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Das Virus hat noch keinen Namen, es grassiert im Groß-Feuilleton und bevorzugt Blätter am Alpen-Nordrand. Die Süddeutsche ist seit Jahren davon befallen (und notabene häufiger Quell für „2 Minuten Mundgeruch“), jetzt hat es auch die Grenze nach Westen überschritten und die Neue Zürcher Zeitung als spendablen Wirt besetzt.
Anlässlich der aktuellen, der 17. Ausgabe des Zürcher Festivals JazzNoJazz (kurioser Name für eine Reihe, die im Kern Jazzrock und Fusion bedient) fühlt sich Ueli Bernays bemüssigt, unter dem semi-marxistischen Titel „Der musikalische Materialismus“ die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen - auf dass man die Historie dieser Gattung(en) nicht mehr wieder erkenne.
Selbstverständlich kennt Bernays keine Künstler außer den paar Namen, die einem aus jedem Lexikoneintrag auf die Füsse fallen, selbstverständlich zieht auch er die bekannte Großkulisse wieder auf, den berühmten Dreiklang aus „Vietnam“, „Rassenunruhen“ und „Ölschock“, mit der zur Folklore geronnenen Folge: „...religiöse und künstlerische Leidenschaften kühlten aus“.
Viel schöner aber ist der Aperol-Slalom aus hü & hott: „Gewiss gibt es nicht wenige Meisterwerke im Fusion-Jazz.“ Bernays nennt keines jünger als Jahrgang 1971, meint aber wohl auch Weather Report:
„Schade nur, dass sich die künstlerischen Innovationen kaum als nachhaltig erwiesen in der Fusions-Szene.“
Wer wird da nicht raderdoll, wenn er an all die WR-Beeinflussten denkt, an die Yellowjackets, Doldinger, Tribal Tech, Dave Weckl, Steps Ahead?
Der Gipfel dieser Art Geschichtsschreibung lautet: „Das bedeutendste Vermächtnis von Fusion aber ist wohl die eigenartige Geschichtslosigkeit.“
Weiter vorn als im Feuilleton hatte die NZZ mal einen großen Ruf, z.B. für ihre Auslandsberichterstattung - die müssen wir jetzt wohl mit anderen Augen lesen, od´r?

erstellt: 28.10.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten