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WEATHER REPORT The Legendary Live Tapes: 1978-1981 ****

CD 1 - The Quintet: 1980 + 1981
01. 8:30 (Zawinul), 02. Sightseeing (Wayne Shorter), 03. Brown Street (Zawinul, Shorter), 04. The Orphan (Zawinul), 05. Forlorn, 06. Three Views of a Secret (Pastorius), 07. Badia/Boogie Woogie Waltz (Zawinul), 08. Wayne solo (Shorter), 09. Jaco Solo (Pastorius)

CD 2 - The Quartet: 1978
01. Joe and Wayne Duet (Duke Ellington), 02. Birdland (Zawinul), 03. Peter´s Solo (Erskine), 04. A Remark you made (Zawinul), 05. Continuum/River People (Pastorius), 06. Gibraltar

CD 3 - The Quintet: 1980 + 1981
01. Fast City (Zawinul), 02. Madagascar, 03. Night Passage (Zawinul), 04. Dream Clock , 05. Rockin´in Rhythm (Ellington, Carney, Mills), 06. Port of Entry (Shorter)

CD 4 - The Quartet: 1978
01. Elegant People (Shorter), 02. Scarlet Woman (Zawinul, Shorter, Alphonso Johnson), 03. Black Market (Zawinul), 04. Jaco Solo (Pastorius), 05. Teen Town, 06. Peter´s Drum Solo (Erskine). 07.Directions (Zawinul)

Joe Zawinul - keyb, Wayne Shorter - ss, ts, Jaco Pastorius - bg, Peter Erskine - dr, Robert Thomas - perc (CD 1+3)  

rec. 1978-1981
Columbia Legacy 88875141272

Es herrscht nicht unbedingt Mangel an Weather Report Live-Aufnahmen. Wohl aber herrscht Mangel an Aufnahmen, die - wie die Studio-Produktionen - auch auf der Bühne den historischen Rang dieser Jazzrock-Combo bezeugen.
Dabei hat die Gruppe mit „Live in Tokyo“, 1972, in dieser Hinsicht schon früh einen Standard gesetzt. Das freilich war in der vor-elektronischen Zeit, als Josef Zawinul (1932-2007) mit Piano und Fender Rhodes E-Piano sich begnügte und noch nicht in einer keyboard-Wagenburg sich eingeigelt hatte.
In der Folge geriet Wayne Shorter, den man immer als Co-Leader verstanden hatte, akustisch mehr oder weniger ins Abseits. Es ist keineswegs verwegen zu sagen, dass das, was den Ton dieses großen Saxophonisten ausmacht, in den 16 Jahren Weather Report, von 1970 bis 1986, wenig angemessen dokumentiert ist.
Wer in diesen Tagen, wo es sich empfiehlt, anlässlich des 50. Jahrestages noch einmal Miles Davis´ „Live at the Plugged Nickel“ heranzuziehen, das auch damals technisch nicht optimal aufgezeichnete Tenor Shorters mit Live-Weather-Report vergleicht, der muss nicht selten zweifeln, ob diese klingende Quäke tatsächlich von ein und demselben Mann bedient wird.
Auch die Toningenieure des „Rockpalast“ haben 1978 und 1983 das Problem nicht in den Griff gekriegt, von der ZDF-Mannschaft bei den Berliner Jazztagen 1975 ganz zu schweigen.
cover wr legendaryWenn jetzt also eine 4-CD-Box mit dem angedeuteten Versprechen „legendäre Gruppe = legendäre Aufnahmen“ in den Markt tritt („The Legendary Live Tapes: 1978-1981“), produziert obendrein von dem WR-Schlagzeuger der Jahre 1978-1986 (mit Unterbrechungen), Peter Erskine, dann darf man zurecht eine andere Selektion erwarten.
Leider löst Erskine das Problem nicht, sondern bekräftigt es erneut. Auch ihm stehen keine ordentlichen Mitschnitte, beispielsweise von Radiostationen zur Verfügung, sondern nur solche aus dem Mischpult und manchmal lediglich Cassetten-Aufzeichnungen aus dem Publikum.
Mischpult-Mitschnitte dokumentieren nicht das, was das Publikum „gehört“ hat, sondern sie zeichnen die Signale auf, die von den einzelnen Instrumenten abgenommen und dann durch das Mischpult in die PA, also die großen Lautsprecherboxen, geschickt werden. Was leise ist, wird verstärkt, was laut ist, wird gedämpft. Das Verhältnis der Stimmen zueinander kann nach Aufzeichnung nicht mehr korrigiert werden, es findet kein Mixing mehr statt.
Insbesondere auf den ersten beiden CDs fehlen Shorter´s Tenor tiefe Frequenzen, manchmal in einem Ausmaß, dass man vermutet, Zawinul habe auf seinen Tasten irgend ein Sax gesampelt („Forlon“, CD 1).
Apropos Zawinul, er dominiert die Aufnahme in geradezu penetranter Weise, jede auch noch so kleine Aktion von ihm ist voll präsent. Nämliches gilt für Jaco Pastorius (1951-1987), es gibt ein Duo mit Shorter, da quäkt dessen Tenor irgendwo aus der Tiefe des Raumes.
Die Begeisterung, die Peter Erskine im booklet in einer Stück-für-Stück-Besprechung äußert, muss man verstehen als die eines Beteiligten, der sich gut in die Lage versetzen kann, die mangelhaften Aufnahmen strukturell sozusagen „richtig zurecht zu hören“.
Seine Begeisterung muss man nicht teilen, zumal Wayne Shorter´s klangliche Indisposition sich auch inhaltlich abbildet: es muss bei diesen Konzerten so laut gewesen sein, dass er nur noch signalhaft sich artikuliert. Allein auf die WR-Jahre gestützt wäre Wayne Shorter kaum zu einem Ruf einer historischen Jazzgröße gelangt.
Gegen die Wurstigkeit des Zawinul, Josef, kann er sich häufig nicht behaupten; geradezu erschreckend dessen hektische Gedanken- und Klangsprünge im Duo über Duke-Ellington-Themen zum Auftakt von CD 2, nichts wird entwickelt, eine klanglich-musikalische Banalität folgt der anderen, die Qualität des Pianos ist zum Schreien schlecht.
Als Einzelleistung lässt sich aus der ersten Hälfte der Box allenfalls die wunderbar agierende Rhythmusgruppe in einem track herausdestillieren („Gibraltar“, CD 2).
CD 3, aufgenommen während einer UK-Tournee im November 1980, hat einen besseren Sound, das Tenor erscheint voller, mitunter ist das, was Wayne Shorter zu erzählen weiss, allerdings recht banal.
CD 4 stützt sich überwiegend auf einen Mitschnitt in Osaka, Juni 1978, und Shorter klingt hier wie vom Telefon zugeschaltet. Der Rakentenstart, der „Scarlet Woman“ einleitet, ist deutlich verzerrt. Unter normalen Umständen würde so etwas unter „P“, wie Papierkorb, entsorgt.
Das sind halt die ästhetischen Kosten von Aufnahmen, nach denen keiner gerufen hat, die sich selbst als „legendär“ aufbrezeln.
Wer wissen will, was diese Gruppe, deren Einfluss bis heute anhält, live zu bieten hatte, der ist mit ihrem Live-Album „8:30“ (1979) besser bedient, vor allem aber mit „Live and Unreleased“ (2002) und diversen Studio-Alben.

erstellt: 19.01.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten