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CHRIS THILE & BRAD MEHLDAU Chris Thile & Brad Mehldau ******

CD 1
01. The old Shade Tree (Mehldau, Thile), 02. Tallahassee Junction (Mehldau), 03. Scarlet Town (Rawlings, Welch), 04. I cover the Waterfront (Green, Heyman), 05. Independence Day (Elliott Smith), 06. Noise Machine (Thile)

CD2
01. The Watcher (Mehldau), 02. Daughter of Eve (Thile), 03. Marcie (Joni Mitchell), 04. Don´t think twice it´s alright (Dylan), 05. Tabhair dom do Lámh (Ruaidri Dáll Ó Catháin)

Chris Thile - mand, voc, Brad Mehldau - p, voc (I/03)
rec. ?.2015

Nonesuch 2 CD 0075597940992

Schon ein Blick auf die Titel, von der Besetzung ganz zu schweigen, lässt erahnen, dass wir hier schwerlich Brad Mehldau, den virtuosen Jazzpianisten, vor uns haben, sondern den Liedbegleiter.
Songs sind häufig zwar die Ausgangspunkte seiner Exkursionen, aber hier hat er einen Mandolinenspieler - und Sänger - zur Seite, da beschreitet man eher einen Weg zu Americana, jener für Europäer so schwer greifbaren Melange aus Country, Gospel und Blues.
Weggefährten waren/sind dabei Bill Frisell, Joel Harrison, ja gelegentlich auch John Scofield oder Wayne Horvitz.
Thile & Mehldau haben sich 2008 auf einem Benefiz-Konzert für Barack Obama kennengelernt, 2001 traten sie in London´s Whigmore Hall erstmals gemeinsam auf, Ende 2015 gingen sie, nach einer gemeinsamen Tournee, ins Studio.
Chris Thile, 36, ist 11 Jahre jünger als Mehldau, er ist Frontman der Bluesgrass-Band The Punch Brothers, hat 2013 aber auch ein Album mit Bach-Sonaten und -Partitas aufgenommen, seit Herbst 2016 fungiert er in der Nachfolge von Garrison Keillor als Gastgeber in der ur-amerikanischen Radioshow „A Prairie Home Companion“.
cover thileMehldau liebt, wie er sagt, die Rolle des Begleiters von Thile und hat sich sogar hinreissen lassen, in „Scarlet Town“ eine Vokalrolle zu übernehmen, erstmals überhaupt.
Thile selbst gefällt durch unprätentiösen Gesang, im opener „The Old Shade Tree“ steigt er vorübergehend auch in die Kopfstimme, freilich nicht so gekonnt wie jüngst Pedro Martins bei Kurt Rosenwinkel.
„The Old Shade Tree“ ist mit seinem rockenden Bluegrass-Zugriff typisch für das Album, „Tallahassee Junction“ von Mehldau mit seinem two-beat-Rhythmus könnte direkt aus einer Western Swing-Bibliothek entnommen sein, „Scarlet Town“ (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Stück von Bob Dylan) stellt den Bluespianisten Brad Mehldau heraus.
Geradezu verträumt „I cover the Waterfront“, ein Jazz-Standard aus den frühen 30er Jahren, wo Thile bis auf das lange Intro und Outro auf sein Instrument überwiegend verzichtet.
Im Instrumental „Independence Day“ von Elliott Smith (1969-2003) ist es voll präsent; wieder so ein Song, wieder so ein Autor, der bei uns kaum bekannt sein dürfte. Smith war beeinflußt von Bob Dylan, er hat dessen „Don´t think twice…“ als Kind von seinem Vater gelernt. Auf CD II findet sich denn auch prompt eine Version davon.
Mit der wundervollen Ballade „Noise Machine“ von Chris Thile schließt CD I (bei einer Laufzeit von gut einer Stunde hätte das Programm auch auf einen Silberling gepasst).
CD II beginnt mit dem flüssig modulierenden „The Watcher“; die Mandoline gerät in dem forcierten Tempo ein wenig ins Hintertreffen. Sie ist deutlicher präsent in Thile´s dynamischem, von riffs durchzogenen „Daughter of Eve“, wo er nach einem langen Vorspiel erst bei knapp 3 Minuten mit Gesang einsetzt.
Joni Mitchell´s Ballade „Marcie“ wird, anders als bei Pablo Held auch vokal vorgetragen. Dylan´s „Don´t think twice…“ nehmen die beiden in forciertem Galopp; „Tabhair dom do Lámh“ schließlich, einen irischen Walzer aus dem frühen 17. Jahrhundert, haben u.a. die Chieftains populär gemacht, er unterstreicht den großen Einfluß der schottisch-irischen Musik auf Americana.

erstellt: 12.02.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten