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JOACHIM KÜHN NEW TRIO Beauty & Truth ****

01. Beauty and Truth (Ornette Coleman), 02. The End (Doors), 03. Because of Mouloud (Joachim Kühn), 04. Sleep on it (Stand High Patrol), 05. Intim (Joachim Kühn), 06. Transmitting,  07. Summertime (Gershiwn),  08. Riders on the Storm (Doors),  09. Machineria (Joachim Kühn), 10. Sleep safe and warm (Komeda), 11. Kattorna, 12. Blues for Pablo (Gil Evans)



Joachim Kühn - p, Chris Jennings - b, Eric Schaefer - dr

rec. 07. + 08.07.2015
ACT 98162

Joachim Kühn hat ein neues Trio.
Das ist für den deutschen Jazz ein eminentes Thema. Hat doch der Vorgänger, wie Kühn nachhält, „über 30 Jahre existiert“, nämlich das Trio mit Daniel Humair, dr, und Jean-Francois Jenny-Clarke, b, (1944-1998), das zugleich zu einem Spitzenensemble des europäischen Jazz avancierte.
Heute wird Joachim Kühn 72. Vor zwei Jahren, anlässlich seines Siebzigsten, kamen noch einmal zwei Live-Dokumente jenes historischen Trios heraus, Konzerte vom Jazzfest Berlin 1985 und 1987.
Das neue wird sich also an dem alten messen müssen. Selbstverständlich ist der Anspruch ein anderer.
Aber wenn man liest, der Pianist habe mit seinem Produzenten Siggi Loch „alte, bekannte und ungewöhnliche Stücke ausgesucht“, und noch dazu einen Titel von Ornette Coleman („Beauty & Truth“) als Arbeitsmotiv verstehen wollen („...zur Essenz der Komposition vorzudringen, ihre innere Wahrheit zu entdecken und wahre Schönheit herauszukehren“) -
dann zeichnet sich dieser Anspruch nicht durch Bescheidenheit aus.
Mit der neuen Rhythmusgruppe wird man in Deutschland und Frankreich (lange Kühn´s Wahlheimat) Unterschiedliches verbinden: Eric Schaefer ist uns seit Jahren aus dem Trio von Michael Wollny, aber auch mit eigenen Produktionen vertraut.
Der Kanadier Chris Jennings hingegen ist ganz gut in Paris, wo er seit 2002 lebt, vernetzt, er spielt z.B. auch in Nguyen Le´s neuem Fire & Water Trio.
Jennings & Schaefer sind mindestens eine Generation jünger als der Bandleader, das ist in Jazzmusiker-Kreisen nicht ungewöhnlich. Aber was wollten Kühn & Loch den beiden wohl zeigen mit diesem Repertoire?
Kann als „ungewöhnlich“ durchgehen, fast 50 Jahre später die Doors aufzugreifen, oder „Summertime“ oder „Blues for Pablo“ (aus Miles Davis´ „Miles Ahead“, 1957) oder „Sleep warm and safe“ aus dem Film „Rosemarie´s Baby“ (1968)?
Eric Schaefer, so liest man, habe „Sleep on it“ der Reggae-Dub-Gruppe Stand High Patrol mitgebracht, das dürfte die zeit-naheste unter den Fremdkompositionen dieser Produktion sein.
Andererseits ist Zeitgenossenschaft, gerade im Jazz, keine Frage des Kompositionsdatums, sondern der Interpretation. Wenn Django Bates im Herbst 2016 Sergeant Pepper auseinandernehmen und wieder zusammenbauen wird, wird der runde Geburtstag der Vorlage bestenfalls Anlass sein (den man während der Durchführung schon wieder vergisst).
cover Kuhn beautyJoachim Kühn beginnt solo mit einem Verweis auf einen kurzen, aber bedeutenden Teil seiner Karriere: er spielt ein Stück von Ornette Coleman, der in den späten 90ern vier Jahre ausschließlich mit ihm gearbeitet hat.
Und dann kommt der Elchtest: 48 Jahre nach dem Original nehmen sich die drei in einem Studio in Ludwigsburg einen mystischen Schinken der 60er Jahre vor, „The End“ von den Doors.
Was könnte man da schwelgen und paraphrasieren oder auch das Gegenteil tun, nämlich verknappen, verfremden, aus dem Zusammenhang reissen...
Aber was hören wir? Den Bass in einem Reggae-Muster, einen Rockbeat, der sich brav um ein paar Varianten bemüht, und einen Pianisten, der darauf kaum eingeht. Er wechselt mal kurz die Tonart, zitiert seine typischen Ketten und Triller.
Und wenn man sich lösen könnte, wenn man abheben könnte - ist alles vorbei. Nicht mal mehr das Schlussthema erklingt.
Joachim Kühn in knapp vier Minuten, meist bleibt er drunter - das kommt der Kastration eines Künstlers nahe, der für seine Ausschweifungen am Instrument bekannt ist.
Und so geht das in einem fort, kaum etwas wird wirklich entwickelt, "innere Wahrheit" und "wahre Schönheit" in weiter Ferne ... bis der Schlusstrack erreicht ist, mit 8:31 der längste.
„Blues for Pablo“ von Gil Evans, mit dessen melodischer Sparsamkeit und Offenheit wissen die drei etwas anzufangen. Endlich sind sie in einem offenen binären Groove (die anderen binären, die zahlreichen Rock-Patterns, gelingen ihnen kaum, es groovt nicht), endlich zeigen sie Momente von Interaktion, endlich gewinnt Kühn Raum für seine rasanten Kurzläufe.
Früher, mit Humair und Jenny-Clarke, wäre er eine halbe Stunde darauf herumgeritten - und wir hätten uns keinen Moment gelangweilt.

erstellt: 15.03.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten