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CUONG VU TRIO meets Pat Metheny ********

01. Acid Kiss (Cuong Vu), 02. Not Crazy (just giddy upping), 03. Seeds of Doubt, 04. Tiny little Pieces, 05. Telescope (Metheny), 06. Let´s get back (Vu), 07. Tune Blue (d´Angelo)

Cuong Vu- tp, Stomu Takeishi - bg, Ted Poor - dr, Pat Metheny - g, g-snyth

rec. 04.-06.02.2015

Nonesuch 0075597946680

In der vita von Cuong Vu, geboren 1969 in Saigon, wird gern seine Mitwirkung an zwei Alben mit Pat Metheny herausgestellt („Speaking of now“, 2001, und „The Way up“, 2003). Das ist verständlich; die Referenz zur Prominenz ist eine sichere Bank, sie unterlegt einen kaum vertrauten Namen rasch mit Bedeutung.
Weit früher als bei Metheny hat der in Seattle aufgewachsene Trompeter aber bei Bobby Previte gastiert (1996), und - wie die JC-Datenbank ausweist - auch bei Nils Wogram („Odd and Akward“, 2000).
Das ist insofern nicht ohne Witz, als neben Pat Metheny nämlich mit Ted Poor, dr, ein on-and-off-Mitarbeiter von Wogram hier auftaucht (er springt bei Root 70 gelegentlich für Jochen Rückert ein, qualitativ gleichfalls ein starkes Zeichen).
Cuong Vu, das sei eingeräumt, hat in der JC gleichwohl nie so recht Begeisterung hervorgerufen - das ändert sich schlagartig mit diesem Album! Es vermisst zwar die Landschaft nicht neu, im Großen und Ganzen eine Art Jazzrock mit Varianten, aber interpretatorisch enthält es Glanzleistungen.
cover cuong methenyDer opener, gut 9 Minuten lang, startet mit einem offenen, sich mehr und mehr verdichtenden rubato, das nach der Hälfte der Zeit von Baßgitarre und Schlagzeug in einen mächtigen Groove überführt wird. Nicht zufällig hat Vu zuvor seinen mit allerlei Luft aufgerauten Ton abgelegt und ist mehrstimmig in ein an „Bitches Brew“ erinnerndes Trompeten-Echo gewechselt.
Die Rhythmusgruppe pumpt also schon hochtourig - als Pat Metheny mit seinem Gitarren-Synthesizer einsteigt.
Leute, die - wie Adrian Kreye in der SZ - Metheny notorisch als „Schönspieler“ unterschätzen, werden an solchen Stelle nervös und kippen in ein falsches Lob um („…Metheny ist ja immer dann am besten, wenn er sich der Gitarre wie einem Saxophon nähert…“).

Abgesehen von Spitzen des Aufschreiens, die auch auf dem Saxophon wie auf etlichen anderen Instrumenten die Jazz-Ästhetik markieren, tut Metheny hier nichts als das, was er seit Jahrzehnten tut:
er bedient sein Instrument in bestmöglicher Art, er bedient es gitarristisch. Und er bedient es mit großen Gespür für Drama & Architektur, auf dem Höhepunkt mit Ted Poor und einer Art Al Foster-backbeat.
Was die Kreyes vollends aus den Schuhen kippt, ist, wie Pat Metheny sich später, in track 7, mit einem Blues-Solo aus dieser Produktion verabschieden wird.
„Not crazy…“ wechselt das Genre und geht in einen schnellen broken swing; der prominente Gast hat das erste Solo, Cuong Vu folgt mit einem ungewöhnlich flüssigen Lauf, wiederum mit viel Luftbeimischung, das ihn eher bei Thomasz Stanko denn bei Don Cherry ansiedelt.
Es folgt die Ballade „Seeds of Doubt“ sowie das gleichfalls balladesk startende „Tiny little Pieces“, das sich im weiteren Verlauf mit einem mächtigen crescendo auflädt. Vu erweitert auch hier seinen Ton um Echos. Das Stück dauert gut 10 Minuten, ab 6:15 übernimmt Metheny die Regie mit einem Gitarrengewitter, das die beiden Melodiker mit einer Kantilene abschließen.
Melodisch eingängig beginnt auch der Gastbeitrag von Pat Metheny, „Telescope“, und man weiß zunächst nicht recht, ob man die rhythmische Begleitfigur für einen 6/4-Groove halten soll. Zu oft wechseln die Betonungen.
Hier folgt der Gast als zweiter mit einem Solo, das man für ihn „typisch“ halten kann.
Bei 4:52 aber setzt er eine Zäsur, Metheny fährt, naja das „Telescope“ aus! Er haut einen vamp aus den Saiten wie weiland in der Beatmusik, und Cuong Vu segelt oben drüber wie Manfred Schoof („Mr. Second“) in seinen besten Zeiten.
Das Ganze dauert nur 21 Sekunden - und ruft den beat detector in uns wach! Wiederholtes Hören ergibt: der vamp steht in 10/8, wird aber nur achteinhalb Takte auch so gespielt. „Telescope“ klingt wunderbar aus mit reverse sounds a la Bill Frisell über dem Anfangsrhythmus.
Es schließt sich an eine Ballade „Let´s get back“ im Stile eines langsamen Marsches.
Zum Schluß schlägt Vu mit d´Angelos „Tune blue“ einen Bogen zum opener. Auch hier ein gebrochener Groove (eher ein broken shuffle) mit Postbop-Thema, nun aber in Blues-Form. Der „parched tone“ (der trockene Ton), den ein down beat-Kritiker bei Cuong Vu gehört haben will, tritt in seinem Solo deutlich hervor, die Rhythmusgruppe unterstützt mit ständig variierenden Figuren, ab 3:40 übernimmt Pat Metheny.
Und wer dann hier noch eine „Nähe zu Saxophonisten“ hört, der muss die nächste HNO-Klinik aufsuchen. Der „Schönspieler“ greift zunächst den „trockenen“ Ton von Vu auf und holt dann ein Mittel nach dem anderen aus dem großen Handwerkskasten, mit denen man einen Ton blues-mäßig absaufen lassen kann.
Wer´s gar nicht abwarten kann, dem seien hier die Daten für die Repeat-Tasten genannt: 3:38 bis 5:50.

erstellt: 25.06.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten