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NORBERT STEIN PATA MESSENGERS play Rainer Maria Rilke - Das Karussell ******

01./02. Wie soll ich meine Seele halten (Rilke, Stein), 03./04. Fragst du mich: Was war in deinen Träumen, 05./06.Graue Liebesschlangen, 07./08. Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen, 09./10. Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehen, 11./12. Einmal, am Rande des Hains, 13./14. Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, 15./16. Das Karussel

Norbert Stein - ts, Nicola Hein - g, Joscha Oetz - b, Etienne Nillesen - snare drum, cymbal, Ingrid Noemi Stein - rez

rec. 06/2015
Patamusic Pata 22

In die stolze Gruppe derer, die mit ihrem Nachwuchs musizieren können, reiht sich mit dieser Produktion Norbert Stein ein. Er betritt freilich nicht die Vater & Sohn-Abteilung (die immer mal wieder Anlass zu Radiosendungen gibt), sondern die weitaus seltenere Vater & Tochter-Variante.
Ingrid Noemi Stein, 27, ist ausgebildete Schauspielerin, derzeit am Staatstheater Kassel, u.a. in der Titelrolle von „Antigone“, zur Musik von Dirk Raulf (seinerzeit Nachfolger Norbert Steins in der Kölner Saxophon Mafia).
Sie liest für diese CD-Produktion Texte von Rainer Maria Rilke.
Empfindsamen Ohren (vulgo: Hirnen) fällt auf, dass sie das in einem anderen Studio tut als der Vater. Während dessen Tenor-Ton in allen Nuancen strahlt, die die Mikrofone der Hansahaus Studios zu Bonn weiterleiten können, klingt die Tochter, aufgenommen irgendwo in Kassel, mau.
Ihrer Stimme fehlt Präsenz, sie tönt mittenbetont, deutlich komprimiert, und unter Kopfhörern bemerkt man einen Raum, der es mit der Eleganz des Hansahauses nicht aufnehmen kann.
Das ist schade, denn der Rezitatorin Stein nimmt es manches von ihrer Wirkung und stellt auch klanglich das Konventionelle der ästhetischen Lösung heraus. „Das Karussell“ folgt dem uralten Jazz & Lyrik-Muster: erst Text, dann Musik.
Man kann zum Vergleich die bahnbrechenden Arbeiten von Heiner Goebbels heranziehen, der am nachdrücklichsten die text-illustrierende Funktion der Musik zugunsten einer assoziativen Ästhetik verabschiedet und die beiden Ausdrucksformen häufig in ein Verhältnis bringt, das man als Konfrontation verstehen kann.
Auch beim Komponisten Norbert Stein, der immerhin die NDR Big Band bewegen konnte, seine graphisch-notierten Partituren umzusetzen („Graffiti Suite“, 2007), überrascht die Biederkeit des Ansatzes.
Nun ist der Bezug der Musik zur Lyrik Produkt subjektiver Entscheidungen des Norbert Stein, jeder andere Komponist käme zu anderen klingenden Resultaten. Es gibt keine allgemein gültige Übertragung der Semantik der Rilke´schen Worte (wenn man sie denn erkennt) in ein anderes Medium.
Die Song-Form (wie auch die Collage a la Heiner Goebbels) löst das Problem auf engstem Raum, in realtime: beides erklingt zugleich. Textfragmente verbinden sich mit musikalischen Mustern; das bekommt mitunter eine Suggestion, der man sich nur schwer entziehen kann.
cover pata rilkeNorbert Stein hat sich sozusagen für eine nach-schöpfende Methode entschieden: die Musik „hört“ aus dem Text Strukturen heraus, die sie mit ihren Mitteln nachstellen will. Das können Melodie-Rhythmen sein, die sich auf Silben-Strukturen stützen, wie unschwer in mehreren Stücken zu erkennen.
Und übrigens, wie unschwer mit der ohnehin kantilenen-, häufig sprach-artigen Melodik von Norbert Stein zu vereinbaren.
Ein Problem dieser nach-schöpfenden Methode ist, dass sie - obwohl sie die Aufeinanderbezogenheit der beiden Kunstformen propagiert - beide doch in ihrer Eigenständigkeit betont.

Mit anderen Worten, ist die Lyrik verklungen, übernimmt die Musik die Regie über die klanglichen Eindrücke, sie entfaltet ein Eigenleben und drängt Rilke´sche Empfindungen beseite. Immerhin haben wir es hier mit einem profilierten deutschen Jazzkomponisten zu tun, dem zurecht dank seiner hymnischen Melodik ein Alleinstellungsmerkmal zugeschrieben wird.
Er kann antreten, mit welchem Ensemble auch immer: wo Norbert Stein draufsteht, erklingt immer auch Norbert Stein.
Von wievielen Jazzkomponisten in diesem Lande kann man das sagen?
Kommt hinzu, dass Stein seiner Pata Music diesmal die Zügel sehr locker lässt, soviel free war lange nicht mehr. Im Titelstück lässt Nicola Hein ein Solo los, das eine Weile seine Herkunft aus der elektrischen Gitarre verschleiert und zunächst betörend wie ein verzerrter, gestrichener Kontrabass wirkt.
„Pata Messengers play Rainer Maria Rilke“?
Mostly they play themselves.

 

erstellt: 31.01.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten