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KURT ROSENWINKEL Caipi *******

01. Caipi (Rosenwinkel), 02. Kama (Rosenwinkel, Amanda Becker), 03. Casio Vanguard (Rosenwinkel, Loureiro), 04. Summer Song (Rosenwinkel), 05. Chromatic B, 06. Hold on, 07. Ezra, 08. Little Dream, 09. Casio Escher, 10. Interscape, 11. Little B (Rosenwinkel, Amanda Becker)



Kurt Rosenwinkel - g, bg, p, dr, parc, synth, voc, Pedro Martins - von, dr (6), keyb (2,4,6), perc (4), Frederika Krier - v (2,5,10), Andi Haberl - dr (2), Antonio Loureiro - voc (3), Alex Kozmidi - g (3), Kyra Carey - voc (4), Mark Turner - ts (7,9), Eric Clapton - g (8), Zola Mennenöh - voc (10), Amanda Brecker - voc (7,8,9), Chris Komer - frh (11)

rec. ?
Razdaz Records - Heartcore Records

Kurt Rosenwinkel, 46, wird im gemeinen Jazzpublikum nicht in gleichem Maße als Gitarrenheld verehrt wie unter denen, die das Instrument noch lernen - vielleicht bei ihm, am Jazzinstitut Berlin.
Man mag ihn kennen von Gary Burton, von Paul Motian´s Electric Bebop Band, von Brian Blade´s Fellowhip, aber wer wüsste aus dem Stand seinen Stil zu erkennen, ihn vielleicht gar zu beschreiben?
Nach neun Jahren in Berlin ist nun Schluß mit Unterrichten. Und wenn man dem Presstext glauben darf, dann muss Rosenwinkel parallel die ganze Zeit, „10 Jahre lang“, an diesem Album gearbeitet haben. Als Entstehungsort sind die Heartcore Studios in Berlin angegeben, auch das Label ist danach benannt.
Rosenwinkel spielt fast alles selbst, hat aber auch zahlreiche Gastrollen verteilt, die prominenste an Eric Clapton in „Little Dream“ für ein kurzes Solo.
cover Rosenwinkel caipiDer erste Eindruck, das Titelstück, dürfte all jene irritieren, die Rosenwinkel als Jazz- und auch Jazzrock-Gitarrist in Erinnerung haben: „Caipi“, na gut ein Stück im Bossa Nova-Rhythmus.
Aber der Rhythmus hier hat nichts von der Leichtigkeit, von dem Charme der Ausführungen, die die brasilianischen Urheber seit den frühen 60er Jahren in alle Welt streuen.
Rosenwinkel lässt am Klavier einen 3/2 Rhythmus in die Tasten fallen, als müssten wir dazu wie auf dem Markt von Alkmaar tanzen, in Holzschuhen.
Volker Kriegel (1943-2003) hätte gerufen „es klemmt!“.
Und es klemmt gauch an anderen Stellen auf diesem Album (in „Summer Song“, in „Ezra“), sodass man sich bei einem Künstler dieser Klasse fragen muss, ob das eben nicht Fehler, sondern Gestaltungsmittel ist, eine Art von micro timing gewissermaßen (ja, in der Tat, Daniel Martin Feige & Co lassen an dieser Stelle diesen ganz anderen Gedanken in uns aufsteigen…), zumal das timing im Generellen ja stimmt.
Und, Rosenwinkel immer wieder mit melodisch-ryhthmischen Zwischenspielen dazwischenfährt.
Schon bald nämlich tritt der „lahmende“ Rhythmus im Eröffnungstrack in den Hintergrund, die Aufmerksamkeit wird gefesselt von den melodischen Entwicklungen. Die sind im Brasilanischen verwurzelt („Caipi“!), verdanken aber in ihrer Parallelführung aus Stimme und Instrument(en) (immer auf gleichen Tonhöhen) viel den entsprechenden Aufnahmen von Pat Metheny.
Spätestens mit „Karma“, dem zweiten Stück, kann man sich dem melodischen Flair einfach nicht mehr entziehen.
Es singt der Hausherr und der zweite Multiinstrumentalist, Pedro Martins; später singt auch Amanda Brecker, die Tochter von Randy Brecker und Eliane Elias, und sie singt portugiesisch. Wenn die Coverangaben stimmen, dann muss freilich Pedro Martins in „Kama“ eines erstaunlichen Kopfstimmengesanges fähig sein.
Ebenfalls Antonio Loureiro in „Casio Vanguard“, einem munteren Stück Brasil Pop, das gleichfalls von Pat Metheny stammen könnte. Dieser Einfluß erscheint übermächtig, selten in der Stimmführung der Gitarre(n), weitaus mehr in der Melodik und der opulenten formalen Ausschmückung.
Ja, Rosenwinkel hat ein „Händchen“ für Kantilenen, sie verdichten sich später in zwei ausgesprochenen Ohrwürmern: „Hold on“, ist eine Hippie-Hymne, deren Text man gar nicht weiter nachgehen möchte; aber der Refrain hat was: er hat alles, was es braucht, um bei einer Party alle Anwesenden spontan in einem Gruppengesang zu vereinen.
Rosenwinkel ist ein kunstloser Sänger; nicht auszudenken, was eine charismatische Stimme aus diesem Stück noch machen kann…
„Ezra“ ist nicht nur eine Ballade, sie kühlt ab, insbesondere durch das Tenor von Mark Turner, der dem bräsigen Stück auch keine Kontur zu geben vermag.
Dann kommt der track, den viele wohl als ersten ansteuern, weil sie lesen, dass Onkel Erich daran mitwirkt (freilich nur mit einem kurzen, bestens anpassten Gitarrren-Solo, das außer gutem timing keinerlei spezielle Meisterschaft verrät.)
„Little Dream“ ist der absolute Höhepunkt des Albums, eine Art Rock-Bossa mit Westcoast-Obertönen - und einer Melodik, die absolut narrisch macht, eine Kantilene im Quadrat!
Das Intro bestich durch eine fallende Linie, die Rosenwinkel von Nick Drake (1948-1974) bezogen haben könnte, das Thema dann von einer Leichtigkeit, Luftigkeit, Beschwingtheit, wie sie der Schlagzeuger Victor Lewis vor Jahren gegenüber „jazzcity“ (WDR5) einem Song von Pat Metheny zugeschrieben hat („See the World“, aus „Secret Story“, 1991).
Ein schöner Nachklapp dann noch „Interscape“; der trashige Rhythmus im Intro entzückt durch eine Figur, die uns noch einmal bei Walter Becker (Steely Dan) nachhören lässt, seinem herrlich verkappten Blues „Hat too flat“ (aus „11 Pieces of Whack“, 1994).
Kurt Rosenwinkel´s „Caipi“ ist wieder so ein Beispiel, wo Jazzmusiker den besseren Pop machen. Selten hat eine Produktion mit Problemstellen einen solchen Spaß bereitet!

wird am 10.02. veröffentlicht

erstellt: 20.01.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten