Drucken

DAVID BINNEY „The Time Verses“ ********

01. Dawn (Binney), 02. Walk, 03. ARC, 04. Morning Tide, 05. Strange Animal, 06. Seen, 07. Noon Tide, 08. The Reason to return, 09. Time takes it´s time, 10. Evening Tide, 11. Where Worlds collide, 12. Fifty Five, 13. ARC Reprise, 14. Dusk

David Binney - as, voc, electronics, Jacob Sacks - p, Eivind Opsvik - b, Dan Weiss - dr, Jen Shyu - voc (6), Shai Golan - as (11)
rec. 17.02.2016

Criss Cross Jazz Criss 1392 CD

Wie oft hat man das schon gelesen?
„Ich liebe diese Aufnahme sehr, sie ist vielleicht sogar mein Favorit unter all denen, die ich gemacht habe“.
Das sagt einer, vom dem in der JC-Datenbank zwischen 1989 und 2016 18 CDs gelistet sind - und das sind vermutlich nicht mal alle, auf die er sich bezieht.
Er, David Binney, 55, ein ganz großes Licht in der zweiten Reihe. Und nähme sich seiner eines der major labels an, könnte er gut & gerne auch noch vorrücken.
Denn Binney ist nicht nur ein exzellenter Instrumentalist, der bis ins Virtuose hinein sein Altsaxophon bedient, er ist auch als Komponist ausgewiesen. Er schreibt mitunter irrsinnig schweres Zeug, mit ständigen Rhythmus- und Harmoniewechseln (wie hier); nur, er stellt es nicht ostentativ heraus, er versteckt es im Gewand eines dem Mainstream zuneigenden Jazzrock.
Last not least, Binney hat eine Band, eine wirkliche working band. Seit 2001 - mit Unterbrechungen - teilt der Rest dieses Quartetts dienstags mit ihm die Bühne in der 55 Bar, Christopher Street, Greenwhich Village, New York City/NY. (Donnerstags residiert dort, ähnlicher Fall eine working band, Wayne Krantz mit seinen Leuten; the city that never sleeps: dienstags David Binney, donnerstags Wayne Krantz - Wahnsinn!)
Man merkt, dass diese Band dieses Material oft gespielt hat, sie knetet es durch, füllt es mit Passion, spielt nicht vom Blatt. Obwohl viel, sehr viel diesmal notiert ist.
cover binney timeBinney zeigt diesmal Formate von kurzen Interludes, eine halbe Minute lang (tracks 1, 4, 7, 10, 14), bis zu zwei Stücken von 11 Minuten (tracks 2 und 11) und anderen (9), in asymetrischer Form, Suiten, in denen sich nichts wiederholt.
Das erste in dieser Reihe, „Walk“, wird von einem ostino-Bass durchzogen (typisch Binney), dem zunächst noch in 6/4 folgen kann; unter Sack´s Solo wird´s schon schwieriger, Weiss legt einen ganz anderen Rhythmus darüber. Nach einem ersten Ausbruch des Bandleaders folgt eine überraschende Abkühlung durch den gestrichenen Baß von Eivind Opsvik und darüber liegenden, sparsam eingestreuten - japanischen (?) - Stimmen. Folgt Aufbruch Nr 2 des Bandleaders, nun über forciertem Tempo und ein vokal-ostinato.
Binney schreibt, er will weg vom Song-Format, das ist ihm gelungen.
„Strange Animal“ ist um die Hälfe kürzer, aber rhythmisch-harmonisch nicht weniger komplex, es bezieht seinen Charakter aus lauter stop times. „Time takes its Time“ enthält ebenfalls Unterbrechungen, diesmal durch programmierte Elektronik - ein Bereich, den er noch nicht zufriedenstellend gelöst hat. Man weiß nicht recht, warum dieB Band zum Schluß wieder losrast.
Okay, das kann sie, und nach einem weiteren Interlude strebt sie einem nochmaligen Höhepunkt zu: „Where Worlds collide“. Ein zweiter Altist, Shai Golan, 22, spielt unisono mit dem Bandleader im Thema. Der Duktus ist Jazzrock, in hohem Tempo, erneut mit vielen Rhythmus- und Harmoniewechseln, immer wieder ein ostinato dazwischen, und ergreifenden Soli von David Binney und Jacob Sacks.
„The Time Verses“ enthält erstaunlicherweise kein Stück von Binney´s Liebelingskomponist Wayne Shorter. Mit „Fifty Five“ kommt er durch die Hintertür herein, ein swinger. „At Fifty Five Bar we play a lot of swing“, sagt Binney; mag sein, hier aber ist es der einzige swing der ganzen Produktion, kompetent, ja mit Leidenschaft gespielt wie alle anderen Stücke.
Die Band möchte man live erleben!

erstellt: 24.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten