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SONNY ROLLINS Holding the Stage, Road Shows Vol. 4 ****

01. In a sentimental Mood (Ellington), 02. Professor Paul (Rollins), 03. Mixed Emotions (Louchheim) , 04. Keep hold of Yourself (Rollins), 05. Disco Monk, 06. You´re mine you (Heyman, Green), 07. H.S. 08. Sweet Leilani (Owens), 09. Solo (Rollins), 10. Don´t stop the Carnival

Sonny Rollins - ts, Clifton Anderson - tb (4,6,8,10), Stephen Scott - p (4,6,8,10), Mark Soskin - p (5), Peter Bernstein - g (2), Bobby Broom - g (1,7) Saul Rubin - g (3), Bob Cranshaw - bg (1,2,4,6,7,8,10), Jerome Harris - bg (5), Jerome Jennings - dr (1), Kobie Watkins - dr (3), Harold Summey jr - dr (4), Al Foster - dr (5), Perry Wilson - dr (6,8,10), Victor Lewis - dr (7), Kimati Dinizulu - perc (1,6,7,8,10)), Sammy Figueroa - perc (2), Victor See Yuen - perc (4)


rec. 1979 - 2012
Okeh Doxy 88875192752

Diese Produktion bietet reichen Diskussionsstoff für unsere Freunde aus der Jazz-Philosophie und aus der Produktionstechnik.
Der Anlass dazu, sagen wir es vorneweg, ist meist unerfreulicher Natur.
Beginnen wir mit letzteren, mit den Produktionsästheten.
cover rollins stageSie werden ihren Ohren kaum trauen, wenn sie track 5 ansteuern, „Disco Monk“: dass Mark Soskin im Juli 1979, beim Pori Festival in Finnland, ein Klavier bedienen musste, wie es einem Hans Albers-Film der 50er Jahre gut angestanden hätte, ist schlimm. Unverzeihlich aber, dass man - und das ist neben Sonny Rollins ein Produzent namens Richard Corsello - eine Aufnahme mit einem so verstimmten Instrument für veröffentlichungswert hält.
Track 9, „solo“, ist eine gut fünfminütige Solo-Kadenz aus dem September 2001, aus einem Konzert in Boston. Rollins beginnt mit Fragmenten aus der französischen Nationalhymne und streift dabei auch das gleichfalls französische „Jean Pierre“ von Miles Davis.

Fast jeder Ton aber wird von einem dunklen Klopfen begleitet, als schlage jemand auf Holz mit. Eine Zumutung. Die sich vermutlich damit erklärt, dass Rollins auf dem Schalltrichter seines Tenorsaxophons ein Mikrofon montiert hat und der gute Richard Corsello, ja er zeichnet auch als Toningenieur verantwortlich, den Körperschall der Klappengeräusche nicht hat wegfiltern können.
Eines Musikers, der seit 1956 als „Saxophone Colossus“ durchgeht, nicht zu unrecht, ist das unwürdig.
Die hier kompilierten Live-Aufnahmen umfassen eine Zeitspanne von 1979 bis 2012. Bei der jüngsten Aufnahme, „Professor Paul“ (Marseille, Juli 2012) ist Sonny Rollins 82 Jahre alt. Dass er nicht mehr mit der Flüssigkeit seiner frühen Jahre improvisiert, muss man ihm nachsehen - Miles Davis hat schon sehr viel früher in einem Maße fehlerhaft gespielt, dass man seine Ausrutscher kaum mehr mit der „retrospektiven Ästhetik des Jazz“ wegdiskutieren konnte, sondern der Satz galt: „Fehler ist, was im Laufe einer Performance Fehler bleibt“.
Aber, Miles Davis hat sich auch in seinen schwächsten Momenten nie von einer solchen Langeweiler-Combo begleiten lassen wie hier Sonny Rollins in „Professor Paul“. Wenn die Freizeitkapelle der Mitarbeiter des Jobcenter Schweinfurt-Ost einen medium funk zünden, klingt er wahrscheinlich nicht viel griesgrämiger als hier mit Peter Bernstein -, Bob Cranshaw - bg, Kobie Watkins - dr und Sammy Figueroa - perc.
Auch das unterscheidet Sonny Rollins von Miles Davis: dass er selten einen Mitspieler von Statur neben sich hat. In dem schnellen Blues „Keep hold of yourself“ (Paris, Oktober 1996) ist das Stephen Scott - p.
Und Zufall oder nicht, hier wie auch in einem weiteren Blues („H.S.“, für Horace Silver, Toulouse, Mai 2006)) gelingen Rollins Momente, die anzeigen, warum es sich hier um einen Musiker von jazz-historischem Format handelt. Insbesondere ins „H.S.“ gelingen ihm dichte Phrasenketten, aus denen er sich bis in ein fast Schalmeien-haftes Kreiseln emporschraubt.
Auch hier ist Form eine zigtausendfach erprobte - aber ein Begleiter wie Victor Lewis - dr kann auch daraus, wie früher auch bei Stan Getz, noch kleine Funken schlagen.
Dem Publikum gefällt´s. Es ist, dem Beifall zufolge, jeweils zu Tausenden versammelt und hat - Hallenakustik ist gnädig - vermutlich vieles nicht gehört, was jetzt den Nachvollzug vom Tonträger so trübt.

 erstellt: 12.03.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten