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SONS OF KEMET Your Queen is a Reptile ***

01. My Queen is Ada Eastman (Hutchings), 02. My Queen is Mamie Phipps Clark, 03. My Queen is Harriet Tubman, 04. My Queen is Annan Julia Cooper, 05. My Queen is Angela Davis, 06. My Queen is Nanny of the Maroons, 07. My Queen is Yak Asantewaa, 08. My Queen is Alberten Sisulu, 09. My Queen is Doreen Lawrence

Shabaka Hutchings - ts, Pete Wareham - ts (4), Nbuya Garcia - ts (7), Theon Cross - tuba, Tom Skinner - dr, Seb Rochford - dr (1,2,4,5,6,9), Moses Boyd - dr (3,7,8), Eddie Hick - dr (3,7,8), Maxwell Hallett - dr (1,9), Congo Natty - voc (2), Joshua Idehen - voc (1,9)

rec. 2017 (?)
Impulse 00602567364351


Selten zuvor hat eine Jazzproduktion dermaßen offene Türen eingerannt wie diese:
„Your Queen is a Reptile“, das dritte Album der Söhne Mannheims- pardon der Söhne Ägyptens. „Kemet“ ist die westliche Schreibweise für das altägyptische Wort für „Ägypten“.
Darunter sollen wir vermutlich einen Hinweis auf die frühe Hochkulur am Nil verstehen - mit der aber weder die Musik noch die selbst ernannten Abkömmlinge aus Londinium (lat. für London) in Verbindung stehen.
Von der Kernbesetzung sind zwei Mitglieder Afro-Briten (Hutchings und Cross), die beiden anderen weiß (Skinner und Rochford). Gleichwohl liegt nicht ganz falsch, wer Sons Of Kemet jener next generation der Jazz Warriors zuordnet, deren „Väter“ Gary Crosby und Courtney Pine sind.
Shabaka Hutchings, geb. 1984, hat bei Pine gespielt, Tom Skinner, Jahrgang 1980, ist über Crosby, Denys Baptiste oder auch Cleveland Watkiss seit langem dem black british jazz verbunden.
Die stilistische Zuordnung macht vor allem musikalisch Sinn: so etwas Tanzbares wie „Your Queen is a Reptile“ hat kaum je ein weißes Ensemble des Brit Jazz vorgelegt. Vor allem mit dem Beat rennen Sons Of Kemet offene Türen ein - man kann sich ihm nicht entziehen.
cover sons of kemetDem Beat gehorcht alles, dem Beat wird alles untergeordnet. Das formale Gerüst reicht nicht über 2 Takte hinaus; die melodischen Einfälle müssen da hinein passen, sie sind ärmlich.
Selbst unter dem Ansturm von zwei, manchmal drei Schlagzeugern sind diese Söhne Londons nicht weiter als Ginger Baker mit seinem Luftgeschwader vor bald 50 Jahren.
An drei tracks sind drei Schlagzeuger beteiligt; an dem suggestivsten („My Queen is Harriet Tubman“) erlauben sie einem unter sich einen Akzent auf der Zählzeit 2und - Gipfel der rhythmischen Rafinesse.
Aber, was braucht´s musikalische Einfälle, wenn man die richtigen Titel hat? Damit rennt man erst recht offene Türen ein.


„Das Album ist aber auch ein politisches Statement“, erkennt selbstverständlich das Feuilleton der SZ. „Jedes der zehn Stücke ist einer historischen Figur gewidmet, allesamt Frauen aus dem afrikanischen Mutterland oder der Diaspora.“
Nichts dagegen, Harriet Tubman, die Begründerin der Sklaven-Befreiungsorganisaton „Underground Railrooad“ in den Status einer Königin zu heben, oder Angela Davis, die Bürgerrechterlin aus den 60er und 70er Jahren oder Yaa Asantewaa, die 1900 den letzten großen Aufstand gegen die Briten als Kolonialmacht an der Goldküste (Ghana) anführte.
Ganz nebenbei, Rosa Parks, die 1955 mit einem sehr einfachen, gefährlichen Sit In den Busboykott von Montgomery/Alabama hätte sich in dieser Reihe auch gut gemacht.
Scheunentore aber rennt ein, wer diese Zelebritäten des Widerstandes gegen Elizabeth II setzt (nichts anderes suggeriert der anti-royalistische Titel des Albums). Noch dazu mit so geringem Einsatz musikalischer Fantasie.
Das ist zu viel des Gratismutes.
PS: das britische Quartett Outhouse war vor 10 Jahren mit mehreren Trommlern aus Gambia schon ein gutes Stück weiter… („Ruhabi“).

erstellt: 16.04.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten