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CHICK COREA/STEVE GADD BAND Chinese Butterfly *****

CD I
01. Chick´s Chums (McLaughlin), 02. Serenity (Corea), 03. Like I was sayin´, 04. Spanish Song, 05. Chinese Butterfly

CD II
01. Return to Forever (Corea), 02. Wake-Up Call (Corea, Loueke), 03. Gadd-Zooas (Corea)

Chick Corea - p, keyb, Steve Gadd - dr, Lionel Loueke - g, voc, Steve Wilson - ss, fl, Carlitos del Puerto - b, bg, Lusito Quintero - perc, Philip Bailey - voc (II/1)

rec. 2017 (?)

Universal/Concord 888072042186

Chick Corea´s bevorzugtes Produktionsmotiv der letzten Jahre ist die Retrospektive. Während Herbie Hancock, mit welchem Erfolg auch immer, Gegenwart inhaliert (gegenwärtig lässt er sich von seinem Bewunderer Robert Glasper zuarbeiten), blättert der nicht minder vielseitge Tastenkollege im umfangreichen Katalog seines Lebens und streicht einzelne Kapitel wieder heraus.
Da sind die Geburtstagsfeiern, zu seinem 70. („The Musician“), sowie zu seinem 60. („Rendezvouz in New York“), da sind die wieder-reformierten Bands wie Return To Forever.
(Die Ankündigung, dass die Akoustic Band im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr am 8. Juli in der Philharmonie Essen auftreten wird, gehört auch in diese Kategorie.)
Nun also Steve Gadd. Dem immerhin die Ehre einer co-Leadership zu teil wird.
Dessen Jahre mit Corea beginnen 1975, mit „The Leprechaun“. Sie beschränken sich im wesentlichen auf den Zeitraum bis 1981. Und obwohl es nicht mal eine Handvoll sind, gehören doch eminent beeindruckende dazu:
„Friends“, 1978, mit Joe Farrell (1937-1986), „Three Quartets“, 1981 mit Michael Brecker (1949-2007) und „My Spanish Heart“, 1976.
Wer diese Produktion zur Hand nimmt, tut dies - ein bestimmtes Lebensalter bzw. gute Kenntnis des Chick Corea Kataloges vorgesetzt - dezidiert unter einer Prämisse: ist „Chinese Butterly“ anschlussfähig?
Können Corea & Gadd an „Spanish Fantasy“ aus „My Spanish Heart“ anschließen, genauer an das Duo Corea & Gadd aus „Spanish Fantasy, Part 2“, darin einer der prominentesten vamps aus der ganzen Jazzrock-Geschichte.
cover corea gadd

Corea & Gadd wissen, worauf es ankommt. Und also findet sich im opener „Chick´s Chums“ (von John McLaughlin) das erste drum-solo gegen riff, in track 3 folgt das nächste, nebst einem weiteren Gadd-Spezial aus den 70ern, nämlich die Verschiebung der Zählzeiten (Beats) auf das jeweilige „und“ auf der hi-hat, also 1und, 2und, 3und, 4und. 
Die Produktion schließt mit „Gadd-Zooks“, einem Riff-Thema, gegen das der Angesprochene mit einem weiteren Markenzeichen, dem Gang über die toms, anspielt.
Steve Gadd klingt bessser als je zuvor, auch in Details wie dem Einsatz der Besen (brushes), z.B. in „Serenity“.


Aber es fehlt nicht nur ihm, es entbehrt die ganze Musik die Dringlichkeit, die Expressivität, wie sie die zitierten Aufnahmen aus den 70ern kennzeichnen.
Ein Michael Brecker (in „Three Quartets“) verlangt/e einen ganz anderen Einsatz der Mitwirkenden als jenes kulinarische Wir-kennen-uns-schon-lange-feeling, das diese Aufnahme nicht über ein dejavú hinaushebt.
Alles, was auch der Bandleader einbringt, z.B. seine typischen pitch bendings (Tonbeugungen) auf dem Synthie, hat er früher besser gemacht. Dass es verdammt gut klingt, sollte nicht zu einem falschen Eindruck verleiten.
Retrospektive, wie sie Chick Corea betreibt, ist etwas ganz anderes als Revision, mit der Wayne Shorter seit Jahren sein Euvre angeht. Er produziert keine Doubletten, sondern neue Originale, die sich komplementär zu den damaligen „Originalen“ verhalten.
Sie sind im Zweifelsfall … genau so gut.


erstellt: 27.01.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten