa (Franz Lehar) 05. Impressions (John Coltrane), 06. Slow Blues,  07. One up, one down

John Coltrane - ss, ts, McCoy Tyner - p, Jimmy Garrison - b, Elvin Jones - dr

rec. 06.03.1963
Universal/Impulse  00602567639251

Die Story ist bekannt. Sie war der Feuilletonhit des Sommers 2018.
55 Jahre nach der Produktion kommt ein Album von John Coltrane auf den Markt, das obendrein bis dato nicht, zumindest nicht auf Tonträger gehörte Stücke enthält.
Wohl wahr, „die Bänder gerieten in Vergessenheit“, sie waren nirgendwo mehr auffindbar, außer in Form jener Referenzkopien - in Mono -, die Coltrane selbst am Spätnachmittag jenes 6. März 1963 mit nach Hause nahm. Offenbar aber niemals mehr abhörte.
Daß sie aber „in den nächsten 54 Jahren unberührt (blieben)“, wie die Plattenfirma behauptet, trifft nicht zu. 2004, mithin nach 41 Jahren, konnte Impulse Records gerade noch verhindern, dass das Auktionshaus Guernsey´s die Bänder zur Versteigerung offerierte.
Sie stammten aus dem Nachlaß von Coltranes erster Ehefrau Naima.
Im Interview der FAZ (28.06.18) mit Ravi Coltrane, Co-Herausgeber dieses Albums und aus der Ehe mit Alice Coltrane hervorgegangen, erfährt man einiges über die verschlungenen Wege dieser Edition.
Die luzideste Darstellung dazu finden wir bei dem Coltrane-Forscher Lewis Porter.
Er macht vor allem auf die editorische Praxis jener Jahre aufmerksam, wonach Alben nicht 1:1 aus Studiosessions hervorgehen, sondern der Produzent (in diesem Falle Bob Thiele) bestimmt, welches Album aus welchen Sessions kompiliert wird.
Porters Überlegungen legen nachvollziehbar nahe, dass „Both Directions at Once“ nicht als Album geplant gewesen sein konnte. Dass Coltrane vielmehr im Studio nachstellen und festhalten wollte, was er abends live in einem zweiwöchigen Engagement im „Birdland“ praktizierte.
Nicht zuletzt sprechen zwei ungetitelte Stücke für den vergleichsweise spontanen Charkter der Session - am nächsten Tag, am 7. März 1963, stand im selben Studio eine Session mit dem Sänger Johnny Hartman an, ein weitaus mehr geprobtes Projekt.
Und zugleich eines, mit dem Thiele einem größeren Publikum die andere Seite des Avantgardisten Coltrane näher bringen wollte, die sanftere, die dem Mainstream zugeneigte.

----wird fortgesetzt

 

erstellt: 15.08.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten