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BLUE NOTE ALLSTARS Our Point of View ******

CD I
01. Bruce´s Vibe (Glasper), 02. Cycling through Reality (Scott), 03. Meanings (Strickland), 04. Henna (Akinmusire), 05. Witch Hunt (Wayne Shorter), 06. Second Light (Hodge)

CD II
01. Masqualero (Shorter), 02. Bayyinah (Glasper), 03. Message of Hope (Hodge), 04. Freedom Dance (Loueke), 05. Bruce, the last Dinosaur (Akinmusire)

Robert Glasper - p, ep; Derrick Hodge - b, bg, Lionel Loueke - g, voc (I 5, I 6, II 3, II 4), Kendrick Scott - dr, Marcus Strickland - ts, Ambrose Akinmusire - tp, Wayne Shorter - ss (II 1), Herbie Hancock - p (II 1)

rec. 2017 (?)
Universal/Blue Note 00602557774917

Wenn man dieses Album nur hört, wenn einem kein weiterer Sinnesreiz zur Verfügung steht, und wenn man sich vielleicht zuvorderst für „Masqualero“ interessiert und wissen will: was machen die heutigen Repräsentanten des Labels mit diesem Juwel aus Wayne Shorters Auslage? Dann nimmt man vielleicht enttäuscht zur Kenntnis, dass - obwohl der Juwelier selbst und sein Freund Herbie Hancock aushelfen - sie wenig mit diesem 10-Töne-Morse-Thema anzufangen wissen.
Die Soli strecken sich wie isolierte Ereignisse über dem rubato Untergrund; schwimmenden Estrich sind die Musiker offenbar nicht gewohnt, sie sind Funk- und swing-Spezialisten.
Inzwischen gibt es aber Bilder dazu, die Musiker wurden im Studio von den Kameras für die Filmdoku „Blue Note Records. Beyond the Notes“ von Sophie Huber beobachtet.
Und da bekommt man - vielleicht auch, weil die Kameras nicht die gesamten 9:26 bezeugen - einen ganz anderen Eindruck. Nach dem Schlussakkord blickt Herbie Hancock noch ein wenig ratlos um sich:
war es das? ist das gelungen?
Aber als Robert Glasper mit einem Lächeln sich von seinem Fender erhebt und vor allem als Wayne Shorter kurz darauf im Abhörraum einen Witz zündet, blickt man in lachende Gesichter und weiß: die Akteure sind mehr als zufrieden.
Im nächsten Jahr wird Blue Note achtzig. Die Blue Note All-Stars wurden 2014 gegründet, anlässlich des 75. Geburtstages des Labels.
Mehr als ein paar Konzerte damals und dieses Album jetzt haben sie noch nicht zu Wege gebracht.
Dass das Label sie, eine Ansammlung ihrer aktuellen Vertragskünstler, mit „Superbands“ wie Art Blakey´s Jazzmessengers oder gar das zweite Miles Davis Quintet in Verbindung bringt, ist geschichtslos, ja schamlos.
cover blue note allstarsAlle sechs Mitglieder haben einen Ruf, es sind exzellente Handwerker darunter, aber außer Robert Glasper dürfte man keinem unter ihnen größeren Einfluss oder gar Star-Status zubilligen.
Lionel Loueke wird sogar nur eine Nebenrolle zugewiesen, er beschränkt seine Dienste weitgehend auf ins Mickey Mouse-hafte verfremdete Gitarrensounds.
Die Rhythmusgruppe, das muss man einräumen, agiert mit muskulöser Kraft, egal ob Derrick Hodge nun Kontrabass oder E-Bass bedient (in „Second Light“ marschiert er ganz tiiieeef getuned herum und Kendrick Scott trommelt patterns a la Shannon Jackson dazu).
Eine Ausnahme bildet „Henya“, ein Duo mit Ambrose Akinmusire, wo Hodge den Bass im Mehrspur-verfahren streicht, als gelte es ein Streichquartett zu ersetzen.
Robert Glasper gibt - mehr als dieser selbst - den Herbie Hancock. Das macht er bekanntlich sehr gut, insbesondere auf dem E-Piano.
Was ist nun „our Point of View“, die Perspektive dieser sechs?
Es ist vor allem eine Ausrichtung auf die Vergangenheit des Blue Note-Kataloges, mit Neuschöpfungen im Stile von…
Das mit Abstand beste Stück des Albums ist denn auch das älteste, „Witch Hunt“ von Wayne Shorter, aus seinem 1964er Album „Speak no Evil“.
Alle, wirklich alle Beteiligten haben hier große Momente, die Soli (erst Strickland, dann Akinmusire, dann Glasper, mit einer thematischen Improvisation, dann Loueke, sehr bluesig, und Hodge) explodieren förmlich vor der ungemein pumpenden Rhythmusgruppe.
Der Parcours des modalen Stückes führt über diverse Tempi und Grooves, und geradewegs hinein in eine wunderbar federnde, binäre Coda von satten drei Minuten.
Lionel Loueke murmelt in einem semi-afrikanischen Scat über Fragmenten aus dem Hardbop-Thema des Stückes - der Höhepunkt des Albums.
CD I schließt mit einem Stück von Derrick Hodge, dessen Hardbop-Thema - ähnlich wie seinerzeit Miles Davis´ „Nefertiti“ - in Wiederholungen umspielt wird, wobei hier Kendrick Scott - wie seinerzeit Tony Williams - am Schlagzeug die prägende Rolle zukommt.
Scott, exzellent aufgenommen, spielt das schon erwähnte zyklische pattern a la Shannon Jackson.
Mit einer weiteren Brücke zum Miles Davis Quintet beginnt CD II, nämlich mit einer Interpretation von Wayne Shorter´s „Masqualero“, ursprünglich aus „The Sorerer“ (1967). Sie gehört - siehe oben - nicht zu den Höhepunkten der Produktion.
Es folgt eine Komposition von Robert Glasper, die er zuerst für „Heritage“ von Lionel Loueke 2012 geschrieben hat, „Bayyinah“.
Glasper tut, was er solistisch gerne tut, er gibt den Herbie. Ambrose Akinmusire schaltet in einen ganz anderen Modus, man kann sein Solo auch hören als eine Paraphrase auf Artie Glenn´s „Crying in the Chapel“ (u.a. mit Elvis).
Derrick Hodge´s „Message of Hope“ dürfte man auf dem nächsten Blue Note Christmas-Sampler wiederfinden, die Nähe zu „God rest ye merry, Gentlemen“ ist frappierend, wenngleich mit anderer Inbrunst vorgetragen.    
Selbst in seinem eigenen Afro-„Freedom Dance“ ist Lionel Loueke kaum mehr als ein kurzatmiges Klangfarbenspiel vergönnt; was dessen Ideenarmut fast buchstäblich übertönt, ist der eminente tight funk der Rhythmusgruppe.
In dieser Konstellation verschärft sich das Dilemma dieser Produktion: sie ersetzt Konzeption durch partiell beachtliche solistische Leistung.
Die Produktion schließt mit „Bruce, the last Dinosaur“, einem Requiem für den Blue Note-Präsidenten Bruce Lundvall, 1935-2015.
Mit dessen Stimme hatte sie auch begonnen.

erstellt: 05.07.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten