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DENYS BAPTISTE The late Trane ****

01. Dusk Dawn (John Coltrane), 02. Living Space, 03. Ascent, 04. Peace on Earth, 05. Transition, 06. Neptune (Baptiste), 07. Vigil (John Coltrane), 08. Astral Trane (Baptiste),  09. After the Rain (John Coltrane), 10. Dear Lord

Denys Baptiste - ss, ts, Niki Yeoh - p, keyb, Gary Crosby - b (1-3,6,8), Neil Charles - b, bg (5-10), Rod Youngs - dr, perc (1-3, 5-9), Steve Williamson - ts (6-8), Jason Yarde - perc, voc (6)

rec. 18.—20.01.2017
Edition Records ESN1093

Das Coltrane-Jahr hat seinen Mittelpunkt überschritten (am 17. Juli 2017 jährte sich zum fünfzigsten Male sein Todestag) - und viel hat man davon gar nicht bemerkt.
Vielleicht sind ausgiebige Hommagen deshalb unterblieben, weil der Ton des Tenorsaxophonisten Coltrane sowie seine Stücke auch ohne äußeren Anlass präsent sind wie kaum ein zweites Vermächtnis eines Jazzmusikers.
Für Denys Baptiste aus London, er wird in Kürze 48, ist eigentlich immer Coltrane-Zeit; keine große Überraschung also, dass er den Jahrestag zum Anlass nimmt, seine Langzeit-Intentionen noch einmal zu konzentrieren, diesmal auf den „späten“ Coltrane, („The late Trane“).
cover baptiste
Offenbar existiert das Dune Label nicht mehr, auf dem der Black British Jazz sich jahrelang konzentriert hat. Baptiste ist mit einer für diese Szene typischen Mannschaft zu Edition nach Bristol gezogen, inklusive des masterminds der Szene, des Bassisten Gary Crosby, 62.
Der wohl talentierteste aus der black jazz community, Jason Yarde (ja, der mit dem Dutt an wechselnden Stellen des Haupthaares) fungiert als Produzent und wirkt kaum merklich mit lediglich an track 6, jedenfalls nicht in seiner Disziplin als Saxophonist.
Yarde sei auch deshalb erwähnt, weil er sich im Black British Jazz am meisten von den Fesseln der Tradition gelöst hat. Ein Coltrane-Tribut nach seinem gusto hätten vermutlich ganz andere Klangkörper zum Ausdruck gebracht.

Baptiste pflegt einen einen kräftigen, klassisch Coltranesken Ton, er ist ein shouter, er hat einen dynamischen Vortrag, er kann dramatisch zuspitzen. Warum er dieses voluminöse Ideal gelegentlich gegen eine Quäke eintauscht, indem er wha-wha-filtert, also den Klangumfang beschneidet, und ein kurzes Echo anhängt, mag sich nur ihm erschließen (z.B. in „Ascent“).
Nikki Yeoh beschränkt sich auch nicht auf das pure Piano eines McCoy Tyner, sie setzt volltönende E-Piano-Akkorde in „Ascent“ und „Astral Trane“, eine gute Idee glückt ihr in „Vigil“, von Coltrane 1965 aufgenommen, damals ein Duo mit Elvin Jones, dr.
„Vigil“ ist mit Abstand das eruptivste, und nicht nur deshalb das beste Stück des Albums, weil Baptiste und sein Gast Steve Williamson (endlich mal wieder zu hören) durchgängig duellieren und in einem 3-Töne-vamp landen, sondern auch weil Nikki Yeoh lange Zeit eine harmonisch schwer definierbare keyboard-Fläche darunter legt, man kann sie auch als Ausflug in die drone-Ästhetik hören.
Rod Youngs ist völlig anders drauf als weiland Elvin Jones, er schlägt einen knalligen funk-beat. Einziger Nachteil, er klingt deutlich wie aus einem anderen Raum; es müsste in Greater London doch Dutzende Toningenieure drängen, eine solche Aufgabe optimal zu lösen.
Coltrane ver-funkt, „Dusk Dawn“ mit einem Reggae-Beat abgeschmeckt, hier und da E-Piano bzw. Synthie — ja eine Revolution ist das nicht, und auch die rubato-Passagen schreien nicht gerade vor Leidenschaft. Da könnte man sich noch ganz anders ´reinhängen.

erstellt: 11.08.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten