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ROBERT GLASPER EXPERIMENT ArtScience *******



01. This is not Fear (Hodge, Glasper, Benjamin, Colenburg), 02. Thinkin about you (Glasper, Hodge, Ayers), 03. Day to Day (Benjamin), 04. No one like you (Glasper, Benjamin), 05. You and me (Polenburg, Glasper, Hodge, Benjamin), 06. Tell me a Bedtime Story (Hancock), 07. Find you (Hodge, Glasper, Benjamin, Colenburg), 08. In my Mind (Glasper, Colenburg), 09. Hurry slowly (Benjamin), 10. Written in Stone (Benjamin, Lake, Glasper, R. Coleman), 11. Let´s fall in Love (Glasper, Vozimer, Niambi), 12. Human (Harris, Lewis)



Robert Glasper - keyb, p, ep, voc, Derrick Hodge - b, bg, voc, Casey Benjamin - ss, as, keyb, vocoder, Mark Colenburg - dr, perc, voc, Jahi Sundance - turntables (1,11), Michael Severson - g (4,7,9,10)



rec. 2016 (?)

Blue Note 00602547970503

DERRICK HODGE The Second ***

01. The Second (Hodge, Colenburg), 02. Transitions (Hodge), 03. Song 3, 04. You believed, 05. World go round, 06. Heart of a Dreamer, 07. Underground Rhapsody (Hodge, Colenburg), 08. Clock Strike Zero (Hodge), 09. For Generations, 10. Don Blue, 11. Going, 12. From me to you

Derrick Hodge - b, bg, g, dr (1), keyb, perc, voc (12), Mark Colenburg - dr (1,7,11)
Keyon Harrold - tp (9), Marcus Strickland - ts (9), Corey King - tb (9)

rec. 2016 (?)

Blue Note 0602547746627

Um die - teilweise - beachtliche Qualität seiner jüngsten Produktion genießen zu können, empfiehlt sich, den Lautsprecher, die Einlassungen von Robert Glasper zu diesem & jenem 70 Minuten lang zu vergessen.
Denn gemessen an seinen Verlautbarungen müsste er längst ein vollends überzeugendes Album vorgelegt haben; wenigstens aber ist er - wie es heute gerne tönt - „auf gutem Weg“ dahin.
„Art Science“ klingt wie eine Fortsetzung der beiden „Black Radio“-Alben, aber mit beträchtlichen Unterschieden: ein (mehr) jazz-getränkter Rhythm & Blues mit betörenden Grooves, diesmal ohne „prominente“ Gäste und weniger covers (lediglich Human League und Herbie Hancock).
In dieser Soulwelt hat er ein paar nuggets platziert, die seinen musikalischen Sonderstatus rechtfertigen und die - führe er so fort - demnächst ein 10-Sterne-Album erwarten lassen.
cover glasper artDas geht los mit der Bandvorstellung über Musik in track 1 (Glasper liebt diese Dramaturgie); nur dass er diesmal den allfälligen HipHop-Groove, hammerhart, in einer langen Kreuzblende aus einem uptempo swing herauswächsen lässt. Und der ist wirklich amtlich gespielt.
Es folgen zwei Soul-Nummern, darunter könnte „Day to Day“ auch aus dem Disco-Katalog von Herbie Hancock stammen, die Fender-Rhodes-Floskeln tun es definitiv.
Und dann wird´s wieder interessant:
„No one like you“, hohes Tempo, „Specht“ auf dem Rand der snare drum (rimshots), der übliche Soul-Gesang („I´ve been searching for a long time, can´t find someone like you“).
Casey Benjamin ist als Sänger vollauf genügend und auch als Saxophonist überzeugend - ihm kommt eh eine Glanzrolle zu in dieser Produktion.
In „No one like you“ spielt er ein engagiertes Solo auf dem Sopran,  und Mark Colenburg lässt los: die Begleitung wird zunehmend komplexer. Der Chef folgt mit einem Piano-Solo, er nimmt das Tempo heraus und mit Colenburg ergibt sich eine ausgewachsene Jazz-Interaktion in wunderbaren Akzentverschiebungen.
Von ähnlicher Architektur, einer hellwachen Jazz-Rhythmusgruppe mit vokalem Soul-Schmelz obenauf, erstrahlt der Hancock-Klassiker „Tell me a bedtime Story“ (1969). Philip Bailey hat 2001 schon einiges aus dieser lasziven Ballade gemacht, Glasper nutzt sie gleichfalls als Einladung für allerlei rhythmische Injektionen.  Benjamin´s Stimmdopplung, einmal im Original, danaben mit Vocoder, also stimmgesteuerten Synthie-Sounds, gibt der Melodie eine ganz spezifische Färbung.
Und dann kommt der Höhepunkt der gesamten Produktion, fast möchte man sagen, das Stück, das die Anschaffung allein schon lohnt: „Find you“, eine irrwitzige Mischung aus
R & B, Police und ProgRock - die in diesem Jahr verstorbenen ELP-Mitglieder Keith Emerson und Greg Lake hätten ihre helle Freude daran.
Das Stück beginnt mit einer simplen Figur wie aus der legendären Roland drum machine TR-808, 7 Takte in 2/4.
Dann startet die Rhythmusgruppe in einem Achtelrhythmus a la Police, und nur an den gelegentlichen Ride-Cymbal-Akzenten von Mark Colenburg lässt sich ablesen, dass der Rhythmus nun auf 10/8 umschaltet.
Sänger ist diesmal Derrick Hodge, der Text wiederum banal.
Den Einschub nach der 1. Strophe erwartet kein Mensch: ein Orgel-vamp wie im ProgRock, Marke Emerson, Lake & Palmer. Das Motiv ist denkbar kurz, es erklingt viermal (er erscheint wenig später gestreckt auf einen Takt).
Und dann noch ein Dreh um 180 Grad: ganze 5 beats HipHop im halben Tempo.
Der Gitarrist Michael Severson spielt ein ausgreifendes Solo in bester ProgRock-Manier, nun quer über die drei Grund-Grooves dieses Stückes. Es führt in eine „dunkle“, weil klangfarblich gefilterte Soul-Coda (ein beliebtes Stilmittel von Robert Glasper).
Nicht genug damit, das Stück wird noch einmal aufgeblendet für seine Tochter Riley Glasper, 7, die in gekünstelter Manier eine bessere Polizei fordert:
„Wenn ich nächsten Freitag, Samstag oder Sonntag noch mal über Polizeigewalt im Fernsehen sehe, dann werde ich aber richtig wütend.“ Das ist dermaßen politisch-korrekte Kinderarbeit, dass man nicht mal darüber lachen mag.
(Glasper hat eine ziemlich bräsige Version des Stückes in Leverkusen 2016 gespielt, die im YouTube-Video von der Studiorafinesse weit entfernt ist.)
Der folgende Instrumentaltrack „In my Mind“ klingt wie ein Nachgedanke zu „Tell my a bedtime Story“, in anderen Worten: sehr Hancock´isch. Auch hier wieder eine extra aufgeblendete Coda mit allerlei off beat-Verzierungen über einem keyboard-loop.
Mit track 10, „Written in Stone“ kehrt noch einmal eine Police-Figur zurück, jetzt in einer Gitarren-Figur a la „Roxanne“, der Rhythmus hat nix von Stewart Copeland.
Die beiden letzten Stücke schließen nostalgisch an die Vocoder-Spielereien von Herbie Hancock in den frühen 80ern an, „Let´s fall in Love“ als Soul-Ballade, „Human“ als cover der britischen Human League.
Kann man in Kauf nehmen nach den massierten Höhepunkten in der Mitte des Albums.
cover hodge 2„The Second“ ist das korrekt so bezeichnete zweite Album von Glasper-Bassist Derrick Hodge (der in Leverkusen 2016 fehlte, was man der Performance anmerken konnte.)
Im Gegensatz zu seinem Erstling „Live today“ ist dies nun beinahe ein Solo-Album, Hodge hat lediglich in drei tracks Mark Colenburg an seiner Seite, einem weiteren (9) drei Bläser.
Er traut sich viel zu, instrumental-
technisch, aber kompositorisch bleibt das Album wie sein Vorgänger skizzenhaft.
Man weiß nicht recht, was er will, vieles klingt nach Aufwärmübungen, bevor man the real thing in Angriff nimmt. Produktionstechnisch ist er geradezu verliebt in rückwärts laufende sounds, aus manchem könnte man was machen, z.B. aus dem funky 8/8-Rhythmus in „Underground Rhapsody“, der groovt wie jeck und von Colenburg mit allerlei beat discplacements unterlegt wird.
Er zitiert diverse Genres: psychedelic a la Hendrix („Axis bold as Love“) ind „Transitions“, eine New Orleans Funeral-Melodie in „For Generations“ (mit den drei Bläsern).
„Don Blue“ kommt „spanisch“ in 6/8 daher und ist eine Widmung an Blue Note-Boss Don Was. „Going“ wirkt wie die  halb-fertige Rhythmusspur zu einem Robert Glasper-Stück, und zum Abschluß singt Hodge auch.
Er sollte, um diese Produktion zu komplettieren, sie an Re-Komponisten und Remixer weiterreichen.

erstellt: 12.12.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten